DDR-Bürger, die im Jahr 1989 die Strapazen einer Flucht über die westlichen Landesgrenzen auf sich nahmen, hatten einen – aus heutiger Sicht – denkbar schlechten Zeitpunkt gewählt: Denn wohl kaum jemand ahnte zu dieser Zeit, dass man im November desselben Jahres problemlos die Grenzen in den Westen passieren können würde.

Die Flucht von Katrin Linke und Karsten Brensing begann mit Petroleum-Lampen

Katrin Linke und Karsten Brensing, damals gerade 20 Jahre alt, gehörten zu den letzten Flüchtlingen der DDR. Sie wohnten in Erfurt, arbeiteten als Bademeister und als Reiseleiter. Karsten Brensing hatte den Traum, Meeresbiologe zu werden. Weil sich die beiden für ihre Karriere im Arbeiter-und-Bauern-Staat keine großen Chancen ausmalten, planten sie die Flucht.

Mit Petroleum-Lampen fing alles an. Brensing hatte einen Brieffreund in Japan, der dem Paar gefälschte Reisepässe besorgen sollte. Um diese zu bezahlen, kauften sie in großen Mengen Petroleumlampen in verschiedenen Geschäften ein, um sie in Japan zu verkaufen. Der Plan war, mit einem offiziellen Visum in die Sowjetunion einzureisen und dann mit Hilfe von Makoto, so der Name der japanischen Freundes, mit gefälschten Pässen nach Japan zu gelangen. Bezahlt werden sollten diese aus dem Verkauf der Lampen, die Brensing in Berlin im sogenannten „Kleinen Grenzverkehr“ in den Westen schmuggelte. In Taschkent wartete das Pärchen tagelang, doch der japanische Freund ließ sich nicht blicken. Also mussten alternative Pläne geschmiedet werden, eine trostlose Zukunft in der DDR kam nicht mehr infrage.

Das Paar landete getrennt im Westen

Von der waghalsigen Idee, über das Hochgebirge Pamir nach Indien zu wandern, hielt sie ein anderes Backpacker-Pärchen aus Dresden ab. Nach einer 12.000 Kilometer langen Reise quer durch die Sowjetunion strandeten Brensing und Linke schlussendlich dann in Finnland. Die Alternative war es dann, einen Bootsbesitzer anzusprechen und sie als blinde Passagiere in den Westen zu schmuggeln. Dieses Risiko wollte dort allerdings niemand auf sich nehmen. So ging weiter durch den Ostblock nach Ungarn, wo das Paar wegen seiner Fluchtversuche erst einmal im Gefängnis landete. Nach ein paar Tagen wieder in Freiheit lernten Brensing und Linke beim Trampen zwei 19-jährige Frauen aus Stuttgart kennen, die sich tatsächlich bereit erklärten, Katrin Linke in ihrem VW Polo unter der Rückbank zu verstecken und über die Grenze zu schmuggeln. Das ging gut, während Karsten Brensing, ein trainierter Schwimmer, wagemutig 25 Kilometer durch die Donau schwamm. Nach einer Odyssee gelangte das Paar getrennt in den Westen und fand sich durch einen Zufall am 18. August 1989 im Aufnahmelager Gießen wieder.

Wie gefährlich die ungarische Grenze zu diesem Zeitpunkt noch war, beweist der Tod eines Flüchtlings aus Weimar, dem letzten Mauertoten; Kurt-Werner Schulz wurde am 21. August 1989 von der Kugel eines ungarischen Grenzers getroffen. Der Vater starb vor den Augen seines fünfjährigen Sohnes.

Karsten Brensing Katrin Linke schrieben das Buch „Eine Liebe ohne Grenzen“

Ihre Erlebnisse haben Karsten Brensing und Katrin Linke jetzt niedergeschrieben. Das Buch „Eine Liebe ohne Grenzen“ mit vielen Fotos ist gerade im Lübbe Verlag erschienen. Während der erste Teil eine Zeitreise durch die DDR ist, liest sich der zweite Teil des Buches wie ein Krimi. Mittlerweile wohnen die beiden wieder in ihrer Heimatstadt Erfurt. Karsten Brensing ist, wie er es sich immer gewünscht hatte, Meeresbiologe geworden und hat eine Reihe populärwissenschaftlicher Bücher veröffentlicht, unter anderem den Bestseller „Das Mysterium der Tiere – Was sie denken, was sie fühlen“. Er war zehn Jahre lang wissenschaftlicher Leiter des Deutschland-Büros der internationalen Wal-und-Delfinschutzorganisation WDC.

Mit dem Buch startete Katrin Linke die Aktion „Picknick ohne Grenzen“ (www.picknick-ohne-grenzen.de). Damit lehnt sie sich an das sogenannte „Paneuropäische Picknick“ im August 1989 an, eine Friedensdemonstration bei Sopron, ein wichtiger Meilenstein, der letztendlich auch zum Zerbrechen des Ostblocks führte und bei der rund 600 DDR-Bürger innerhalb weniger Stunden durch eine „Masche“ des Eisernen Vorhangs flüchteten. Mit dem Picknick will Linke ihren Wunsch verwirklichen, die vielen Menschen, denen sie auf ihrer Flucht begegnete, wiederzusehen: „Anhand der Beschreibungen im Buch müsste es einfach sein, diese Personen zu finden“, so ihre Hoffnung. „Wir möchten euch wiedersehen, wir möchten eine Party feiern zwischen Ost und West und Danke sagen allen, die uns damals geholfen haben. Das Picknick soll Menschen in Ost und West zusammenbringen, es soll erinnern, dass Freiheit nichts Selbstverständliches ist“.

Karsten Brensing und Katrin Linke wollen zusammen mit DDR-Flüchtlingen feiern

Ihr Mann fügt an, dass sie aber nicht nur Menschen wiedersehen wollen, die sie auf der Flucht kennenlernten, sondern mit allen DDR-Flüchtlingen feiern wollen, egal, wie sie es aus dem Land schafften. Linke: „Wir überlegen, ob wir das Picknick in diesem Herbst im kleinen Rahmen starten wollen.“ Für 2020 hofft sie, dass sich Sponsoren und Musiker finden, die sie unterstützen. Udo Lindenberg habe sie bereits als Schirmherrn angefragt. „Er steht für mich, und sicher viele, als Symbol dieser Zeit. Seine Musik hat mir Mut gemacht und es wäre ein Traum, ihn an Bord kriegen zu können“. In ihrer Familie, erinnert sich die Erfurterin, gibt es einige DDR-Flüchtlinge. Doch geredet wurde darüber bislang nicht viel. „Ich glaube, das geht jetzt erst los. Irgendwie war die Erfahrung für die meisten traumatisch, wurde verdrängt. Viele haben sich erst mal ins Leben gestürzt.“ Bei Katrin Linke kam das Bedürfnis des Wiedersehens um ihren 50. Geburtstag herum, eine Zeit, wo man zurückschaut und Resümee zieht. Erste Erfolge haben sich in des bereits eingestellt: „Den Japaner, der uns in Taschkent versetzt hat, haben wir inzwischen gefunden. Er hat sich entschuldigt“, erzählt Katrin Linke und lacht.