Phnom Penh - In Phnom Penh wird gebaut. Alte Häuser werden platt gewalzt, neue Einkaufszentren, Bürotürme, Hotels errichtet. Selbst das Touristenviertel bleibt nicht verschont. Wo sich eben noch ein Hostel und ein Massagesalon den Boden teilten, wächst ein Hotel-Neubau in die Höhe.

„Kambodscha ist eine Goldgrube, in Phnom Penh schürfen sie Diamanten.“ Das sagt Naly Pilorge über ihr Land, das zu den ärmsten der Welt gehört, das immense Summen an Entwicklungshilfe bekommt und in dem sich Dutzende Hilfsorganisationen engagieren. Naly Pilorge weiß: Wer hier reich und rücksichtslos ist, kann mit guten Beziehungen zu Regierung und Militär schnell noch reicher werden.

Naly Pilorge ist Direktorin von Licadho, einer Menschenrechtsorganisation, die sie und ihre Mutter 1992 gegründet haben. Das war zu jener Zeit, als sich das Land nach der Herrschaft des Pol-Pot-Regimes zu erholen begann. Dem Terror der Roten Khmer von Pol Pot waren ab 1975 fast zwei Millionen Menschen zum Opfer gefallen. Als sie 1979 von vietnamesischen Truppen vertrieben wurden, brach ein Bürgerkrieg aus, der erst zehn Jahre später endete.

Plantagen ohne Ende

Es fanden Wahlen statt, die neue Regierung leitete Wirtschaftsreformen ein und öffnete sich für ausländische Investoren. Seit etwa 15 Jahren glänzt Kambodscha nun mit zweistelligen Wachstumszahlen. Und Licadho hat eine neue Klientel hinzubekommen: Naly Pilorge muss jetzt jenen beistehen, die von den Investoren von ihrem Land vertrieben werden.

Naly Pilorge vibriert vor Energie, will in einem Café von Phnom Penh von den Schattenseiten dieser Entwicklung erzählen und ist vom Lärm der Baustelle nebenan ziemlich genervt. „Überall werden Menschen vertrieben, ob in der Stadt vom Flussufer des Tonle Sap, um dort die Promenade anzulegen, oder hier, um Hotels zu errichten. Ob in entlegenen Provinzen, um die Bodenschätze abzubauen oder den Regenwald abzuholzen für Gummibäume, aus denen Kautschuk gewonnen wird.“

Landraub, sagt Naly Pilorge, sei mittlerweile das größte Problem in Kambodscha. Betroffen sei davon besonders die Provinz Ratanakiri im äußersten Norden. Die Gegend sei völlig unterentwickelt, aber reich an Bodenschätzen und dünn besiedelt, vor allem von ethnischen Minderheiten. „Die Regierung erlaubt zwar ausländischen Hilfsorganisationen, dort zu arbeiten, um die Situation der Leute zu verbessern. Gleichzeitig aber lässt sie das Land für ausländische Konzerne konfiszieren. Schauen Sie sich das an, um zu verstehen, was in Kambodscha passiert“, empfiehlt sie.

Kautschukbedarf steigt wie die Gier nach ihm

Die Straße nach Norden ist gut ausgebaut, es ist ein weiter Weg. Das Auto braucht etwa acht Stunden von Phnom Penh bis Banlung, der Hauptstadt Ratanakiris, und von dort noch einmal zwei, drei Stunden über holprige Feldwege bis in die Dörfer im Regenwald, deren Bewohner von Landraub bedroht sind.

Eines dieser Dörfer ist Chan. Rechts und links des Weges dorthin steht ein Wald. In ihm singt kein Vogel, hangelt sich kein Affe durch Äste, flattern keine Schmetterlinge. Es gibt kein Unterholz, keine Büsche, keine Blumen. Hier stehen nur Gummibäume, alle in gleichem Abstand, mit gleichem Stammumfang und gleicher Höhe. Aus ihnen wird Kautschuk und dann Latex gewonnen – für die Produktion von Handschuhen, Matratzen, Autoreifen, Laufschuhsohlen. Der weltweite Bedarf an Naturkautschuk steigt, genauso wie die Preise – und damit die Gier nach Land für Plantagen.

Nur etwa 500 Meter hinter dem Zaun dieser Plantage stehen die ersten Häuser. Einst war das Dorf ringsum von Regenwald umgeben, heute ist das grüne Dickicht bis auf die andere Seite des Se-San-Flusses zurückgedrängt. Nur ein paar große Bäume spenden den Stelzenhäusern noch Schatten. Etwa 18 Familien leben hier, die zur Minderheit der Kreung gehören.

„Aber dann, eines Tages, kamen Fremde ins Dorf“

Es ist früh am Tag. Auf dem Dorfplatz steht eine solide gebaute Pumpe, an der sich Kinder mit Wasser bespritzen. Die Wege im Dorf sind gefegt. Die Hühner scharren in Gehegen, die Schweine grunzen hinter Zäunen. Am Rand steht das neue Gemeindehaus, in dem sich jetzt Männer und Frauen einfinden.

„Es ging uns nicht immer so gut wie jetzt“, erzählt Pal Pak, 41. Anfangs knetet er nervös seine Hände. Doch allmählich verliert er seine Scheu. „Wir haben früher oft gehungert“, sagt er. „Unsere Reisernte reichte nur für sechs, sieben Monate.“ Schweine und Wasserbüffel hätten sich zwischen den Häusern getummelt. Mit jedem Regen sei der Dreck in den Fluss gespült worden, aus dem die Bewohner ihr Trinkwasser holten. „Wir waren oft krank und mussten viel Geld für Medizin ausgeben“, ergänzt seine Frau.

„Aber dann, eines Tages, kamen Fremde ins Dorf“, ergreift wieder Pel Pak das Wort, „Mitarbeiter der Welthungerhilfe.“ Der Name muss nicht übersetzt werden, er ist gut zu verstehen. Zusammen hätten sie damals überlegt, was man gegen die Probleme tun könne. „Wir bauten den Brunnen und Dorftoiletten, die Frauen besuchten einen Hygienekurs.

Vom Landraub betroffen

Die Kinder werden nun nicht mehr so oft krank. Und zu jedem Haus gehört heute ein kleiner Garten. Es geht uns gut,“ sagt Pel Pak und weist mit einer Handbewegung auf das Dorf. „Und schließlich holte die Welthungerhilfe die Leute von Cedac ins Dorf.“ Die kambodschanische Organisation hilft Bauern, die Reiserträge zu erhöhen: durch gute Vorbereitung des Bodens, die Auswahl starker Saatpflanzen, die Pflege der Felder. „Seitdem müssen wir nicht mehr hungern.“

Eigentlich sollten die Familien von Chan keine Angst vor der Zukunft haben. Doch die Kommune hat jetzt ein neues Problem. Die Gummibaum-Plantage kriecht wie ein nimmersattes Ungeheuer immer weiter vor. Brandrodungen kündigen an, dass der Konzern – ein vietnamesisches Unternehmen – die Plantage erweitern will.

Von Landraub sind viele Staaten betroffen, doch Kambodscha gehört zu denen, in denen die illegale Aneignung von Boden nahezu ungebremst wüten kann: wegen undurchsichtiger Rechtsverhältnisse; weil korrupte Beamte den Investoren helfen; weil ethnische Minderheiten den Boden kommunal bewirtschafteten und keine Grundbesitz-Urkunden haben.

Zivilgesellschaftliche Strukturen müssen gestärkt werden

Die Regierung in Phnom Penh hat zwar schon 2001 ein Gesetz verabschiedet, das den Minderheiten zumindest auf dem Papier die Chance gibt, sogenannte „Landtitel“ für kommunal genutztes Land zu beantragen. Doch der Prozess, einen solchen Titel zu bekommen ist langwierig, mit juristischen Fallen gepflastert und mit rund 3000 Dollar sehr teuer.

Bei der Welthungerhilfe hat man auf das Landraub-Problem reagiert. Neue Schwerpunkte werden gesetzt, um das, was in Dörfern wie Chan erreicht worden ist, zu verteidigen. „Wir waren sehr erfolgreich in Kambodscha“, erklärt Dirk Reber, der bis vor einem Jahr das Welthungerhilfe-Büro im Land leitete. „Aber wir starten keine Projekte mehr, die ausschließlich die Infrastruktur in bestimmten Regionen verbessern sollen.“ Künftig wolle man sich darauf konzentrieren, die rechtliche Basis dieser Projekte zu stärken. „Wir müssen die lokalen, zivilgesellschaftlichen Strukturen stärken.“

In Chan ist das bereits gelungen. Vor zwei Jahren hatte die Kommune sich entschieden, um einen solchen Landtitel zu kämpfen – und dann um Unterstützung gebeten. Die deutsche Hilfsorganisation erklärte sich dazu bereit und engagierte Licadho. Deren Anwälte halfen den Familien, die Anforderungen zu verstehen, die Formulare auszufüllen, die richtigen Antworten bei den ersten Anhörungen zu geben.

Regierung arbeitet mit Tricks

Die Versammlung in Chan dauert nun bereits Stunden, die Familien werden vom Komitee informiert, welche Dokumente sie noch für den Antrag auf den Landtitel brauchen. Jeder, der etwas sagen will, wird geduldig angehört. Es wird nie laut. „Früher hätten wir nur geweint und geklagt“, sagt Pel Pak. „Heute wehren wir uns.“

Nimol Van arbeitet für die Welthungerhilfe, trägt einen grünen Rangerhut und ist unermüdlich. Er hat erst aus der Kreung-Sprache für sich ins Khmer, dann ins Englische übersetzt. In einer Pause versucht er mit Zahlen zu beschreiben, vor welch schwierigem Prozess die Leute in Chan stehen. „So ein Verfahren kann bis zu sieben Jahre dauern, und es ist nicht einmal sicher, dass der Antrag Erfolg hat.“ Landesweit würden nur zehn Titel pro Jahr vergeben.

In Ratanakiri hätten 26 Gemeinden den Antrag gestellt. Nur fünf hätten bisher den Titel bekommen – aber nicht all das Land, das sie beansprucht hatten. Die Regierung arbeite nicht nur mit Drohungen und Gewalt, sagt Nimol Van, sondern auch mit Tricks. Ein Beispiel dafür sei das Dorf Boloy.

Der Fluch von Mr. Rich

Am nächsten Tag geht es Stunden über Feldwege, durch Gummibaum-Plantagen und schließlich durch eine karge Landschaft. Tiefe Löcher klaffen im roten Boden: In und um Boloy wird nach Zirkonen gegraben. Diese Edelsteine aus Ratanakiri gelten als die schönsten der Welt. Chef des Komitees im Dorf Boloy ist Sot Sern, ein kleiner, drahtiger Mann, der fast emotionslos sagt: „Unser Dorf hat den Kampf um einen Landtitel verloren.“

Vor fünf Jahren war das Gerücht aufgetaucht, dass fast alles Land um das Dorf herum von der Regierung an einen Reichen aus Phnom Penh verpachtet worden sei. Die Dorfgemeinschaft schickte gleich eine Delegation nach Banlung, wo offiziell mitgeteilt wurde, dass das Land tatsächlich Mr. Rich, wie sie ihn seither nennen, gehöre und dass eigentlich sie die Landräuber seien, weil sie daheim noch immer die Felder bestellten.

Sot Sern führt durch das Dorf, während er erzählt. Es gibt einige feste Häuser, aber die meisten Unterkünfte sind armselige Hütten aus Brettern, Pappe, Plastikplanen. Müll liegt auf den Wegen, Abwasser fließt durch die tiefen Furchen. Selbst mitten im Dorf sind tiefe Löcher, in denen halbnackte Männer mit Hacken und Schaufeln graben.

Mr. Rich hat gute Kontakte

Warum sich in ihrem Dorf keine Hilfsorganisation engagiert, sie beim Bau von Brunnen oder Abwasserkanälen unterstützt? Sot Sern lächelt müde: „Niemand weiß doch, ob wir hierbleiben können. Wir wollen einen Landtitel. Aber wir werden ihn wohl nicht bekommen.“

Auf seinen Rat hin hatten sich die 118 Familien in Boloy zwar sofort nach Rückkehr der Delegation an Licadho gewandt und einen Prozess gegen die Regierung begonnen. Doch 2015 wurde ihr Antrag auf Annullierung des Vertrages mit Mr. Rich in erster Instanz abgelehnt. Viel Hoffnung, dass sich das Blatt noch wendet, haben sie nicht. Mr. Rich habe gute Kontakte in Phnom Penh, sagt Sot Sern. „Wo es etwas zu verdienen gibt,“ resümiert er, „da gibt es Streit um Land.“

„Denkt doch beim Kauf neuer Laufschuhe mit Latexsohlen mal daran“, hat Naly Pilorge im Café in Phnom Pen gesagt, „woher dieses Zeug kommt – und was es für Probleme verursacht.“