Berlin/London - Mit Blick nach London könnte sich unser Gesundheitsminister doch erst einmal wieder ein Stück weit zurücklehnen. Jens Spahn ist schon viel kritisiert worden während der Pandemie, aber das ganz große Theater im besten Shakespeare’schen Sinne, das läuft gerade bei seinem Amtskollegen drüben auf der Insel ab. Das Stück über den britischen Gesundheitsminister Matt Hancock, der nach Berichten über eine Affäre mit einer Mitarbeiterin soeben zurückgetreten ist, enthält etliche Wahrheiten über Macht, Leben und Liebe – ein Kassenschlager für alle Schichten.

Zumal, wenn man sich Hancocks beeindruckende Vita anschaut. Eine Karriere wie aus dem Bilderbuch eröffnet sich da, mit Aufsteigerpotenzial an vielen Fronten. Der 42-Jährige kann Abschlüsse in Oxford und Cambridge vorweisen, Stationen als Ökonom bei der Zentralbank des Vereinigten Königreichs, dann den Einstieg in die Politik als Stabschef und Staatsminister, die Leiter immer steiler hinauf. Anfang 2018 wurde der Konservative von Theresa May zum Kulturminister gemacht, ein halbes Jahr später zum Gesundheitsminister befördert. Diesen Posten behielt er auch in der Regierung von Boris Johnson. „Ein junger Minister hat das Zeug dazu, in Westminster an die Spitze zu klettern“, titelte die Financial Times im August 2019.

Dann kam Corona und Hancock wurde zum wichtigen Mann in der Pandemie. Seinen ersten großen Covid-Auftritt hatte er im Januar 2020, als bestätigt wurde, dass sich das Virus auch auf das Vereinigte Königreich ausgebreitet hatte. Hancock sprach damals von „bedeutenden Maßnahmen“, die ergriffen werden müssten.

Nachdem die Regierung strenge Ratschläge zum Social Distancing ausgegeben hatte, vertrat Hancock eine noch stärkere Linie als der Premierminister, wenn es darum ging, diejenigen zu verurteilen, die sich immer noch in Gruppen trafen. Hancock verspottete diese Menschen als „sehr egoistisch“. Aus dem April 2020 stammt folgender Satz von ihm: „Meine Botschaft ist wirklich klar. Wenn Sie nicht möchten, dass wir allen Umgang außerhalb Ihres eigenen Hauses verbieten, müssen Sie die Regeln befolgen, und die überwiegende Mehrheit der Menschen befolgt die Regeln.“

Nun, wie sich in einem nächsten Akt herausstellte, nahm es Hancock mit den Regeln, die er als Gesundheitsminister aufgestellt hatte, selbst nicht so genau. Die Zeitung The Sun veröffentlichte am Freitag Bilder, die zeigen, wie er seine Mitarbeiterin Gina Coladangelo küsst, die früher als Lobbyistin gearbeitet hatte und dann in Hancocks Beraterteam gewechselt war. Zum Zeitpunkt der Aufnahmen galten in Großbritannien noch strenge Abstandsregeln zu Mitgliedern fremder Haushalte.

Zu zahlreichen anderen Vorwürfen, die seine Ministerkarriere begleiteten, kam nun also noch eine Kuss-Affäre, die Hancock auch auf einer anderen, abseits der Politik spielenden Bühne Probleme bereiten könnte. Der Mann ist verheiratet und hat drei Kinder. Genauso wie Gina Coladangelo übrigens. Die beiden kennen sich noch aus Studientagen.