Neuruppin - Wer rüttelt am Status quo? – Ingo!

Wer schickt Wölfe in den Zoo? – Ingo!

Wer haut Verbrechern auf den Po? – Ingo! Hat auf der Straße sein Büro? – Ingo! Wer wird für sein Land alles geben? – Ingo Senftleben!

Mit wem kann man mal auch einen heben? – Ingo Senftleben!“

Es sollte ein Gag sein vor der Landtagswahl am 1. September im Land Brandenburg, ein Mutmacher für das seit Monaten kämpfende Team. Deshalb schrieb ein Musiker ein Lied, in dem viel und fröhlich geschrammelt und gepfiffen wird.

Es fand seinen Weg ins Netz, wurde von vielen verlacht, aber dennoch zu einem kleinen Hit im Wahlkampf des CDU-Spitzenkandidaten Ingo Senftleben. Als der zum Beispiel in einem Jugendlager der Landesfeuerwehren in Wusterhausen/Dosse aufkreuzt, kennen tatsächlich einige Jugendliche den Song. „Ach, Sie sind der Ingo?!“ Ja, ist er.

Ingo Senftleben will den Wolf ins Jagdrecht überführen 

Tatsächlich aber wissen selbst in Brandenburg noch immer recht wenige, wer dieser Ingo Senftleben ist. Vielleicht zu wenige, wenn er tatsächlich eine realistische Chance haben will, nach der Wahl der Ministerpräsident des Landes zu werden.

Also: Ingo Senftleben kommt aus Ortrand, ganz im Süden von Brandenburg, wo er es sogar zum Bürgermeister gebracht hat. Er ist gelernter Maurer; Spitzenkandidat seit 2019; verheiratet, Vater dreier Töchter. Im August unterbrach er extra seinen Wahlkampf für eine Woche, weil er die Einschulung einer der Töchter nicht verpassen wollte.

An allen anderen Tagen geht es seit Wochen Schlag auf Schlag, durch Stadt und Dorf, bei großer Hitze und empfindlicher Kälte, durch alle Landkreise, per Bus, zu Fuß, per Rad oder mit Paddelboot.

Oder er setzt sich aufs Podium einer Diskussionsveranstaltung des Bauernbunds, der seit Jahren den leichteren Abschuss von Wölfen fordert. Senftleben will den Wolf ins Jagdrecht überführen, damit er bei entsprechenden Übergriffen gejagt werden kann. Im Übrigen nutzt er den Termin, um sich über die SPD aufzuregen, die nur einen weitgehend unbekannten Hinterbänkler geschickt hatte. So geht Wahlkampf – bei jeder Gelegenheit volle Breitseite.

Doch Senftleben kann auch anders. Wenn er losgelöst von festen Terminen mit dem örtlichen Wahlkreiskandidaten durchs schöne Ruppiner Land radelt. Als er dann zufällig einer Gruppe Kanufahrer begegnet, lässt Senftleben seine Entourage absitzen und schwätzt mit den Urlaubern – wie schön Brandenburg sei.

Ein paar Kilometer später erreicht die Gruppe Zippelsförde. Dort gibt es einen Fischereibetrieb und Karpfen, Forelle, Stör und sogar Brandenburger Kaviar. Senftleben nimmt sich wieder Zeit, diesmal für ein Gespräch mit dem Geschäftsführer.

Ingo Senftleben ist ehrgeizig und ansteckend optimistisch 

Schnell ist man sich einig in der Kritik an einer zu langsamen und formalistischen Förder- und Entschädigungspolitik des Landes für kleine und mittelständische Unternehmen. Der Fischer sagt, Otter und Kormoran machten ihm doch schon ziemlich zu schaffen.

In Neuruppin schaut eine Frau aus einem Fenster auf die Straße, auf der Senftleben mit seinem Tross unterwegs ist. „Hallo, wissen Sie, wer ich bin?“, ruft der Politiker zum Fenster hinauf. Sie verneint. Also stellt er sich fröhlich vor und wünscht ihr nach einer kurzen Plauderei einen schönen Tag. So geht volksnah.

„Bock auf Brandenburg“, heißt Senftlebens Tour, sie dauert sechs Wochen. Sechs Wochen unterwegs – mehr Büro auf der Straße geht nicht. Es ist eine Tour, bei der Senftleben nacheinander den höchsten Berg Brandenburgs erklomm (der Kutschenberg bei Ortrand ist 201 Meter hoch), die mächtigste Förderbrücke des Landes im Besucherbergwerk in Lichterfeld besichtigte (502 Meter lang, 204 Meter breit, 80 Meter hoch), den Aufsprunghügel der einzigen Skischanze des Landes herunterrodelte (der höchste Schanzenturm im Papengrund in Bad Freienwalde ist 38 Meter hoch) und am längsten See des Bundeslandes entlangradelte (der Ruppiner See ist 14 Kilometer lang).

Natürlich hat Senftleben beim Besuch des Kletterzentrums in Neuruppin in einem alten Wasserturm in einem Affenzahn die höchste Wand erklommen. „Von Gipfel zu Gipfel“, sagt er danach lachend – und durchaus selbstironisch.

Senftleben ist ehrgeizig, ansteckend optimistisch und auf eine angenehme Weise altmodisch, wenn er mal wieder sagt: „Die Leute sollen mutig und mit fröhlichem Herzen CDU wählen.“

Doch werden die Wähler das am Ende auch machen? Reicht aller emotionaler und körperlicher Einsatz, um den wegen der schlechten Umfragewerte seiner SPD angeschlagenen Regierungschef Dietmar Woidke aus dem Amt zu jagen?

Ingo Senftlebens Strategie ist denkbar einfach

Senftlebens Leute sagen, „der Ingo“ war schon vor der heißen Phase des Wahlkampfes bekannter als seine Vorgänger als Spitzenkandidaten zum Zeitpunkt der Wahl – die fast vergessenen Johanna Wanka und Michael Schierack. „Nur Schönbohm war bekannter.“

Der im Februar dieses Jahres gestorbene Ex-General ist noch immer eine Referenzgröße in der märkischen Union. Es ist jetzt 20 Jahre her, da Schönbohm bei der Landtagswahl die Christdemokraten aus einem tiefen Tal der Tränen führte und auf akzeptable 26,5 Prozent brachte. Das war zwar ein beachtliches Plus von 7,8 Prozentpunkten, machte ihn aber dennoch nicht zum Ministerpräsidenten. Manfred Stolpes Image als Landesvater war damals einfach zu dominant.

Die Zeiten haben sich auch in Brandenburg radikal geändert: Für Senftlebens CDU scheint alles über 25 Prozent völlig illusorisch. Doch sollte er am Ende wenigstens vor der SPD landen – das ist nach Lage der Dinge zwar schwer, aber durchaus möglich – hat er tatsächlich Aussichten, zum Ministerpräsidenten gewählt zu werden.

Senftlebens Strategie ist denkbar einfach. Er greift nicht die SPD in Gänze an, weil er die noch brauchen könnte. Die Parole lautet: Alles gegen Woidke. Den Ministerpräsidenten hat er als Gegner Nummer 1 ausgemacht, besetzt dieser doch den Posten, auf den er selbst unbedingt will.

„Ich will einen Politikwechsel, und ich will einen neuen Stil. Nach der Wahl wird es Gespräche mit allen Parteien geben.“ Wirklich mit allen? Auch mit der AfD? „Ja, auch mit der.“ Allerdings gebe es „mit der AfD, die sich immer weiter radikalisiert, keine Gemeinsamkeiten“. Eine Zusammenarbeit sei ausgeschlossen.

Völlig anders ist sein Blick auf Grüne, Linke und, ja auch, auf die SPD. Mit den auf Höhenflug befindlichen Grünen arbeitet er bereits seit Jahren in der Opposition zusammen. Geradezu grundstürzend ist seine Idee, er könne sich auch eine Zusammenarbeit mit den Linken vorstellen – wohlwissend, dass eine solche Verbindung für viele aus beiden Lagern ein Kulturschock wäre. So spricht Linken-Bundestagsfraktionschef Dietmar Bartsch von einem „absurden Gedanken“.

Ingo Senftleben gibt sich gern unkonventionell 

Dennoch – daraus macht Senftleben kein Hehl – wäre ihm die Linke als Partnerin lieber als eine nach 30 Jahren an der Macht ausgelaugte SPD. Das gelte erst recht für Dietmar Woidke. Dieser sei ohne Energie, miesepetrig, sehe viele zu häufig nur das Negative in Brandenburg.

Also übt sich Senftleben schon mal in der Pose des brandenburgischen Regierungschefs. Natürlich würde er auch das Amt des Koordinators der Bundesregierung für die Zusammenarbeit mit Polen übernehmen, sagt er. Diesen Posten hat derzeit Woidke inne.

Im Juni sprach Senftleben in Warschau vor. Den Termin nutzte er zur Profilierung als Law-and-Order-Mann, ohne die bisher niemand Ministerpräsident in jenem Land werden konnte, das Manfred Stolpe einst „kleine DDR“ nannte. Zur Bekämpfung grenzüberschreitender Kriminalität brauche es neben dem Polizeiabkommen von 2015 auch ein deutsch-polnisches Abkommen über die Kooperation der Justiz, sagte Senftleben. Damit werde es möglich, Verfahren gegen Kriminelle schneller einzuleiten. Dafür werde er sich beim Bund starkmachen – wenn er Ministerpräsident sei.

Senftleben gibt sich gern unkonventionell. Das mag daher rühren, dass er zwar seit zwei Jahrzehnten im Politikgeschäft mitmischt, er aber als ehemaliger Bauarbeiter aus der Provinz einen anderen Habitus pflegt, als so manch anderer in den Parlamenten. Auf seinen Wahlplakaten steht: „Ich bin Landei.“

So überraschte er im Frühjahr mit der Ankündigung, sich nach der Wahl für ein Lausitz-Ministerium einzusetzen. Der Landstrich, der durch den angekündigten Ausstieg aus der Braunkohle vor großen Umwälzungen steht, wisse selber am besten, wofür die milliardenschweren Entschädigungsleistungen auszugeben seien.

Es müsse nicht alles in Potsdam entschieden werden, sagt Senftleben. Zu lange sei das Flächenland Brandenburg viel zu zentralistisch regiert worden. Die SPD habe die ländlichen Regionen aufgegeben.

Für den großen Richtungswechsel geht Ingo Senftleben ins Risiko 

Er hingegen wolle die Landkreise stärken, die Städte und Gemeinden. Den gemeinsamen Landesentwicklungsplan, den die Landesregierung unlängst mit dem Berliner Senat auf den Weg brachte, will er so schnell wie möglich aufkündigen. Der Plan sei zu sehr auf Berlin und den Speckgürtel ausgerichtet, der Rest von Brandenburg habe das Nachsehen. „Wenn ich davon spreche, dass die Lausitz ein eigenes Ministerium braucht, dann heißt das für mich genauso, dass wir öffentliche Landesbehörden in die Fläche bringen müssen. Das gilt für alle Regionen. Wir müssen insgesamt umsteuern.“

Für den großen Richtungswechsel geht Senftleben ins Risiko. So hat er seine CDU dazu gebracht, dass nach der Wahl alle etwa 6000 Parteimitglieder über eine Regierungsbeteiligung entscheiden. Das hat bisher noch kein CDU-Landesverband gewagt. Er sagt: „Ich stelle die Partei eben vor einige Herausforderungen.“ Manche sprechen von Überforderung oder gar Zumutung.

Dass dazu auch Niederlagen gehören, hat der Chef zuletzt Mitte Juni erlebt. Beim Nominierungsparteitag scheiterte er mit seinem Versuch, die ersten zehn Listenplätze geschlechterparitätisch zu besetzen: An jeder zweiten Position sollte eine Frau sitzen – so wie es das neue Brandenburger Parité-Gesetz vorsieht, für das sich im Frühjahr eine rot-rot-grüne Koalition zusammenfand.

Senftlebens Versuch ging schief, viele Männer wollten nicht auf ihren sicheren Listenplatz verzichten, nur weil der Chef das Ziel einer „modernen Volkspartei CDU“ vorgegeben hatte. Unter den Top 21 – so viele Abgeordnete hat die CDU derzeit im Landtag – sind nur fünf Frauen. Also alles genau wie jetzt.

Bei aller Häme über „den Ingo“ und manchem Unwillen in der eigenen Partei: Senftleben glaubt an seine Chance. Der SPD prophezeit er eine ziemlich krachende Niederlage, dass sie ganz von selbst ihr Spitzenpersonal überprüfen und ihren Spitzenmann in den Ruhestand schicken werde. „Dann ist alles offen“, sagt er. „Und ich jedenfalls bin bereit, Verantwortung zu übernehmen.“