Die Corona-Pandemie hat vor allem die Gastronomie- und Clubszene schwer getroffen.
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BerlinVor allem in der Gastronomie und im Tourismus konnte man in der Nacht zu Mittwoch aufatmen. Nach stundenlangen Beratungen beschloss die große Koalition, das an die Pandemie angepasste Kurzarbeitergeld auf bis zu 24 Monate zu verlängern. Besonders die Branche des sogenannten sozialen Konsums kann damit etwas ruhiger auf die kältere Jahreszeit blicken, wenn von Außengastronomie und Ostsee-Badeurlaub keine Rede mehr sein wird.

Unumstritten ist die Maßnahme trotzdem nicht. Kritiker führen vor allem die zusätzlichen Kosten von rund zehn Milliarden Euro gegen die Verlängerung ins Feld. Außerdem würden so Unternehmen am Leben erhalten, die auch schon vor der Krise kurz vor dem Aus standen. Vor allem in der Gastronomie halte man eine Branche am Leben, in der ohnehin hohe Fluktuation herrsche und meist ungelernte und niedrig bezahlte Kräfte arbeiteten.

Es ist einfach, denen Zynismus vorzuwerfen, die die Verlängerung kritisieren. Schließlich hilft das Kurzarbeitergeld Unternehmen und ihren Beschäftigten, in einer Krise zu überleben, in die sie unverschuldet geraten sind.

Doch das Kurzarbeitergeld ist eigentlich als Überbrückungsinstrument gedacht – bis Firmen ihre Produktivität wieder aufnehmen können und ihre Arbeitskräfte wieder in vollem Umfang gebraucht werden. Breit gestreut, so die Sorge, könne die Maßnahme die falschen Anreize setzen und verhindere den Strukturwandel, indem sie Unternehmen und Beschäftigten ein „Weiter so“ suggeriere, statt sie zur Um- oder Neuorientierung zu zwingen.

Niemand weiß, was kommt

Wie in allen Belangen der Corona-Krise gilt auch in diesem Fall: Niemand weiß, was passieren wird. Wann es einen Impfstoff geben wird, wann und ob wir jemals wieder zur Vor-Krisen-Normalität zurückkehren werden. Man muss kein Pessimist sein, um davon auszugehen, dass viele Clubs, Diskotheken und Restaurants die Krise nicht überleben werden. Und niemand weiß, ob die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes diesen Prozess aufhalten kann oder ihn nur nach hinten verschiebt.

Doch was wäre die Alternative? Zunächst ein massenhafter Anstieg der Arbeitslosigkeit – ein Szenario, das wirtschaftlich gesehen vielleicht sinnvoller wäre, politisch aber nicht gewollt ist. Mal ganz abgesehen von dem damit verbundenen Stigma, mit dem Arbeitslose in dieser Gesellschaft konfrontiert sind – übrigens völlig unabhängig davon, aus welchen Gründen sie ihre Arbeit verloren haben.

Am Ende bleiben zwei Argumente übrig. Das eine ist das wirtschaftliche: Die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes verschafft auch Unternehmen, die nicht einfach auf mobiles oder digitales Arbeiten umschwenken können, eine Atempause und sorgt damit für Stabilität in einer Phase der ökonomischen Verunsicherung.

Das andere Argument ist ein kulturpolitisches (an dem wiederum ein wirtschaftliches hängt): Es sollte ein Interesse bestehen, regionalspezifische Besonderheiten im Bereich des sogenannten sozialen Konsums – auf die der föderale Staat schließlich so gern stolz hinweist – perspektivisch zu erhalten, sei es die über Jahre gewachsene Clubkultur, die Brauhaustradition oder das Feiern des Karnevals. Denn auch, wenn sie noch in weiter Ferne ist: Es wird eine Zeit nach Corona geben, in der wir uns aus der digitalen Welt wieder in die analoge wagen werden. Nur muss diese dann auch noch existieren.