Judy Meisel, Überlebende aus Stutthof, in ihrer Wohnung in Minneapolis.
Foto: Ben Cohen

HamburgDie 91-jährige Judy Meisel erfährt die Nachricht von ihrem Sohn und ihrem Enkel in einem Altersheim in Minneapolis, Minnesota: Ein 93-jähriger Mann aus Hamburg ist im fernen Deutschland zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Er war vor mehr als 75 Jahren als SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof eingesetzt. Das Hamburger Oberlandesgericht verurteilte ihn wegen Beihilfe zum Mord in 5232 Fällen. Für eine Bewährungsstrafe hatten sich zuvor auch mehrere Überlebende des KZ ausgesprochen, die an dem Prozess als Nebenkläger teilnahmen.

Judy Meisel sagt, als sie von dem Schuldspruch erfährt: „Es ist gut, dass er für schuldig befunden wurde, weil es für uns alle und für ihn bestätigt, dass das, was er getan hat, falsch war. Für Gerechtigkeit ist es jedoch zu spät. Sie haben zu lange gewartet. Wir müssen uns weiterhin daran erinnern, was passiert ist, darüber sprechen und vor allem alle gleich behandeln. Schwarz, Weiß oder irgendeinen Unterschied - wir sind alle Menschen. Wir müssen daraus lernen, dass Hass niemals unkontrolliert bleiben darf. “

Ben Cohen, der Enkel der Überlebenden, erzählt der Berliner Zeitung, was die Familie nach dem Spruch der Hamburger Richter empfindet: „Wir sind unglaublich dankbar, dass ein deutsches Gericht ihn verurteilt hat – trotz all der Schwierigkeiten mit der Pandemie.“ Er und sein Vater, der Sohn von Judy Meisel, seien um vier Uhr morgens aufgestanden, um die Bekanntgabe des Urteils live zu hören. Die Familie seiner Großmutter war aus dem Ghetto Kauen (Kovno) in Litauen nach Stutthoff verschleppt worden. Mit ihr kamen ihr Bruder Abe, ihre Schwester Rachel und Mutter Mina. Abe kam nach Dachau. Judy erinnert sich, dass ihr bei der Ankunft im Lager eine Wärterin die Haare vom Kopf riss. Sie blieb in der Frauen-Bracke und begleitete ihre Mutter schließlich im Herbst 1944 auf dem Gang in die Gaskammer – bis ihr befohlen wurde, sich von ihrer Mutter zu trennen. Sie lief zurück zur Baracke und überlebte und berichtete ihrer Schwester, dass sie keine Mutter mehr hätten.

Im Januar 1945 mussten die beiden Waisenmädchen auf den Todesmarsch nach Nickelswalde (Mikoszewo, Polen). Über Umwege schafften sie es bis nach Dänemark, von wo aus nach dem Krieg ihr neues Leben begann. „Es ist traurig, dass meine Großmutter heute schon zu alt ist. 76 Jahre sind eine zu lange Zeit, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun. Die alten Überlebenden bekommen zwar mit, was geschehen ist, aber auch nur fünf Jahre früher und meine Großmutter hätte selbst an dem Prozess teilnehmen können“, sagt Ben Cohen, der Judy Meisel bei dem Prozess in Hamburg vertreten hat. Das Wichtigste an dem Urteil ist für die Familie nicht die Frage der Strafe. Ben Cohen: „Das Wichtigste ist, dass die Nachkommen sehen, dass ganz normale Menschen die Verbrechen der Nationalsozialisten begangen haben. All diese Leute, die in den Lagern ihren Dienst versehen haben, haben an der Massenvernichtung mitgewirkt. Es gibt nicht den Bösen, dem man das Verbrechen in die Schuhe schieben kann.“

Der Angeklagte Bruno D. war im August 1944 als damals 17-Jähriger in das KZ nahe Danzig abkommandiert worden. Deshalb fand der Prozess in Hamburg auch nach Jugendstrafrecht statt. D. musste während seiner Dienstzeit in Stutthof zwischen August 1944 und April 1945 auf einem Wachturm außerhalb des Elektrozauns, der das Lager umgab, mögliche Fluchtversuche von Gefangenen vereiteln. In der Anklage ging es jedoch um Todesfälle, die sich in D.s Dienstzeit im Lager ereigneten. Demnach waren damals 30 Menschen durch eine Genickschussanlage getötet und weitere mindestens 200, überwiegend jüdische Häftlinge in einer Gaskammer und einem umgebauten Eisenbahnwaggon mit Zyklon B vergiftet worden. Wenigstens 5000 weitere Menschen starben zudem an den laut Anklage „lebensfeindlichen Bedingungen“ im sogenannten Judenlager von Stutthof – sie litten unter anderem unter mangelhafter Ernährung, fehlender medizinischer Versorgung und körperlicher Schwerstarbeit. Die Ankläger sprachen von „Vernichtung durch Arbeit in einem militärisch-industriellen Komplex“.

Bruno D., dem keine direkte Beteiligung an diesen Todesfällen vorgeworfen wurde, hatte den gesamten Prozess hindurch bestritten, von den unmenschlichen Lebensbedingungen in dem Lager etwas gewusst zu haben. Von seinem Wachturm aus habe er keinen ausreichenden Einblick in das Lagerleben gehabt, beteuerte er. Bis kurz vor Schluss des Prozesses wies er auch eine Schuld an den Verbrechen in Stutthof zurück. Erst in seinem Schlusswort nach den Plädoyers verzichtete D. darauf, seine Mitschuld zu bestreiten, und bat die überlebenden Häftlinge und die Nachfahren der Opfer um Entschuldigung.