Laguiole - Laguiole hat sich einen Namen gemacht. Das Dorf ist anders als andere. Es hat eine dem Heiligen Matthäus gewidmete Kirche, ein altes Hospiz, eine Natursteinbrücke, unter der die Wasser der Selves tosen, schiefergedeckte, mittelalterliche Häuser und drum herum das Wanderer und Wintersportler erfreuende Massif Central. Das Dumme ist nur, das 1300-Seelen-Nest hat den Namen nicht mehr. Es hat zumindest kein Recht mehr, ihn kommerziell zu nutzen.

Ein Händler aus dem Großraum Paris hat „Laguiole“ als rechtlich geschützte Marke eintragen lassen, unter der er Importware aus Asien vertreibt. Das Nachsehen haben die Dorfbewohner, deren Produkte ihre Herkunft nicht mehr namentlich ausweisen dürfen. Der in der Gemeinde gefertigte Rohmilchkäse, der auch als Beigabe zu Kartoffelpüree geschätzt wird, darf nicht mehr Laguiole-Käse heißen. Und anstatt der im Dorf seit 1829 hergestellten, weit über die Gemeindegrenzen hinaus gerühmten Messer kommen unter dem Label „Laguiole“ vom Inhaber der Namensrechte importierte chinesische oder pakistanische Klingen auf den Markt. Vorerst zumindest – denn angeführt vom schnauzbärtigen Bürgermeister Vincent Alazard gehen die Bewohner auf die Barrikaden.

Beistand von höchster Stelle erhoffen sie sich, von Frankreichs Staatschef François Hollande oder auch von der für Markenschutz zuständigen EU-Behörde. An wen sollen sie sich denn auch sonst noch wenden? Dem Versuch, mit Hilfe der Medien Druck auszuüben, ist wenig Erfolg beschieden gewesen. So hatte Alazard etwa die örtlichen Pressevertreter zusammengetrommelt, zum Zeichen des Namensverlustes vor ihren Augen das Ortsschild abmontiert und es im Rathaus neben der Zimmerlinde verstaut. Genützt hat es nichts.

Hoffen auf den Staatschef

Von Frankreichs Justiz ist ebenfalls keine Hilfe mehr zu erwarten. Vor ein paar Jahren in erster Instanz unterlegen, hat die Gemeinde sich nun auch im Berufungsverfahren geschlagen geben müssen – eine Entscheidung, die dem Gerechtigkeitsempfinden Alazards und der Bürger, die ihn Ende März im Amt bestätigt haben, zutiefst zuwiderläuft. Zumal sie nicht nur in der Sache verloren haben, sondern dem Gegner auch noch 100.000 Euro Prozesskosten zu erstatten haben – für eine kleine Gemeinde eine Menge Geld, aus Sicht der Bürgermeisters gar „eine Katastrophe“.

Was nicht heißt, dass sich die restlichen 36.000 Gemeinden des Landes genötigt sähen, Katastrophenhilfe zu leisten und dem vor Gericht unterlegenen Weiler finanziell unter die Arme zu greifen. Die Hoffnung Alazards, in den Genuss der bei Naturkatastrophen fälligen Nothilfe französischer Gebietskörperschaften zu gelangen, hat sich nicht erfüllt.

Aber vielleicht nimmt sich ja nun der Staatschef des Problems an. Das Wohlwollen der Regierung scheint den ihrer Namensrechte Beraubten bereits sicher. Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg hat wissen lassen, dass er den Zorn der Gemeinde gut nachvollziehen könne. Montebourg hat auf ein im März verabschiedetes Gesetz verwiesen, das dafür sorgen soll, dass sich der Fall Laguiole nicht wiederholt. Die Regelung sieht vor, dass das Markenamt künftig zu ermitteln hat, ob ein beantragtes Label als Ortsname bereits existiert. Ist dies der Fall, erwirbt der Antragsteller die Namensrechte nur, wenn die betroffene Gemeinde ihr Einverständnis erklärt.

Ein richtiges Spinnennetz

Laguiole ist noch vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Bereits 1993 hatte der aus dem westfranzösischen Niort stammende Händler Gilbert Szajner den Ortsnamen als rechtlich geschützte Marke eintragen lassen – ohne Wissen der Gemeinde, die, wie der Bürgermeister versichert, nie und nimmer zugestimmt hätte. Seither bietet der Asien-Importeur neben Laguiole-Messern auch Laguiole-Teller, -Korkenzieher oder -Gartenscheren an. Auch kassiert der heute 65-Jährige Lizenzgebühren von gut 20 Unternehmen, die unter dem Markennamen im In- und Ausland weitere Produkte feilbieten, Pfannen etwa oder auch Brillen.

Ein wahres Spinnennetz habe der Mann rund um den Ortsnamen gestrickt, schimpft Alazard. Noch deutlicher äußert sich Thierry Moysset, Chef der traditionellen Dorf-Messerschmiede „Das ist Parasitentum“, sagt er.