Die Rettungskräfte hatten die Hoffnung nicht aufgegeben und pausenlos weitergesucht. Und am Freitag kurz vor Mittag kam dann tatsächlich die sensationelle Nachricht: Mehr als 40 Stunden, nachdem eine enorme Lawine das Hotel Rigopiano im mittelitalienischen Gran-Sasso-Massiv verschüttet hatte, wurden neun Überlebende gefunden.

Teilweise wurde in den Medien sogar von zehn Überlebenden gesprochen, darunter vier Kinder. Sie hatten unter der teils mehrere Meter hohen Schicht aus Schnee, Trümmern und Geröll der Kälte fast zwei Tage lang widerstanden. Als erste konnte eine Mutter mit ihrer Tochter befreit und ins Krankenhaus gebracht werden. Die anderen blieben zunächst verschüttet, waren aber in der Lage, mit den Helfern zu kommunizieren.

Bis zu 300 Meter breit

Wie viele Menschen noch vermisst sind, blieb unklar. Offiziell registriert waren im Rigopiano laut Präfektur 22 Hotelgäste und acht Angestellte. Der Hotelbesitzer sprach dagegen von 35 Personen, 24 Gästen und elf Mitarbeitern. Zwei Männer, darunter der Hausmeister des Hotels und ein Gast, waren der Lawine entkommen. Vier Menschen waren am Donnerstag tot geborgen worden.

Die Lawine war am Mittwoch 500 Meter in die Tiefe gestürzt, eine riesige Front, bis zu 300 Meter breit. Der Geologe Gian Gabriele Ori von der Universität Chieti glaubt, dass vier heftige Erdbeben am Vormittag Bergterrain gelockert hatten. Stunden später sei ein enormer Geröllstrom losgebrochen, der durch die Schneemassen zusätzliche Wucht bekam.

Zwei Meter Neuschnee

Im Erdbebengebiet im Apennin hatte es in den Tagen zuvor bis zu zwei Meter Neuschnee gegeben, so viel wie seit Jahren nicht. Viele Ortschaften sind nach wie vor abgeschnitten. Die Gäste des Rigopiano waren vorwiegend junge Paare und Familien, die in dem Vier-Sterne-Hotel mit Spa und Schwimmbad ausspannen wollten. Das 1972 in einem 1200 Meter hoch gelegenen Naturschutzgebiet als Hütte eröffnete und 2004 mit 45 Zimmern ausgebaute Rigopiano war kein Ski-Hotel, sondern auf Wellness ausgelegt.

Nach den Erdbeben waren die Gäste besorgt und wollten abreisen. Sie hatten gepackt und bezahlt, mussten aber warten, bis ein Schneepflug die neun Kilometer lange Straße zu dem abgelegenen Hotel freiräumte. Er war für 15 Uhr angekündigt, die Ankunft wurde aber auf 19 Uhr verschoben, wegen eines Schneesturms. In der Zwischenzeit, gegen 17.30 Uhr, ging die Lawine nieder. Sie zerstörte das dreistöckige Haus und begrub es unter einer bis zu fünf Meter hohen Schicht.

Unterm Sonnensegel

Zum Unglückszeitpunkt hielten sich viele Gäste im Foyer auf, die Hotelangestellten an der Bar. Auf diese Punkte hatten die Bergungskräfte ihre Suche mit Kamerasonden und Hunden konzentriert. Die Überlebenden wurden unter einem Sonnensegel gefunden, unter dem auch Luft eingeschlossen war.

Ob menschliches Versagen mit schuld an der Tragödie ist, darüber wird inzwischen heftig debattiert. Die Staatsanwaltschaft Pescara ermittelt. Es geht ebenso um den verspäteten Einsatz des Schneepflugs wie um die Frage, ob das Hotel in einem Lawinen-Risikogebiet und teils ohne Genehmigung gebaut worden war.

Zu späte Rettung

Auch soll der Rettungseinsatz viel zu spät angelaufen sein. Ein Koch aus Pescara, der im Freien war, als die Lawine heranraste, hatte sofort seinen Arbeitgeber per Textnachricht informiert. Der wählte ab 17.40 Uhr die Notrufe von Polizei, Feuerwehr, Carabinieri, Zivilschutz. Doch niemand habe ihm geglaubt, sagte Quintino Marcella in Interviews.

Die Bergrettung wurde erst um 19.30 Uhr alarmiert. Deren Schneeräumgerät blieb acht Kilometer vor dem Rigopiano liegen, das Benzin war ausgegangen. Gegen Mitternacht brach eine Skistaffel auf.

Italiens Zivilschutz-Chef Fabrizio Curcio wies am Freitag Vorwürfe zurück, die Behörden hätten versagt. Etwa 250 Gemeinden seien im Schnee versunken und teils noch isoliert, sagte Curcio. Kein Land der Welt habe genug Räumgeräte für eine solch extreme Ausnahmesituation.