Schwedt - Kathrin Dannenberg nimmt einen tiefen Zug von ihrer Zigarette. Es ist erst halb elf an diesem Vormittag, aber bereits 30 Grad heiß. Fast drei Stunden saß sie im Auto. Ganz aus dem Süden Brandenburgs ist sie in den Norden gefahren. Die Nacht war kurz, der Abend zäh. Es gab eine wirklich harte Debatte mit ihr als Spitzenkandidatin der Linken für die Landtagswahl.

Bei einer Podiumsdiskussion musste sie erklären, warum sie Wölfe nicht abschießen lassen will – vor aufgebrachten Bauern, die sich um ihre Tiere und Kinder sorgen. „Da hatte ich keinen leichten Stand“, sagt die Bildungspolitikerin. Ob sie selbst Kinder habe, rief jemand. Denn wenn der Wolf an ihrem eigenen Gartenzaun stünde, dann würde sie das alles anders sehen, schimpfte ein wütender Mann.

Dannenberg schaut in den Himmel, zieht noch einmal an ihrer Zigarette und lächelt leicht resigniert. Dann drückt sie die Zigarette aus und nickt: Luftholen, neuer Versuch. Sie ist auf Wahlkampftour durch Brandenburg; heute steht Schwedt auf dem Programm, die 30000-Einwohner-„Metropole“ der Uckermark.

Am 1. September wählen die Brandenburger den neuen Landtag. Alle Zeichen stehen auf große politische Veränderungen: Die SPD regiert mit ihrem Juniorpartner Linke seit zehn Jahren, doch für eine Fortsetzung wird es nach allen Umfragen nicht reichen – wegen der Stärke der AfD und der Schwäche der SPD.

Kathrin Dannenberg über Landtagswahl in Brandenburg: „Wir wollen Regierungsverantwortung“

Die AfD steht in Umfragen auf Platz 1, gefolgt von CDU, SPD und Grünen, die alle zwischen 21 und 17 Prozent liegen. Gleich dahinter kommen Linken. 2014 holte die Linke bei den Landtagswahlen noch 18,6 Prozent. Glorreiche Zeiten. Es ist die SPD, die so marode ist, dass das bisherige und jedes andere traditionelle Zweierbündnis unmöglich ist. Der Wahlkampf der Linken, er steht vor allem unter dem Motto: Eine Regierung nur mit uns.

„Wir wollen Regierungsverantwortung“, macht Dannenberg an diesem Tag immer wieder deutlich. Am liebsten weiter im Duo wie bisher, man habe ja mit der SPD immer gut zusammengearbeitet. „Aber auch mit den Grünen haben wir viele Schnittmengen“, betont die 53-Jährige schnell, die auch Vizechefin der Fraktion im Landtag ist. Für die Linken und die Sozialdemokraten um den Ministerpräsidenten Dietmar Woidke ist klar, dass sie ihre Koalition nur mit einem dritten Partner fortsetzen können.

Zum Beispiel mit den Grünen. Nach Berlin, Thüringen und Bremen könnte Brandenburg dann das vierte Land werden, das Rot-Rot-Grün regiert wird. Aber auch das könnte knapp werden.

Eigentlich will Dannenberg gar nicht über potenzielle Bündnisse reden. Vor der Wahl ist vor der Wahl – und theoretisch ist alles möglich.

Dannenberg ist keine Frau, die auf eine lange parteipolitische Karriere zurückschauen kann. Bei den Linken ist sie erst seit zehn Jahren dabei. Über ihre Arbeit als Gewerkschafterin kam die Frau aus Calau zu dieser Partei. In den Potsdamer Landtag wurde sie erst vor fünf Jahren gewählt. Im Vergleich zu anderen Politikern ist das nicht allzu lang – trotzdem ist sie nun ganz oben.

Für eine Linke bekommt Kathrin Dannenberg auch von der CDU viel Lob 

Da ist der Druck noch größer als ohnehin schon. Bisher fiel sie vorrangig als gute bildungspolitische Sprecherin auf. Ihr Vorteil: Dieser Bereich ist für die Brandenburger wichtig: Laut einer Umfrage ist Bildung und Kinderbetreuung hinter Infrastruktur das Thema Nr. 2.

Der Schritt an die Spitze kam, als die Potsdamer Gesundheitsministerin Diana Golze im August 2018 zurücktrat, weil eine Brandenburger Firma illegal mit Krebsmedikamenten gehandelt hatte. Golze, die bekannteste Politikerin ihrer Partei und Hoffnungsträgerin, sollte die Linke eigentlich in den Wahlkampf führen.

Ihr Rücktritt änderte alles: Zehn Monate vor der Wahl machte die Partei Dannenberg und den 29-jährigen Gewerkschaftsfunktionär Sebastian Walter zum Spitzenteam. Frischer Wind in stürmischen Zeiten. Dannenberg soll auch als Golze-Nachfolgerin im Gespräch gewesen sein. Warum es nicht geklappt hat?

Sie sagt, dass sie zu dem Zeitpunkt gar kein Interesse an dem Amt gehabt habe. Sie sagte den Satz vom Schuster und seinen Leisten. Im Januar wählte ihre Partei sie dann zur Spitzenkandidatin: Eine Praktikerin, die selbst sagt, dass ihr Anspruch auf ein gerechtes Bildungssystem sie in die Politik gezwungen habe. Die Neue, die als Überzeugungstäterin am liebsten das ganze Schulsystem umkrempeln möchte und damit auch mal bei den strukturkonservativen Kräften ihrer Partei aneckt.

Für eine Linke bekommt sie sogar bei der meist gegnerisch eingestellten CDU sehr viel Lob: Sie sei fachlich kompetent, engagiert und gradlinig. „Sie hat den leidenschaftlichen Wunsch, Dinge zu verbessern“, sagt ein Oppositionspolitiker.

Linke-Spitzenkandidatin Kathrin Dannenberg ist eigentlich Lehrerin 

Dannenberg, die aufblüht, wenn die Stichwörter Schule, Kita, Beitragsfreiheit oder faire Löhne fallen. Sie ist Mutter einer erwachsenen Tochter und seit 30 Jahren verheiratet mit einem Linken. Eine, die auch mal zugibt, wenn sie etwas nicht versteht, wenn sie noch nicht voll im Stoff steht, wenn sie nervös ist.

Und die wütend ist, wenn behauptet wird, dass es den Menschen im Land eigentlich gut ginge. „Das stimmt für einen Teil der Menschen im Land einfach nicht. Das wird immer wieder vergessen. Ein Drittel der Menschen in Brandenburg arbeiten im Niedriglohnbereich“, sagt Dannenberg, die in Leisnig geboren wurde – im heutigen Land Sachsen. Jenem Bundesland, das am selben Tag wie Brandenburg wählt und in dem die Rechtspopulisten wohl ebenso massiv abräumen könnten: In Umfragen stehen sie mit etwa 25 Prozent kurz hinter der CDU.

Dannenberg ist eigentlich Lehrerin für Geschichte, Sport, Ethik- und Religionskunde. 24 Jahre Pädagogin. Vielleicht ist es auch dieses Vierteljahrhundert im Schulbetrieb, ihre ganz persönliche DNA, warum sie so schnell nichts aus der Ruhe bringt.

Manchmal vermisst sie das alles in den wilden Wahlkampfwochen, in denen keine Zeit bleibt für Badminton oder Schwimmen, in denen das Private viel zu kurz kommt. „Man gibt schon einen Teil von sich ab. Aber jetzt will ich das Land gestalten. Ich weiß, worauf ich mich eingelassen habe.“ Jammern ist nichts für sie. Und zum Gestalten gehört: zuhören, zuhören, zuhören.

Den Bauern, die die Wölfe töten lassen wollen, den Menschen, die ihr Kreuz bei der AfD machen möchten, den Lausitzern, denen durch den geplanten Kohleausstieg der Verlust ihrer Arbeit droht oder aber den Wohnungsunternehmen vor Ort in Schwedt, die der demografische Wandel vor große Herausforderungen stellt. Auch wenn das Thema eigentlich „Sebastians Baby ist“, wie sie sagt. Also das Fachgebiet ihres Spitzenkandidaten-Partners Sebastian Walter.

Kathrin Dannenberg: „Ich höre immer wieder, dass die Förderprogramme nicht attraktiv genug sind“

Wie die meisten Städte in Brandenburg muss sich auch die Stadt an der Oder auf die alternde Gesellschaft einstellen. Jeder vierte, der dort lebt, ist 65 bis 79 Jahre alt. Das Durchschnittsalter liegt bei knapp 51 Jahren. 2030, so die Prognose, sind es bereits 54 Jahre. Zum Vergleich: Bei den Berlinern sind es 43 Jahre.

Für das Unternehmen Wohnbauten Schwedt ist Wohnen im Alter das Thema schlechthin. Dannenberg und Walter haben dort einen Termin, lassen sich über barrierefreie Wohnungen aufklären, über Fahrstühle, Rückbau, Nettolöhne und Einwohnerentwicklungen. Daten, Grafiken werden an die Wand geworfen.

„Ich höre immer wieder, dass die Förderprogramme nicht attraktiv genug sind“, sagt sie später auf die Frage, was sie aus dem Gespräch mitgenommen hat. Das müsse man besser anpassen, die bürokratischen Hürden seien viel zu hoch. „Das nervt die Leute, egal ob Wohnungsbaugesellschaften oder Vereine“, sagt sie auf dem Weg zur Regenbogen-Siedlung, wo der Chef in praller Hitze stolz durch eine Wohnanlage führt, die nun altersgerecht ist.

Nächster Stopp: Das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk (EJF), eine Einrichtung für Familien, Behinderte, Senioren und Flüchtlinge. Dannenbergs Parteikollegin, die sie in diesen Wochen von Termin zu Termin fährt, hält ihr noch schnell eine Tupperbox mit Möhren und Weintrauben unter die Nase. Bis zum Abend wird es neben ein paar Keksen und viel Kaffee das einzige Essen bleiben. „Das kann ich ab“, winkt Dannenberg ab. „Ich bin Politikerin.“

Kathrin Dannenberg wirft sich in ihrem Stuhl zurück, fasst sich in die Haare. „Halleluja“, ruft sie. Die Leiterinnen und Angestellten der Einrichtung haben eine kleine „Problemliste“ erstellt: Man findet kein Personal mehr, Fachkräfte wandern ab, Hausärzte nehmen keine neuen Patienten auf, in der Rettungsstelle müssen Senioren schon mal neun Stunden für eine Röntgenaufnahme warten, Windeln werden pro Person abgewogen und zugeteilt – und Facharzttermine bekommt man gar nicht.

Rechtsruck berietet Kathrin Dannenberg große Sorgen 

Für unsinnige Dokumentationspflichten gingen viel zu viele Stunden drauf, die man dringend für die Arbeit am Patienten bräuchte, beschwert sich eine Altenpflegerin. Sie zeigt einen Ordner herum, den die Pflegerinnen minuziös ausfüllen müssen. Da ist das Vertrauen in die Politik kaum mehr vorhanden.

Dannenberg ist in ihrem Element. Auch aus der Schule kenne sie das Problem, dass die Arbeit mit Schülern immer weniger wird. „Es muss viel zu viel dokumentiert werden, es bleibt keine Zeit für den Menschen“, sagt sie. „Ist angekommen, steht ja auch bei uns im Wahlprogramm.“ Aber viele der angebrachten Kritikpunkte, macht sie deutlich, müssten über den Bund gesteuert werden, der ohnehin viel stärker in die Verantwortung genommen werden müsse. Und den Facharztmangel, den hat sie in ihrer Bewerbungsrede im Januar bereits griffig als Problem skizziert. „Mit meinem kleinen Neffen mussten wir 70 Kilometer bis Beeskow fahren, um ihm eine Brille zu ermöglichen.“

Die Leiterin der Seniorenpflegeeinrichtung Marita Postler sagt noch, dass sie sich wünsche, dass Politiker nicht nur vor Wahlen auf Stippvisite kämen. Gekannt habe sie Frau Dannenberg und Sebastian Walter zuvor nicht. „Die musste ich googeln.“ Auf dem Platz der Befreiung, dem eigentlichen Marktplatz, sucht sie dann den Kontakt mit den Schwedtern. Meist kämen zu solchen Veranstaltungen nicht viele Menschen, erzählt Dannenberg. „Das kenn ich schon.“ Trotzdem geht sie mit Flyern auf die wenigen Menschen zu und redet mit Jugendlichen. Ein junger Mann sagt, sie sei sympathisch.

Der Rechtsruck im Land bereite ihr große Sorgen, sagt sie, als sie sich nach vielen Stunden am Ende des Tages auf einer Bank eine weitere Zigarette gönnt. Man könne das Angstgefühl der Leute nicht wegreden. „Man muss zur Kenntnis nehmen, dass es unterschiedliche Auffassungen gibt.“ Auch wenn es schmerze auf dem Marktplatz beschimpft zu werden.

Sie komme aus der Oberlausitz, einer Kohlegegend. Eine Gegend im Umbruch seit 30 Jahren. „Ich weiß, wovon ich spreche, wenn Menschen sich um ihre Zukunft Sorgen machen“, sagt sie. Man müsse die Menschen mitnehmen. Auch die Wolfsgegner? „Ja, natürlich auch die“, sagt Dannenberg, „ich kann die Menschen ja verstehen.“