Lars Windhorst und Hertha BSC: Zersetzung bis zum bitteren Ende

Bespitzelung und Diffamierung als Methoden der Macht: Eine kommerzielle Spitzel-Truppe wird Lars Windhorst zum Verhängnis. 

Lars Windhorst bei einer Pressekonferenz im Jahr 2021.
Lars Windhorst bei einer Pressekonferenz im Jahr 2021.Sebastian Wells/OSTKREUZ

Die beiden Männer, die sich im Juni 2021 auf einer Jacht getroffen haben, dürften in Hochstimmung gewesen sein: So soll der Berliner Investor Lars Windhorst dem Chef des privaten israelischen Spionageunternehmens Shibumi, Ori Gur-Ari, „Millionen von Euros“ an Erfolgsprämie versprochen haben, wenn es Shibumi gelingt, den damaligen Präsidenten des Fußballklubs Hertha BSC, Werner Gegenbauer, aus dem Amt zu vertreiben.

Windhorst hatte knapp 380 Millionen Euro in den Fußballverein gesteckt. Der sportliche Erfolg war jedoch ausgeblieben. Weil in der Bundesliga Investoren keine Mehrheit übernehmen dürfen, war es für Windhorst nicht möglich, Gegenbauer zu feuern. Wie die Financial Times (FT) kürzlich berichtete, soll sich Windhorsts Investment-Holding, die Tennor Holding B.V. mit Sitz in Zürich, daher des israelischen Spitzel-Unternehmens Shibumi Strategy Ltd. bedient haben, um eine „Negativ-Kampagne“ gegen Gegenbauer zu lancieren. Alle Beteiligten leugnen bis heute, dass diese Kampagne stattgefunden hat.

Doch die FT hat Erfahrung mit den Machenschaften von modernen Stasi-Unternehmen: Schon im Zuge der Wirecard-Affäre deckte die Zeitung auf, wie die Wirecard AG Gegner bespitzelte und diffamierte. Auch die FT selbst wurde Opfer einer solchen Kampagne. Wirecard zeigte sich seinerzeit entrüstet und behauptete bis zum bitteren Ende, die FT habe die Vorwürfe erfunden.

Das Geschäft mit der Bespitzelung und Diffamierung brummt weltweit: In Österreich machte der Politikberater Tal Silberstein das sogenannte Dirty Campaigning, also die strategische Schmutzkübel-Kampagne, zum Bestandteil des politischen Repertoires. In den USA beauftragte die Demokratische Partei den ehemaligen britischen Spion Christopher Steele mit der Erstellung eines unappetitlichen „Dossiers“ über Donald Trump. Der britische Labour-Chef Jeremy Corbyn wurde gleich über mehrere Kampagnen zu Fall gebracht, in denen er als Kommunist und Antisemit diffamiert wurde. Das Vorgehen scheint mittlerweile auch im Wirtschaftsleben Standard zu sein. So rät die FT allen „Profis“, sie mögen, wenn sie „ein Team von Unternehmensspitzeln anheuern“, um einen Gegner zu Fall zu bringen, unbedingt sicherstellen, dass die Spione für ihre Arbeit auch bezahlt werden.

Windhorst wollte nicht zahlen

Diesen Fehler scheint nämlich Lars Windhorst gemacht zu haben: Wie aus Gerichtsunterlagen hervorgeht, soll Windhorst seinen Dienstleister nicht bezahlt haben. Der Deal kam so an die Öffentlichkeit, die Unterlagen liegen der Berliner Zeitung vor. Auch der Spiegel berichtet aus den Dokumenten.

Es zeigt sich: Vom schönen Einvernehmen auf der Jacht ist im Mai 2022 nichts mehr zu spüren. Ori Gur-Ari schreibt in einer E-Mail an Windhorst, es sei „höchst unerfreulich“, die Antwort Windhorsts zu lesen, mit der dieser begründete, warum er nicht zahlt. Windhorst vertrat die Auffassung, dass die Leistungen von Shibumi nicht ursächlich zum Sturz von Gegenbauer geführt hätten. Gur-Ari hatte im Mai 2022 das „Millionen Euro“-Angebot Windhorsts präzisiert und neben der Summe von einer Million Euro als Festvergütung vier Millionen Euro als Erfolgsprämie in Rechnung gestellt. Als Windhorst nicht zahlte, schickte die Anwaltskanzlei Goldfarb Seligman geharnischte Zahlungsaufforderungen an Windhorst. Laut der FT und dem Spiegel wurde daraufhin in Tel Aviv ein Gerichtsverfahren anhängig. Am Tag der Veröffentlichung der FT wurde der Fall bei Gericht gelöscht. Die Gründe dafür sind unklar, schreibt der Spiegel.

Ob die Arbeit von Shibumi wirklich fünf Millionen wert war und ob sie ursächlich für den Sturz von Werner Gegenbauer als Hertha-Präsident ist, kann nicht festgestellt werden. Der der Berliner Zeitung vorliegende Spitzel-Bericht zeigt allerdings, dass Shibumi einige Anstrengungen unternommen hat.

So wurden neun „Zielpersonen“ kontaktiert, um Informationen über das „Main Target“ Werner Gegenbauer abzuschöpfen: Neben mehreren Mitarbeitern aus Gegenbauers Unternehmen versuchten die Spitzel ihr Glück unter anderem bei einem Banker und mehreren Familienmitgliedern Gegenbauers. Die erhofften Informanten wurden per E-Mail oder das Netzwerk LinkedIn kontaktiert. Nur drei waren zu Gesprächen bereit, die schließlich zu Treffen führten.

Ehefrau des Hertha-Amtsträgers wenig ergiebig

Einem deutschsprachigen Mitarbeiter von Shibumi gelang es, Treffen mit einem hochrangigen grünen Bundespolitiker, einer Tochter von Gegenbauer und der Ehefrau eines Hertha-Amtsträges zu arrangieren. Die Tochter war „sehr schüchtern“, als sie nach ihrem Vater ausgefragt wurde und versicherte den Spionen, dass sie ein „enges Verhältnis“ zu ihrer Familie habe. Die Ehefrau des Hertha-Amtsträgers war ebenfalls wenig ergiebig: Sie sagte, dass Gegenbauer Hertha-Präsident geworden sei, weil die Rolle ein „Status-Symbol“ sei, mit der man signalisieren könne, dass man „die Nummer eins in der Stadt“ geworden sei. Über ihren Mann hatte die Frau nur Gutes zu sagen.

Der Grünen-Politiker dagegen hielt mit seiner Kritik an Gegenbauer nicht hinterm Berg und lieferte den Spitzeln ausreichend „negative Informationen über das Hauptziel“: Gegenbauer halte sich aus der Arbeit raus und „ist von der Arbeit anderer abhängig, die für ihn die Arbeit machen“. Der Politiker sagte laut Dossier: „Gegenbauer führt Hertha wie die Mafia und deswegen werden die Rufe der Fans, ihn zu feuern, nicht erfolgreich sein.“

Mit diesen Hintergrund-Infos ausgestattet, gingen die Mitarbeiter von Shibumi zur nächsten Phase der Operation über, die unter dem Motto „Gegenbauer raus!“ lief.

Mit dem Fan S. gelang es den Spionen, einen aktiven Mitarbeiter aus dem Kreis der Hertha-Mitglieder zu gewinnen. Er verbreitete Forderungen nach dem Rücktritt Gegenbauers über das Forum „Alte Dame“ und gewann andere Mitglieder als Unterstützer. Ein Blog mit dem Namen „Sportfreax“ wurde online gestellt, in dem gegen Gegenbauer Stimmung gemacht wurde.

Zwei Wikipedia-Artikel – einer über Hertha und einer über Gegenbauer - wurden erfolgreich manipuliert, sodass sie Gegenbauer und seine Arbeit in einem schlechten Licht erscheinen lassen. Hunderte Sweatshirts, Flyer und Aufkleber mit Anti-Gegenbauer-Sprüchen wurden vertrieben. „Undercover“ habe man Ende 2021 „eine massive Infrastruktur aufgebaut“, die den Sturz von Gegenbauer ermöglichen würde, so der Bericht. Schließlich gab es gehässige Karikaturen, die unter anderem Gegenbauer als Sensenmann auf einem Grab zeigen. Am 19. April 2022 postete Mitarbeiter S., er sei „stolz, dass wir bereits 1479 Unterschriften“ für eine Petition zu Abberufung Gegenbauers gesammelt haben.

Auch alle kritischen Medien-Berichte über Gegenbauer wurden verteilt. Mit Facebook- und Fanseiten-Administratoren gab es „etablierte persönliche Beziehungen“, also ein vertrauensvolles Verhältnis, um die Zersetzungsarbeit auch unters Social-Media-Volk zu bringen. Der geschürte Aufruhr fand schließlich seinen Weg in die Medien. So berichtet Shibumi, dass einer der reichweitenstarken Social-Media-Accounts „von einem Journalisten vom RBB“ kontaktiert worden sei, um „aus Fansicht über Hertha zu sprechen“. Auch ein anderer Journalist schrieb den Fans, er sei „gern bereit, das Ganze journalistisch zu begleiten“. Die Sportbild verwendete sogar ein von der Spitzel-Truppe gefertigtes T-Shirt mit der Aufschrift „Der Absturz-Präsident“. Auch neutrale Medienberichte über die Fan-Revolte aus den relevanten Berliner Tageszeitungen werden in der Erfolgsbilanz aufgelistet.

Am 24. Mai 2022 trat Gegenbauer schließlich zermürbt als Präsident von Hertha BSC zurück. Sein Nachfolger wurde der Hertha-Fan Kay Bernstein. Investor Lars Windhorst bot dem Verein am Mittwoch nach Bekanntwerden der Details aus der Spitzel-Kampagne den Rückkauf seiner Anteile an. Es gebe keine Basis und keine Perspektive mehr für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen seiner Tennor Group und Hertha BSC.

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