Digitale Brandmauer: Wie China mit großem Aufwand das Internet zensiert

Angesichts der Proteste im Land verschärft China die Online-Zensur. Zugleich will man bis 2030 die USA als KI-Weltmarktführer überholen.

Demonstranten in Seoul, Südkorea, protestieren Ende November gegen die Corona-Politik der chinesischen Regierung. Solche Bilder werden in China scharf zensiert.
Demonstranten in Seoul, Südkorea, protestieren Ende November gegen die Corona-Politik der chinesischen Regierung. Solche Bilder werden in China scharf zensiert.dpa/Ahn Young-Joon

Es sind Bilder, die man seit dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens 1989 aus China nicht mehr gesehen hat: Menschen gehen auf die Straße und protestieren gegen das Regime. Manche fordern sogar den Rücktritt des allmächtigen Staatschefs Xi Jinping.

Die Bürger haben die Nase voll von harten Ausgangsbeschränkungen, derentwegen sie ihre Häuser nicht mehr verlassen dürfen oder auf Fabrikgeländen kaserniert werden. Das halbe Land befindet sich im Lockdown, die Wirtschaft lahmt, jeder fünfte Jugendliche ist arbeitslos. Doch Staatschef Xi Jinping, ein beinharter Ideologe, glaubt weiter an die Überlegenheit seines Systems gegenüber den liberalen Demokratien des Westens.

Zunächst sah es in der Corona-Krise so aus, als könne eine Autokratie eine Pandemie effektiver eindämmen. Ein autoritäres Regime kann einfach Schulen und Fabriken schließen, ohne Grundrechte in zähen Parlamentsdebatten abwägen zu müssen. Doch je mehr der Erreger endemisch wird, desto erratischer wird Chinas Null-Covid-Politik. Und mit jedem Tag, mit dem die Menschen länger im Lockdown sitzen, wächst der Druck auf das Regime.

Eine Armee von Aufpassern scannt das Netz nach sensiblen Inhalten

Die staatliche Zensur, die „Great Firewall“, blockiert soziale Medien wie Facebook oder WhatsApp. Chinesische Tech-Firmen beschäftigen eine ganze Armee von Aufpassern, die das Netz systematisch nach sensiblen Inhalten scannen. Wörter wie Tibet oder Taiwan fliegen sofort raus, auch vermeintlich harmlose Bilder wie ein leerer Stuhl – eine Anspielung an den Dissidenten und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, der das Land nicht verlassen durfte – werden unverzüglich gelöscht. Nichts soll von außen ins Land dringen.

Der Kontrollwahn geht inzwischen sogar so weit, dass die Internetgiganten Alibaba, Tencent und Bytedance, die Mutterfirma der populären Video-App TikTok, ihre Algorithmen, also ihr größtes Betriebsgeheimnis, gegenüber den Behörden offenlegen mussten. Peking macht selbst für den Empfehlungsalgorithmus Vorgaben – und beeinflusst möglicherweise auch das, was eine Milliarde TikTok-Nutzer auf der Welt auf ihren Bildschirmen sehen.

Bürger umgehen die Zensur mit Wortspielen, Symbolen und Ironie

Wie nervös die Regierung ist, beweist auch die Tatsache, dass das chinesische Staatsfernsehen jüngst Bilder von maskenfreien Fans bei der WM in Katar zensierte. Doch die digitale Brandmauer zeigt erste Risse, auch weil die Proteste subversiver werden: Die Bürger umgehen den staatlichen Zensurapparat mit Wortspielen, Symbolen und Ironie. Denn das ist etwas, was nur Menschen, aber keine Maschinen erkennen.

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Khunkorn Laowisit/PantherMedia
Online-Zensur in China
Als das Internet 1994 nach China kam, war es noch relativ frei. Das Regime sah das Netz als Vehikel der Politik der offenen Tür. Doch mit der Jahrtausendwende begann Peking sich digital einzumauern – getreu dem Motto des ehemaligen Staatschefs Deng Xiaoping: „Wenn man das Fenster öffnet, kommen Fliegen herein.“

Technisch gesehen besteht die „Great Firewall“ aus zwei Komponenten: Zum einen kontrollieren die Behörden die physische Infrastruktur, die sogenannten entry points, die China mit dem World Wide Web verbinden. Zum anderen überwacht der Staat Provider, die sensible Inhalte zensieren müssen.

Auch US-Konzerne haben sich in vorauseilendem Gehorsam bereits der Zensur unterworfen: So hat Apple einzelne Apps aus seinem App Store entfernt. Google wollte vor einigen Jahren eine Zensurversion seiner Suchmaschine auf den chinesischen Markt bringen, wogegen sich jedoch Widerstand der Mitarbeiter regte.

Chinesische Tech-Firmen arbeiten daher unter Hochdruck an leistungsfähigen KI-Systemen, die mehr als nur Wörter von einer Blacklist detektieren. So hat der Suchmaschinenriese Baidu eine Bilderzeugungs-KI entwickelt, die noch kreativer als das westliche Pendant DALL-E sein soll.

Man tippt einfach einen Text ein, dann kreiert der Computer ein Bild. Allein das Tool hat einen „Schönheitsfehler“: Bei der Eingabe von Begriffen wie „Tiananmen“ oder „Demokratie in China“ streikt der Bildgenerator – und spuckt eine Fehlermeldung aus. Die Kunstfreiheit endet beim Programmcode. Und den schreibt Peking vor.

Bis 2030 will China zum KI-Weltmarktführer aufsteigen

Die chinesische Staatsführung hat sich ambitionierte Ziele gesetzt: Bis zum Jahr 2030 soll das Land zum Weltmarktführer für Künstliche Intelligenz (KI) aufsteigen. Dafür investiert der Staat Milliarden in Entwicklungszentren. Noch haben die USA einen Entwicklungsvorsprung. Doch China holt mächtig auf.

So haben im vergangenen Jahr Forscher der Beijing Academy of Artificial Intelligence eine hochleistungsfähige Sprach-KI namens „Wu Dao 2.0“ (Chinesisch für „Erleuchtung“) präsentiert, die mit 1,75 Billionen Parametern zehnmal so groß ist wie der Textgenerator GPT-3. Kein KI-System hat so viel PS unter Haube wie Wu Dao 2.0. Von einem „Monster“ war die Rede. Bereits 2025 könnte China mehr Daten produzieren als die USA.

Insofern, als Daten der Treibstoff der KI sind, könnte sich der fehlende Datenschutz als Standortvorteil erweisen. Der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt unkte, China könnte die USA als „KI-Supermacht“ bald ablösen. Doch um solche KI-Systeme zu entwickeln, braucht es nicht nur Daten, sondern auch hochleistungsfähige Computerchips. Und die sind gerade Mangelware. Fabriken müssen oft wochenlang auf die begehrten Halbleiter warten, Autobauer mussten teils sogar Fahrzeuge mit analogem Tachometer ausliefern.

Rivalität zwischen China und den USA ist durch Rechenpower bestimmt

Die Chipindustrie ist ein hochkomplexes Gebilde mit fragilen Lieferketten, der Markt konzentriert sich auf ein paar Firmen, die das Know-how besitzen, Prozessoren im Nanometerbereich herzustellen. Ein Umstand, der den Strategen im Weißen Haus bewusst ist. So hat US-Präsident Joe Biden ein faktisches Embargo gegen die chinesische Chipindustrie verhängt und damit die protektionistische Handelspolitik seines Amtsvorgängers Donald Trump fortgesetzt. China soll nicht von amerikanischer Halbleitertechnik profitieren, um KI-Systeme zu entwickeln, mit denen möglicherweise Bürgerrechtler unterdrückt werden.

Der Wirtschaftshistoriker Chris Miller schreibt in seinem aktuellen Buch „Chip War“, dass sich Amerikas Vormachtstellung der Fähigkeit verdanke, Computerchips zu militärischen Zwecken einzusetzen. Wurde der Zweite Weltkrieg durch Stahl und Aluminium entschieden, sei die Rivalität zwischen China und den USA durch Rechenpower bestimmt, so Miller.

Der Wettlauf um die Vorherrschaft auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz ist auch ein Wettkampf der politischen Systeme: Demokratie gegen Autokratie. Es geht nicht nur darum, wer die besten Apps entwickelt, sondern darum, wer die Spielregeln für die Gesellschaft schreibt. Wer setzt – neben den technischen – die moralischen und ethischen Standards?

Kantianische gegen konfuzianische Vorstellungen

Zwischen den individualistischen Gesellschaften des Westens und kollektivistischen Asiens gibt es einen meilenweiten Unterschied. Wo in den USA und Europa in kantianischer Tradition das Individuum im Mittelpunkt steht, genießt in Asien der Schutz der Gesellschaft Priorität. Dieser kulturelle Unterschied, der sich bereits bei den Corona-Maßnahmen offenbarte, zeigt sich bei den ethischen Dilemmata beim autonomen Fahren.

Während es im Westen eine starke Präferenz dafür gibt, alte zugunsten junger Menschen zu „opfern“, gibt es im konfuzianisch geprägten Osten eine stark ausgeprägte Haltung, die „Rechtmäßigen“ – also diejenigen, die sich an die Straßenverkehrsregeln halten – zu schonen. Importiert man künftig mit Roboterfahrzeugen made in China auch konfuzianische Moralvorstellungen?

Jeder sechste Deutsche befürwortet chinesisches Social-Credit-System

Das autoritäre „Modell“, das chinesische Firmen mit dem Verkauf von Überwachungstechnik in die Welt exportieren, entfaltet schon heute Strahlkraft im Westen: Laut einer Umfrage des Sinus-Instituts in Kooperation mit YouGov befürwortet immerhin etwa jeder sechste Deutsche (17 Prozent) das chinesische Social-Credit-System, das gutes Verhalten belohnt und schlechtes bestraft.

Auch Elon Musks Ankündigung, Twitter zu einer „Super-App“ nach dem Vorbild von Wechat auszubauen – einer App, mit der sich etwa Kinotickets buchen und Fahrräder mieten lassen –, kann als Versuch gewertet werden, das chinesische Modell zu kopieren. Der Systemkonflikt zwischen China und dem Westen nimmt gerade erst Fahrt auf.