„Schmerzhaft.“ Das war wohl die meistverwendete Vokabel bei der Linken am Abend der Wahl und auch am Tag danach. Sowohl in Brandenburg als auch in Sachsen hat die Linke schwer verloren: jeweils um rund acht Prozentpunkte auf nur noch wenig über zehn Prozent. Zwar ist es in Brandenburg noch möglich, dass sich die Partei erneut in Regierungsverantwortung begeben könnte. Aber will sie das überhaupt? Und vor allem muss sich die Partei mit der Frage beschäftigen, ob sie ihren Status als Regionalpartei Ost endgültig an die AfD verloren hat.

In Brandenburg verlor die Linke 12.000 Stimmen an die AfD - in Sachsen 27.000

Für Gregor Gysi hat die Niederlage mehrere Faktoren, wie der ehemalige Partei- und Fraktionschef und jetzige Bundestagsabgeordnete am Montag der Berliner Zeitung sagte. Früher, so Gysi, hätten die Menschen im Osten PDS oder später Linke gewählt, um den anderen Parteien einen Denkzettel zu verpassen. Das habe sich geändert, die Linke werde als etabliert wahrgenommen. „Auch wenn es wehtut, müssen wir feststellen: Die Denkzettel-Wähler gehen heute zur AfD“.

Außerdem, so Gysi, habe die Linke bei ihrer Öffnung nach Westen „die ostdeutschen Fragen“ zuletzt nicht mehr genug betont, „dieses Gefühl, nicht gewürdigt zu werden, sich als Deutsche zweiter Klasse zu fühlen“. Dieses Gefühl des Abgehängt-Seins habe sich längst auf die nächste Generation übertragen. „Das haben wir sicher unterschätzt.“

Tatsächlich hat die Linke in Brandenburg einer ARD-Analyse zufolge an die Rechtspopulisten 12.000 Stimmen verloren, im bevölkerungsreicheren Sachsen sogar 27.000. Die Linke werde „nicht mehr als die Interessenvertretung im Osten“ wahrgenommen, beklagt Bundestagsfraktionschef Dietmar Bartsch.

Die Linke verlor in Brandenburg die meisten Wähler an die SPD

Nach Ansicht von Parteienforscher Jürgen W. Falter ist die Linke von der AfD als „eigentliche Regionalpartei Ost“ abgelöst worden, wie der Wissenschaftler der Passauer Neuen Presse sagte. Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder von der Uni Kassel sieht einen „kompletten Ausfall der Linkspartei“.

Doch die Gründe für den dramatischen Rückgang sind wohl komplexer, schließlich gab es „Wanderungen zu ganz unterschiedlichen Parteien“, wie Parteichef Bernd Riexinger konstatierte. In Brandenburg verlor die Partei am meisten Stimmen an die SPD, in Sachsen an die CDU. „Wir waren nicht Teil des Kopf-an-Kopf-Rennens“, konstatiert Co-Chefin Katja Kipping mit Blick auf die alles dominierende Konkurrenz zwischen AfD einerseits sowie SPD und CDU andererseits.

Udo Wolf schaut optimistisch auf die Thüringer Landtagswahlen 

Für Udo Wolf, Co-Fraktionsvorsitzender im Berliner Abgeordnetenhaus, ist das Wahldebakel auch ein Ergebnis der Zuspitzung der letzten Tage und Wochen auf die Frage, ob die AfD stärkste Partei werden könnte. „Unsere Klientel möchte keine Rechtsradikalen und Neonazis“, sagte Wolf der Berliner Zeitung. Tatsächlich profitierten von der Zuspitzung auf die AfD die Parteien der Ministerpräsidenten. „In beiden Fällen hat der Amtsbonus eine große Rolle gespielt“, so Wolf.

So schmerzhaft dies für die Linke in Brandenburg und Sachsen sei, so zuversichtlich mache ihn dies für die Wahl in Thüringen am 27. Oktober, sagte Wolf. Dort will Bodo Ramelow, einziger Linken-Ministerpräsident des Landes, sein Amt verteidigen.

Die Linken sind in Aufruhr, die Parteispitze gerät unter Druck 

Auch Ramelow selbst zeigt sich vor dem Urnengang optimistisch. „Meine Partei ist in Thüringen auf Platz eins“, sagte er am Montag vor seiner Rede beim Volksfest Gillamoos im niederbayerischen Abensberg. Jüngste Umfragen sehen Ramelows Linke, die in Erfurt mit SPD und Grünen koalieren, bei 26 Prozent, dahinter kommt die CDU mit 24 Prozent. Die AfD steht mit 21 Prozent auf dem dritten Platz.

Doch die Partei ist in Aufruhr. Die unter Druck geratene Spitze will mindestens bis zur Thüringen-Wahl Ruhe bewahren. Am Montag stellten Kipping und Riexinger einen Neuanfang in Aussicht – konkret werden wollen sie aber erst nach der Thüringen-Wahl. Spätestens dann wird es auch um die Zukunft des Führungsduos gehen. So will Fraktionschef Bartsch den für Juni 2020 geplanten Parteitag mit der Neuwahl der Führung vorziehen – auf die Zeit nach der Hamburg-Wahl im Februar. Davon hält Riexinger wenig. Doch es wird auch vom Ausgang der künftigen Wahlen abhängen, wie viel er noch zu sagen hat. (mit dpa, AFP)