Berlin - Das Impfen als entscheidendes Instrument zur Bekämpfung der Corona-Pandemie kommt weiter nur langsam in Schwung. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind mittlerweile 4,4 Prozent der Menschen im Land geimpft. Jetzt melden sich in der Berliner Landespolitik die ersten zu Wort, die die Impfstrategie der Regierung anzweifeln. Eine Forderung: Die geltende Prioritätenliste des RKI soll aufgegeben werden.

Ärzte sollen über Impfreihenfolge entscheiden

„Es ist dringend notwendig, endlich in den Arztpraxen impfen zu lassen“, sagte Wolfgang Albers, streitbarer Gesundheitspolitiker der in Berlin mitregierenden Linkspartei, am Donnerstag auf Anfrage der Berliner Zeitung. Die Ärzte würden wie bei der Grippeschutzimpfung nach medizinischer Indikation vorgehen – ungeachtet irgendwelcher Listen des RKI und der Politik. Das führe auch zu mehr Akzeptanz des Impfens, so Albers. Die mit großem Aufwand installierten Impfzentren – in Berlin sind derzeit fünf von sechs in Betrieb – sollten dann so schnell wie möglich schließen, das in seinen Augen „verfluchte Einladungswesen“, müsse beendet werden. Beides sei nicht geeignet, möglichst schnell möglichst flächendeckend zu impfen, sagt der 70-Jährige Mediziner, der den Vorsitz im  Gesundheitsausschusses des Berliner Abgeordnetenhauses hat. 

Arztpraxen könnten in einem Monat 1,8 Millionen Berliner impfen

Albers befindet sich damit auf Linie der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin, die den Einsatz der niedergelassenen Ärzte in der Impfkampagne koordiniert. Etwa 3000 Praxen stünden in Berlin bereit. Diese Ärzte kennen ihre Patienten und könnten professionell entscheiden, in welcher Reihenfolge geimpft werden solle, sagte der KV-Vorsitzende Burkhard Ruppert auf Anfrage der Berliner Zeitung. Mit guter Planung könnten die Ärzte nach Rupperts Rechnung in einem Monat 1,8 Millionen Menschen impfen. Zum Vergleich: In ganz Berlin wurden seit Beginn der Impfkampagne Ende Dezember rund 270.000 Impfungen gesetzt.

Senat fordert schnelle Zulassung

Auch Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci bemängelt, dass der Impffortschritt so langsam voranschreitet. Die SPD-Politikerin fordert mehr Tempo – und sieht dabei vor allem das vom CDU-Politiker Jens Spahn geführte Bundesgesundheitsministerium in der Pflicht. „Ich fordere den Bund auf, durch eine Änderung der Impfverordnung so schnell wie möglich das Impfen über die niedergelassenen Ärzte zu ermöglichen“, sagte Kalayci am Donnerstag auf Anfrage der Berliner Zeitung. Zu einer möglichen Änderung der Prioritätenliste wollte sie nichts sagen.

In vier der fünf Berliner Impfzentren wird nach wie vor nur der mRNA-Impfstoff der Hersteller Biontech/Pfizer beziehungsweise Moderna verimpft. Er ist ausschließlich für Menschen über 65 Jahren vorgesehen.

Alle anderen erhalten den britisch-schwedischen Vektor-Impfstoff Astrazeneca. Derzeit sind laut Prioritätenliste unter anderem medizinisch-pflegerisches Personal, Polizisten oder Angehörige anderer Risikogruppen an der Reihe. Auch Pädagogen sind jetzt aufgerückt.

Wenig Impfungen in Tegel

Dennoch bleibt das Geschehen im ehemaligen Flughafen Tegel, wo das einzige Berliner Astrazeneca-Impfzentrum ansässig ist, überschaubar. Nach Angaben der Gesundheitsverwaltung wurden dort am Sonntag 750 Menschen geimpft. Am Montag waren es 405, am Mittwoch 680 Personen. Das ist mehr als in den ersten Tegel-Tagen, als nur 165 Menschen täglich geimpft wurden – möglich wären aber 3800. In Berliner Krankenhäusern wurden nach Angaben der Gesundheitsverwaltung bisher 7300 Mitarbeiter mit Astrazeneca geimpft. Insgesamt seien in der Stadt bisher 64.800 Dosen Astrazeneaca angekommen – 38.600 davon seien durch Lieferungen an Krankenhäuser und Terminbuchungen disponiert, wie es hieß. Rein rechnerisch bleiben also mehr als 26.000 Dosen ungenutzt liegen.

Einer der Gründe für das mäßige Impf-Tempo ist die anhaltende Kritik an dem Impfstoff. Er gilt als weniger wirksam. Auch die Einschränkung, dass er nur für Menschen bis 65 Jahren zugelassen ist, führt zu einem Imageproblem. 

Die Politik versucht, das jetzt zu ändern. So sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Donnerstag bei einem Online-Bürgerdialog, er habe „nur wenig Verständnis für die Zurückhaltung gegenüber dem einen oder dem anderen Impfstoff“. Das sei „ein ziemliches Luxusproblem“.