Calgary - Mit Bedauern haben Regierungen, Umweltschutzorganisationen und Wissenschaftler auf die Entscheidung Kanadas reagiert, aus dem Kyoto-Klimaschutzabkommen auszusteigen. Der Schritt laufe „den Bemühungen der internationalen Gemeinschaft zuwider“, sagte etwa Chinas Außenamtssprecher Liu Weimin am Dienstag. China ist der weltgrößte CO2-Emittent. Kanada ist der erste Staat, der das Abkommen aufgibt.

Der Kieler Klimaforscher Mojib Latif sieht in Kanadas Entscheidung den Beweis für das Versagen der Staatengemeinschaft beim Klimaschutz. „Letzten Endes dokumentiert Kanada ja nur, dass die vergangenen Jahre keinen Klimaschutz gebracht haben“, sagte Latif. Das Umweltministerium zeigte sich nicht überrascht: Es sei „keine politische Neuigkeit“, dass Kanada aus diesem Regime herauswill, sagte der deutsche Umweltminister Norbert Röttgen (CDU).

„Dass Kanada unmittelbar nach dem Ende des Weltklimagipfels von Durban aus dem Kyoto-Abkommen aussteigt, bestätigt das Misstrauen der Schwellenländer gegenüber den Industrieländern“, urteilte die Klimaexpertin des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Ann-Kathrin-Schneider.

Der kanadische Umweltminister Peter Kent hat die Entscheidung nur wenige Stunden nach seiner Rückkehr aus Durban verkündet: „Das Kyoto-Protokoll ist für uns Vergangenheit, weil es große Emittenten wie die USA und China nicht mit einbezieht. Wir nutzen unser legales Recht, aus dem Vertrag auszusteigen.“

13 Milliarden Dollar Strafe

Kanadas konservative Regierung will mit dem Schritt 13 Milliarden Dollar Strafzahlungen einsparen. Nach den Vorgeben des Kyoto-Protokolls müssen Länder, die ihre Minderungsverpflichtungen verfehlen, zur Kompensation Klimaschutzzertifikate im Ausland nachkaufen. Davon wäre Kanada betroffen gewesen.

Das zweitgrößte Land der Erde hatte sich in Kyoto eigentlich verpflichtet, den Ausstoß klimaschädigender Treibhausgase bis 2012 um sechs Prozent zu reduzieren. Passiert ist das Gegenteil: Die Emissionen lagen zuletzt 17 Prozentpunkte höher als 1990 und damit 23 Prozentpunkte über dem Kyoto-Ziel. Umweltschützer sprechen sogar von 30 Prozentpunkten. Damit hat Kanada eine der schlechtesten Klimabilanzen aller Kyoto-Vertragsstaaten. Getrieben werden die Emissionen unter anderem vom steten Bevölkerungswachstum, der im Vergleich zu Europa robusten Wirtschaft und der intensiven Energieproduktion des Landes. Kanada ist der weltgrößte Förderer von Öl aus Teersanden. Der Abbau gilt als besonders umweltschädlich.

In Kanada galten die Kyoto-Ziele schon lange als illusionär. Die Regierung hatte zwar immer wieder sporadische Klimaschutzprogramme aufgelegt, diese dann aber wegen wirtschaftlicher Interessen wieder verwässert.

Bei der Konferenz in Durban gehörte Kanada neben Japan, Russland und Neuseeland daher zu jenen Ländern, die neue Verpflichtungsziele unter dem Kyoto-Protokoll explizit abgelehnt hatten. Auch an einem Klimaschutzfonds für ärmere Länder will sich Kanada so lange nicht beteiligen, bis sich andere große Emittenten wie China oder Indien auf Reduktions-Ziele festlegen. Die aber sind in weiter Ferne. In Durban wurde vereinbart, ein Abkommen bis 2015 zu verhandeln, es soll 2020 in Kraft treten.

Umweltschützer in Kanada kritisieren die lasche Klimapolitik ihrer Regierung seit Jahren. Greenpeace nannte den Ausstieg ein „Armutszeugnis“. Elizabeth May, die einzige Abgeordnete der Grünen im Parlament von Ottawa, kämpfte mit den Tränen, als sie die Entscheidung kommentierte: „Ich schäme mich so sehr für diese Regierung.“ In der Bevölkerung und den Medien finden die Kritiker nur relativ schwer Gehör. In den Abendnachrichten war der Rückzug nur eine Meldung unter vielen. (mit AFP, dpa, epd)