Lana del Rey: Der perfekte Retrostar

Berlin - Sie setzt routiniert diesen Blick auf, den Hitchcocks heißkalte Blondinen perfektioniert haben. Senkt die raupendicken, rabenschwarzen falschen Wimpern so exakt zum Refrain wie Dusty Springfield, die weiße Königin des Soul. Hat Nabokovs Lolita und deren brütendes Schmollen ebenso verinnerlicht wie die Pin-up-Posen der Barjazzsängerin Julie London. Und ihre Haare legen sich nachgiebig seidig in Wellen wie bei Betty Draper, der verzweifelten Vorstadthausfrau aus der Fernsehserie „Mad Men“. Noch so eine Highschool-Schönheit, die sich insgeheim hochdramatisch in ein anderes Leben wünscht.

Die Sängerin Lana del Rey, die zahllose Menschen auf dieser Welt für die derzeit größte Hoffnung der Populärkultur halten, vereint all diese Figuren auf sich. Sie ist ein Kind zu vieler Schulen, aber jede dieser Schulen hat dasselbe auf dem Altar stehen: den Hollywood-Schriftzug. Er wird angebetet als Inbegriff von Glanz und Eleganz, sein Soundtrack von geschmeidiger, bluesiger Melodik beschwört Cocktailbars mit Männern in Anzügen herauf und Frauen in Abendkleidern, die das Standmikrofon bedeutungsvoll liebkosen und juwelengleich Texte präsentieren, in denen sie zugeben, eine böse, böse Person zu sein, ein tiefes Wasser also, das zur Ergründung einlädt. Mit diesem doppelbödig gemeinten Konzept wie aus einem David-Lynch-Film tourt Lana del Rey durch einige kleine Clubs in Europa; am Montagabend war sie im Roten Salon der Berliner Volksbühne zugegen, um zu sehen, wie Pose und Musik live funktionieren. Passenderweise war das Intro die Titelmelodie von Hitchcocks „Psycho“.

Bei Lana del Rey reichte in diesem Jahr ein einziges Video aus, um ihren Ruf zu perfektionieren, um zum Nostalgiewart und zum Objekt der Begierde gleichermaßen zu werden. Dahinter steckt die kluge Einsicht der 25-jährigen Amerikanerin, dass man den meisten Männern gar kein größeres Kompliment machen kann als das, sie seien „gar nicht gut“ für einen. Dieses Motiv variiert der Song „Video Games“ mit sattem Pathos und sentimentaler Schönheit. Das Video haben auf YouTube bisher über sechs Millionen Menschen gesehen. Mit diesem Clip, der Legende nach von ihr selbst geschnitten und eingestellt, begann der Eroberungsfeldzug von Lana del Rey, geboren als Elizabeth Grant in der Stadt New York, aufgewachsen in Lake Placid im Bundesstaat New York, benannt nach der Schauspielerin und Affärenkönigin Lana Turner und dem Ford Del Rey, einem, naja, Mittelklassewagen.

Debütalbum kommt im Januar

Eine Doppel-Single mit „Video Games“ und „Blue Jeans“, letzteres im typisch US-amerikanischen Poprock-Balladenstil gehalten, hat sie bereits veröffentlicht, das Debütalbum soll am 20. Januar 2012 folgen. „Born To Die“ wird es heißen, worin schon wieder die typische Dialektik dieser Künstlerin liegt. Geboren um zu sterben, das ist zwar aller Menschen Schicksal, aber die meisten kümmern sich erstmal lieber um die Zeit dazwischen. Lana del Rey posiert in verwaschenen Disney-Shirts und knappen Kleidern und sieht auch dann noch hinreißend aus, wenn sie eine sonderbare Weste aus pinkfarbenen Rosen übergeworfen hat. Dazu allerdings kombiniert sie einen Schlagring, auf dem „BAD“ steht. Nicht, dass es zu heiter wird. Ihr Blick geht dazu meistens mürbe in die Ferne, die überaus üppigen Lippen stehen weit genug offen, um eine Zigarette zu befestigen.

Am Montag in Berlin trägt sie Cremeweiß – enges Top, langen Schlauchrock aus Spitze und flache Schuhe. Wie Vatis Liebling auf geheimen Abwegen, wofür auch die blutroten Spitzen ihrer langen Acrylnägel sprechen. Der Rote Salon ist ein hübscher, sanft staubiger Tanzsaal, aber ein sehr limitierter Ort für die riesengroßen Gesten, für das Pathos im Cinemascope-Format, das Lana del Reys Liedern zu eigen ist. Knapp zweihundert Zuschauer dürfen nur rein.

Es ist einiges mehr an Publikum, als sie am späten Sonnabend das erste Mal in Deutschlands Öffentlichkeit tritt, in „Inas Nacht“ in der ARD. Mitten in einer Kneipe im Hamburger Hafen, in der Gäste wie Roger Cicero und Michael Mittermeier Männerwitze der Moderatorin Ina Müller über sich ergehen lassen, steht Lana del Rey im schwarzen Corsagenkleid ein wenig verloren da, wie jemand, der beim Ball nicht aufgefordert worden ist. Die Gesten – das Wimpernflattern, das unnötige Ordnen der toupierten und ondulierten langen Haare in Rotblond – sind Routine und Ausflucht zugleich. Lana del Reys Souveränität schmilzt, man kann es nicht anders sagen, beträchtlich dahin, wenn die Distanz zu ihrem Image fehlt, so ist es auch im Roten Salon. Das Bild, das ein Meer von Handy-Kameras während des gut 40-minütigen Konzerts aufnimmt, scheint da schon wieder gültiger zu sein in seiner Verfremdung.

Sie passt in diese Zeit mit ihrer Retroseligkeit und Hipstamatic-Manie – jener Smartphone-Anwendung, die eine banale Alltagsszene im Nu ästhetisiert, mit Farbsättigung hier, künstlichem Ausbleichen dort: als wäre es der schönste, denkwürdigste Tag. Aber er leuchtet nicht in der Erinnerung, sondern nur auf dem Display. Es existiert gar keine Geschichte dazu.

Auch von Lana del Rey gibt es eigentlich keine Geschichte außer der einer begabten Sängerin, die von Produzenten wie Eg White (auch für Adele und Duffy zuständig) und Guy Chambers, gewissermaßen Robbie Williams’ Professor Higgins, betreut wird. Sie lebt seit 2009 in London, so lange ist sie auch schon bei Universal unter Vertrag. Universal sitzt in Berlin, deshalb, sagt Lana del Rey bei ihrem Auftritt, freue sie sich besonders, hier zu sein. Es gibt nur wenige solcher livehaftigen Sätze außerhalb der einstudierten acht Lieder, ihre Stimme klingt dabei wie die einer sehr energischen Puppe, und genauso still steht sie auch da.

Wahrscheinlich ist es ein kluger Schachzug, sich in Europa anzusiedeln. Die Achterbahnrunden, die blinkenden Neonreklamen, die Zuckerwattesüße der verblassenden Pinktöne, das gleißende Lächeln von Elvis und der fließende Hüftschwung der Schauspielerin Veronica Lake – das alles sind ikonische Bilder der USA, womöglich aber als Klischee hierzulande noch unversehrter als dort. Lana del Reys Videos wiederholen diese Schnipsel, angereichert um stürzende Surfer und taumelnde Starlets; auch bei ihrem Auftritt laufen sie in Endlosschleife über zwei riesige Ballons rechts und links der Bühne. Ronald Reagan winkt, der Trickfilmhase Roger Rabbit hoppelt, die US-amerikanische Flagge weht, immer und immer wieder. In den Stücken, begleitet von einer recht druckvollen dreiköpfigen Band, wird ebenfalls ein ganzer Katalog an Americana heraufbeschworen, die tragischen Balladen, bei denen sich die Hand aufs Herz legt, der ironische Schlager à la Nancy Sinatra, der aufsässige Sprechgesang, der weniger mit dem – von der Plattenfirma ausgemachten – HipHop zu tun hat als mit den Girl Groups der Sechzigerjahre, den Shangri-Las beispielsweise. Deren Anzüglichkeiten blieben im Rahmen gesellschaftlicher Akzeptanz. So wie Lana del Rey, etwa wenn in „Video Games“ Oralverkehr als der Gang nach „downtown“ umschrieben wird.

„Video Games“ beginnt mit unheilschwangeren Kirchenglocken, die Reduktion auf wenige Klavier-Akkorde ergibt eigentlich keine Pop-Melodie zum Mitsingen, sondern eher einen Trauermarsch, in dem schließlich ein Orchester anschwillt. Es geht, wie in allen Liedern von Lana del Rey, um eine intensive Liebesgeschichte, an deren vorhersehbarem Ende auch gleich die ganze Welt untergehen könnte. In einem anderen Stück fährt sie dabei noch die Leiche ihres Vaters im Kofferraum spazieren und merkt, mit einem sehr hübschen Zirpen in der Stimme, an, das Töten werde leichter nach dem ersten Mal.

Aufstieg durch soziale Netzwerke

Solche mit zuckersüßer Miene kommunizierten Details übers Böse-zur-Welt-Kommen sind es, mit denen sich das Retro-Konzept neu aufladen soll, gestützt von einer täglich aktualisierten Facebook-Seite, denn durch die sozialen Netzwerke ist sie schließlich aufgestiegen. Doch das Leben hat eine andere Geschichte geschrieben als die, die Lana del Rey erzählen will.

Jahrelang will sie in einem Trailerpark gelebt haben, das Geld reichte angeblich nicht mal für Frühstücksflocken. Nun. Ihr Vater Rob Grant ist Internet-Unternehmer und mit Domain-Verwaltung und Immobiliengeschäften im Netz zu Vermögen gekommen. Auch das Alter, mit dem sie in Brooklyn ihren ersten Auftritt absolvierte, wurde von 17 auf 19 korrigiert. Ist es so abwegig, dass auch ein sehr behütetes Mädchen gern Popstar mit allen Extras sein möchte? Nein. Nur, dass man sich mit Amerikas Ur-Mythos vom Tellerwäscher immer noch am angenehmsten macht. Auch Lady Gaga versucht ja verzweifelt, ihren gutbürgerlichen Hintergrund zu verschleiern.

Und es gibt diese Schlauchbootlippen, die die Sängerin so nicht gehabt hat, als ihr echtes Debütalbum, „Lana del Rey a.k.a. Lizzy Grant“, 2009 erschien. Es war drei Monate auf dem Markt, dann verschwand es, im Sinne des Vertrages bei einem Major-Label. Und Lana del Rey tauchte wieder auf mit etwas, das man keine diskrete Korrektur nennen kann, sondern für Absicht halten muss. Andererseits passt es zur Pose dieser Frau, die so gern auf Hollywoods Schattenseite lebte.