Würselen - Martin Schulz ist in Würselen. Und irgendwie ist Armin Laschet auch hier. Denn während der SPD-Vorsitzende in seiner Heimatstadt auf einer Kundgebung auf der Freilichtbühne Burg Wilhelmstein spricht, kippt auf einmal das hinter ihm aufgestellte, riesige Transparent mit der Aufschrift „Zeit für mehr Gerechtigkeit, Zeit für Martin Schulz“ nach vorn. Auf der Bühne versammelte Helfer ergreifen es gerade noch rechtzeitig. Der Kanzlerkandidat schaut überrascht nach hinten und dann wieder nach vorn. „Da steht der Armin Laschet dahinter“, sagt er süffisant. Das Publikum lacht.

Schulz beweist hier Witz und Spontanität – und doch trifft er, ohne es zu wollen, einen wunden Punkt. Wenn es dem CDU-Spitzenkandidaten in Nordrhein-Westfalen tatsächlich gelingen sollte, die Wahl im Stammland der SPD gegen Amtsinhaberin Hannelore Kraft zu gewinnen, dann wird sich die Kampagne von Schulz für die Bundestagswahl aller Voraussicht nach nur schwer davon erholen können. Laut Umfragen wird es eng, zuletzt sah das ZDF-Politbarometer die CDU knapp vor der SPD.

Euphorie verflogen

Wo aber ist der Schulz-Effekt geblieben, der die Zustimmungswerte für die SPD zwischenzeitlich in Umfragen auf 40 Prozent steigen ließ? Wo ist die Euphorie, die nach der Nominierung von Schulz als Kanzlerkandidat die SPD erfasste, aber auch viele Bürger erwägen ließ, bei der Sozialdemokratie ihr Kreuz zu machen?

Dass sich keiner mehr für den Kanzlerkandidaten interessiert, danach sieht es zumindest in Leverkusen nicht aus. Als Schulz dort einen Infostand der SPD besucht, sind viele Menschen dort, die ein Selfie mit dem Kandidaten machen wollen oder gern ein Autogramm von ihm hätten. Die Bürgerbegegnung wird dadurch erschwert, dass stets ein Pulk von Kameraleuten, Fotografen und Journalisten nahe beim Kanzlerkandidaten steht. Wahlkampf in seiner heißen Phase eben.

Grundsätzlich gilt: Schulz beherrscht die Begegnung mit dem Bürger noch immer. Als er sich in Bonn bei der Telekom umschaut und bei einer Betriebsbesichtigung von Arbeitnehmern erklären lässt, was sie genau tun, stellt er immer wieder ähnliche Fragen: Wie gut funktioniert das Miteinander im Großraumbüro? Wird ausreichend auf den Lärmschutz geachtet? Ermöglichen die Vorgesetzten den Mitarbeitern, auch mal im Homeoffice von zu Hause aus zu arbeiten? Der SPD-Chef erkundigt sich und will zeigen, dass er und seine Partei sich für den Alltag der Menschen interessieren.

Schulz verliert sein Gewinner-Image

Schulz hat viele solcher Betriebsbesichtigungen und Begegnungen unternommen, seit er Kanzlerkandidat seiner Partei ist. Die Tatsache, dass die bundesweiten SPD-Werte in den Umfragen heruntergegangen ist, hat nicht damit zu tun, dass Schulz sich verändert hätte. Vielmehr hat er durch zwei verlorene Landtagswahlen sein Image als Gewinner verloren. Im Saarland waren die Menschen von der Aussicht auf ein Bündnis mit der Linkspartei abgeschreckt. In Schleswig-Holstein hat Ministerpräsident Torsten Albig mit einem ungeschickten „Bunte“-Interview über die Trennung von seiner Frau Sympathien verspielt. Was Schulz fehlt, ist der Nachweis, dass die SPD unter ihm als Parteichef Wahlen gewinnen kann. Dieses Manko führt natürlich dazu, dass es immer mehr Menschen schwerfällt, ihm zu glauben, er könne Kanzler werden. Ihm fehlt das, was die Amerikaner „Momentum“ nennen – die Schwungkraft einer Kampagne, die aus frühen Siegen resultiert. Und, so sehen es viele politische Beobachter, bislang fehle ihm neben Gerechtigkeit ein zweites Thema, um außerhalb der Kernzielgruppe der SPD zu mobilisieren.

Bei Kundgebungen hat Schulz zuletzt immer betont, die Wähler entschieden sich erst ganz kurz vor der Wahl. In seiner Heimatstadt Würselen sagt Schulz dies übrigens wegen Wind und Wetter – oder vielleicht, weil ihn hier ohnehin schon jeder kennt – vor nicht ganz gefüllten Reihen. Der Jubel fällt dafür umso frenetischer aus. Einige Jusos tragen Schilder mit der Aufschrift „Kanzler-Unterbezirk Würselen“.