Klar, die Titelmusik. Sie kennt wahrscheinlich jeder, der in den 60er-Jahren geboren wurde und in seiner Kindheit oder Jugend niemals zu totaler Fernsehabstinenz verdonnert wurde. Und dann: die Landkarte! Während besagte Melodie beschwingt losgaloppierte wie ein Cowboy bei der Verfolgung einer besonders widerspenstigen Kuh, fing die Karte vor jeder neuen Episode aus nach wie vor ungeklärten Gründen spontan Feuer, um den Blick auf die vier Personen freizugeben, deren Abenteuer man auf keine Fall verpassen wollte: Ben Cartwright und seine Söhne Adam, Hoss und Little Joe. Die Helden von „Bonanza“. Ein Quartett, fest verankert im kollektiven Gedächtnis vieler Menschen, die sich heute jenseits der 40 befinden.

Die US-Westernserie „Bonanza“ bietet sich wunderbar an, um sich mit Freunden hemmungslos der Nostalgie hinzugeben und im Vergangenen zu schwelgen. Der dicke, gemütliche Hoss! Der lustige, stets meckernde Koch Hop Sing! Der gestrenge Pa, dem seine Söhne qua Naturgesetz niemals widersprachen! Hatte Johnny Cash nicht sogar eine gesungene Version der legendären Titelmelodie vorgelegt? Und Ben-Cartwright-Darsteller Lorne Greene nicht auch?

Schlicht und ergreifend zu brutal

Was viele nicht wissen: Derzeit gibt es einen ziemlich guten Anlass, seine Zeit mit derlei detailverliebten Erinnerungen und Fachplauderei zu veredeln – ein Jubiläum. Vor 50 Jahren erreichten die Cartwrights von der Ponderosa-Ranch erstmals Deutschland; exakt zehn Folgen strahlte die ARD aus und nahm die Serie sodann – obwohl beim Publikum durchaus beliebt – wieder aus dem Programm. Die Begründung für die enorm abwegige Tat mutet heute verblüffend weltabgewandt und bizarr an: „Bonanza“ – so murrten die ARD-Oberen – sei schlicht und ergreifend zu brutal.

Nun ist man ja heutzutage einiges gewöhnt. Man denke nur an die HBO-Westernserie „Deadwood“, in der hingebungsvoll gemordet, gemeuchelt und massakriert wird und der lustig sprechende Asiate gewohnheitsmäßig das macht, was seinem braven „Bonanza“-Kollegen Hop Sing niemals in den Sinn gekommen wäre: Er verfüttert die Opfer des Dorf-Finsterlings an seine Schweine. Doch selbst, wenn man völlig ignoriert, was Fernsehen heutzutage zeigt, wenn man seine Abgebrühtheit aus dem Jahr 2012 außen vor lässt und so tut, als lebe man noch damals: Auf den Gedanken, dass „Bonanza“ brutal sei, kann man trotzdem nicht kommen.

Als die Cartwrights 1959 das Licht der Welt erblickten, hatten ihre Väter keinen harten, authentischen Western im Sinn, sondern eine Familienserie, in der – so der als innovativ empfundene Leitgedanke – endlich einmal Männer im Mittelpunkt stehen sollten (so erklärt sich auch der radikale Mangel an weiblichem Personal in den Geschichten rund um die Ponderosa-Ranch). Seine drei Söhne hatte Ben Cartwright immerhin von drei verschiedenen Ehefrauen, die jedoch konsequenterweise alle rechtzeitig genug verstarben, um in der Serie nicht mitspielen zu können. So war Pa das alleinige Oberhaupt der Familie, moralisch integer, gesetzestreu. Ein wertkonservatives Patriarchat. Bens Söhne folgten ihm treu, hatten ihm treu zu folgen. Gemeinsam lösten sie jedes Problem, fingen jeden Verbrecher, verhalfen dem Guten stets zum Sieg – und das, jawohl, ohne wild durch die Gegend zu ballern. Gewalt war keine Lösung. Bei der ARD muss das untergegangen sein.

426 Folgen lang blieben die Bonanza-Fans in den USA ihren Lieblingen bei der Stange. Erst der Tod Dan Blockers, der den gemütlich dicken und für die Späße verantwortlichen Hoss Cartwright spielte, machte dem TV-Evergreen im Verbund mit einem neuen Sendeplatz den Garaus. In Deutschland hatte nach der Wahnsinnstat der ARD das ZDF den braven Western übernommen und zeigte ihn bis 1977 stets sonntags um 18.10 Uhr, 208 Episoden lang. Weitere 152 Folgen zeigte ab 1989 Sat.1 in deutscher Erstausstrahlung, Kabel eins legte 1997 noch einmal 40 obendrauf. Ein paar Geschichten blieben rätselhafterweise unausgestrahlt, und dennoch: Die Cartwrights erwiesen sich als äußerst zäh.

Behäbige Familienunterhaltung

Von den Schauspielern der Serie kann man das nur bedingt behaupten. Nicht nur der frühe Tod Dan Blockers legt nahe, dass trotz des Sendetitels – „Bonanza“ bedeutet so viel wie „Glücksfall“ – ein Fluch auf der Serie liegen könnte. Victor Sen Yung etwa – „Hop Sing“ – fiel 1980 65-jährig dem Leck seines Gasofens zum Opfer. Michael Landon wiederum, berühmt geworden als romantischer Frauenschwarm Little Joe, schenkte der Welt mit „Unsere kleine Farm“ und „Ein Engel auf Erden“ zwei Glanzstücke der behäbigen Familienunterhaltung, bevor er 1991 mit 54 Jahren an Krebs starb. Adam-Darsteller Pernell Roberts hingegen erreichte mit 81 Jahren ein fast biblisches Alter; allerdings war er bereits 1965 aus der Serie ausgestiegen. Er fand es schlichtweg albern, dass drei erwachsene Männer brav und treu ergeben bei ihrem Pa wohnen.

Der Todestag seines Filmvaters Lorne Greene jährt sich am 11. September zum 25. Mal; auch das ein Grund, um noch einmal über die brennende Landkarte, die unvergessliche Titelmusik und die sittlich einwandfreie Welt der Ponderosa-Ranch zu reden.