Berlin - Das Willy-Brandt-Haus ist überfüllt, die Menschen stehen dicht gedrängt. Es riecht nach Turnhalle – aber irgendwie auch nach großem Sport. Hinter den Redner Martin Schulz haben die Regisseure dieses Tages junge Menschen gesetzt – Anfang 20, gut 40 Jahre jünger als der Durchschnitt jener, die man normalerweise in einem SPD-Ortsverein trifft.

„Unsere Partei, die SPD, tritt mit dem Anspruch an, bei der kommenden Bundestagswahl die stärkste politische Kraft in unserem Land zu werden“, sagt Schulz mit fester Stimme. Und während er den ersten Satz noch langsam gesprochen hat, setzt er den zweiten schneller und lauter hinterher. So, als solle jedes einzelne Wort ein Paukenschlag sein. „Und ich trete mit dem Anspruch an, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden“, ruft Schulz in den Raum. Jubel.

Pflichtschuldigen Applaus für Schulz

Diese Szenen stammen von Schulz‘ erstem Auftritt als nominierter Kanzlerkandidat Ende Januar. Und auch wenn sie gerade einmal dreieinhalb Monate her sind, wirken sie heute, als wären sie aus einer vollkommen anderen Zeit. Als Schulz am Montag nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen an der Seite von Hannelore Kraft vor die Mitarbeiter der SPD-Zentrale in Berlin tritt, gibt es auch Applaus – lang und pflichtschuldig. Schulz wirkt nach der dritten Niederlage bei einer Landtagswahl erschreckend routiniert darin, wie er sagt, dass alle in der Partei Wahlen gemeinsam gewönnen und verlören. Wie er die Wahlverliererin umarmt und Blumen übergibt.

Vom Euphorie auslösenden Hoffnungsträger hin zu dem Mann, der ein historisch schlechtes Wahlergebnis im Stammland der SPD, in Nordrhein-Westfalen, verkaufen muss: Was ist passiert mit Martin Schulz? Wie konnte das so schief gehen?

SPD beging drei schwere Fehler

Die Sozialdemokraten haben in den vergangenen Monaten drei schwere Fehler begangen. Erstens haben sie unterschätzt, dass die Aussicht auf ein mögliches Linksbündnis im Saarland der CDU dort helfen würde, ihre Wähler zu mobilisieren. Die SPD hatte dem keine durchdachte Kommunikationsstrategie entgegenzusetzen.

Der zweite Fehler war zu glauben, die Wahlsiege in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen seien sicher. Als Schulz versuchte nach der Saarland-Wahl in die Offensive zu kommen, schob er die Niederlage der SPD auch auf den Amtsinhaber-Bonus von Annegret Kramp-Karrenbauer. Und er kündigte an, seine eigene Partei würde nun bei den kommenden beiden Landtagswahlen auf die gleiche Art und Weise punkten. Er trat auf wie ein Fußballtrainer, der nach einer Niederlage ankündigt: „Dieses Spiel konnten wir ja gar nicht gewinnen. Aber die nächsten beiden Gegner hauen wir weg.“ Er hat geirrt.

Der dritte Fehler war, dass die Sozialdemokraten sich einfach so darauf verlassen haben, dass es schon irgendwie weitergehen würde mit dem Schulz-Hype. Es war ja auch zu schön: Die Umfragewerte schnellten anfangs in für unmöglich gehaltene Höhen. Mehr als 16.000 Menschen traten in die SPD ein, zwischenzeitlich gingen sogar die Parteibücher aus.

Martin Schulz befeuerte eigene Wahlkampagne nur kaum

Wenn ein Feuer einmal entfacht ist, dann ist es klug, nicht gleich alles Holz, über das man verfügt, hineinzuwerfen. Aber regelmäßig ein Scheit hinzulegen sollte man doch. Schulz hat seine eigene Wahlkampagne – abgesehen von Ausnahmen wie dem Arbeitslosengeld Q bislang nur sehr spärlich mit greifbaren Inhalten befeuert. Das hat einen großen Beitrag dazu geleistet, dass über ihn zunehmend weniger berichtet wurde – während die Kanzlerin in ihrem Amt regelmäßig souverän und fernsehgerecht auf internationalen Gipfeltreffen und bei ähnlichen Anlässen in Szene setzen kann.

Etwas Neues ist erst einmal interessant, weil es neu ist. Danach muss man es aber immer wieder interessant machen. Diese Erkenntnis haben sie bei der SPD missachtet. Hannelore Kraft mag, wie sie am Montag selbst noch einmal betont, darum gebeten haben, ihren Landtagswahlkampf nicht bundespolitisch zu überfrachten. Dennoch hätten sie in Schulz‘ Wahlkampfzentrale darauf bestehen müssen, mehr eigene Akzente zu setzen. Im Nachhinein gibt es daran gar keinen Zweifel.

SPD will inhaltlich in die Offensive

Und jetzt? Sind die Siegchancen für Martin Schulz mit der Niederlage im Herbst nur noch marginal? So können, so dürfen sie bei der SPD nicht an die Sache herangehen. Stattdessen wollen die Sozialdemokraten jetzt inhaltlich in die Offensive kommen. So sprechen sie am Montag im Vorstand über den Leitantrag für den Parteitag – auch wenn selbiger bislang dem Vernehmen nach noch Lücken in so wichtigen Fragen wie einem durchgerechneten Steuerkonzept hat. So werden sie überlegen, wie sie den Kandidaten, der das Kernthema Gerechtigkeit hat, so positionieren können, dass er zugleich auch als ein attraktiver Ansprechpartner für die Wirtschaft gilt. Und es ist davon auszugehen, dass die Union härter als bislang attackiert wird.

Einen ersten Vorgeschmack darauf gibt es schon am Montag bei der Blumenstraußübergabe an Hannelore Kraft nach der NRW-Wahl. Ob die Lehre aus der Niederlage nicht lauten müsse, dass die SPD sich in Fragen der inneren Sicherheit stärker positionieren müsse, wird Schulz gefragt. Jeder müsse seine Hausaufgaben machen, erwidert er. „Ich nehme nur zur Kenntnis, dass ein rechtsextremistischer Oberleutnant der Bundeswehr in einer Behörde des Bundes sich als syrischer Asylbewerber registrieren lassen kann“, sagt Schulz. Es gebe Minister, die für diese Bereiche zuständig seien. Gemeint sind die CDU-Minister Ursula von der Leyen und Thomas de Maizière.

Der SPD-Kanzlerkandidat will jetzt angreifen. In der Hoffnung, dass es nicht zu spät ist.