Suruc/Ankara. - Die kurdischen Milizen in Kobane haben einen schweren Rückschlag erlitten und ihr Hauptquartier nach erbitterten Gefechten an die Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS) verloren. Inzwischen kontrollierten die Islamisten 40 Prozent der nordsyrischen Grenzstadt und stünden kurz davor, die verbliebenen Kurdenkämpfer „vollständig zu umzingeln“, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Freitag.

Bereits am Donnerstag hatten die islamischen Fanatiker das Hauptquartier der kurdischen Polizei eingenommen, das im gleichen Stadtviertel wie die Kommandozentrale der Volksverteidigungseinheiten (YPG) und der Gemeinderat liegt. Die militärisch unterlegenen Verteidiger Kobanes kämpfen nun darum, die letzte Fluchtroute für die mehr als 10 000 verbliebenen Zivilisten in der Stadt offenzuhalten. Laut dem UN-Sondergesandten Staffan de Mistura halten sie nur noch einen schmalen Korridor zur türkischen Grenze. Die Frontlinie verläuft mittlerweile lediglich 1300 Meter entfernt von der türkischen Grenze.

Der Sprecher der türkischen Regierungspartei AKP, Besir Atalay, spielt das Problem der Zivilisten in der Stadt hingegen herunter. Er sagte, außer kurdischen „Militanten“ halte sich niemand mehr in Kobane auf. Alle Zivilisten seien in die Türkei geflohen.
An der Grenze hat das türkische Militär zwar Truppen zusammengezogen, vor einer Intervention schreckt es aber zurück. Zwar gab es auch in der Nacht zum Freitag im Süden und Osten der Stadt Luftangriffe der US-geführten Militärallianz. Doch zeigten diese wenig Wirkung. Der Beobachtungsstelle zufolge bewegen sich die Dschihadisten inzwischen mit Motorrädern, um Luftangriffen zu entgehen.

Am Freitagnachmittag wurden zwei neue Luftangriffe auf IS-Stellungen in Kobane geflogen. Doch laut US-Außenminister John Kerry hält Washington die Stadt nicht für strategisch bedeutsam. Kobane sei eine Tragödie, aber nicht entscheidend für die Strategie gegen die sunnitischen Extremisten, erklärte US-Außenminister John Kerry. Hauptziel sei es, Raum für die irakische Regierung zu schaffen und sie in die Lage zu versetzen, den IS zurückzudrängen.

Um gegen die zögerliche Syrien-Politik Ankaras zu protestieren, gingen in den vergangenen Tagen tausende Kurden in mehr als 30 türkischen Städten auf die Straße. Bei Zusammenstößen mit der Polizei sowie Islamisten und Nationalisten wurden nach Regierungsangaben mindestens 31 Menschen getötet und Hunderte verletzt, zudem gab es über tausend Festnahmen. „Die Türkei ist kein Land, dass seine Innen- oder Außenpolitik an den gewaltsamen Handlungen von Strolchen und Terroristen ausrichtet“, sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan dazu. Und die Türkei sei auch „kein Land, das aus Angst vor Straßenprotesten von seinem Kurs abweicht“.

Die Bundesregierung wies Forderungen, sie müsse mehr Druck auf Ankara machen, als unbegründet zurück. Es gebe „keinen Anlass“, der türkischen Regierung zu sagen, was sie „zu tun oder zu lassen hat“, sagte ein Außenamtssprecher am Freitag. Auch die Forderung Ankaras nach einer Pufferzone für Flüchtlinge in der Grenzregion wies er zurück: Dazu bräuchte es einen „massiven militärischen Einsatz, wohl auch auf dem Boden“, für den Berlin in der Staatengemeinschaft keine Bereitschaft sehe. (afp, dpa, rtr)