Das Tor des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau.
Foto: AP/Markus Schreiber

OswiecimAuschwitz lag hinten, bis zur letzten Sekunde. Dann schaffte Klemen Pretnar den Ausgleich. 3:3. Und dann, in der Nachspielzeit, kam sogar noch der Siegtreffer. 4:3 gegen Tychy, den ewigen Rivalen.

„3000 Zuschauer waren in der Halle“, sagt Jerzy Zaborski, „Superstimmung.“ Zaborski ist Sportredakteur der Zeitung Dziennik Polski, er sitzt in den Räumen der Redaktion am Marktplatz und zeigt Videos vom Spiel. Es war ein wichtiger Sieg, weil Tychy in der höchsten polnischen Eishockeyliga auf Platz eins steht, aber durch den Sieg ist Auschwitz wieder näher dran. Vielleicht geht da noch was, hofft Zaborski.

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In seiner Stimme schwingt Begeisterung mit. Seit knapp 30 Jahren berichtet er über die Eishockeymannschaft von Auschwitz. Achtmal ist sie in dieser Zeit Meister geworden, zweimal Pokalsieger. Sie ist ein guter Grund, stolz zu sein auf diese Stadt, findet Jerzy Zaborski.

Für die Stadt Oswiecim interessiert sich keiner

Nur: Die meisten Besucher der Stadt wissen von solchen Dingen nichts. „Sie kommen wegen des Lagers, wegen der Wachtürme, wegen des Schildes ,Arbeit macht frei‘, wegen des Stacheldrahts“, sagt Zaborski. Sie interessierten sich nicht dafür, dass es auch eine Stadt gleichen Namens gibt, in der immerhin 40.000 Menschen leben. Oder sie wissen nicht mal, dass es diese Stadt überhaupt gibt. Es ärgere ihn, sagt Zaborski, dass seine Stadt nur für das Vernichtungslager bekannt sei, und nicht auch für ihre Gegenwart.

Oswiecim ist der polnische Name, Auschwitz der deutsche. Oswiecim ist eine alte Stadt, sie existiert seit mehr als 800 Jahren. Dann überfielen die Deutschen 1939 Polen und bauten hier, auf der anderen Seite des Flusses Sola, nur eineinhalb Kilometer vom Marktplatz entfernt, zunächst das Konzentrationslager Auschwitz, das sie dann um das Lager Birkenau erweiterten.


Gedenken

  • Am Montag wird in Auschwitz der Befreiung des größten deutschen Vernichtungslagers vor genau 75 Jahren gedacht. Auf der Gedenkfeier sprechen Polens Präsident Andrzej Duda und ehemalige Häftlinge.
  • Teilnehmer sind unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Israels Präsident Reuven Rivlin sowie Frankreichs Regierungschef Edouard Philippe. Russland ist durch seinen Botschafter vertreten.
  • Am Dienstag werden Steinmeier und Rivlin mit Schülerinnen und Schülern des Jüdischen Gymnasiums Moses Mendelssohn diskutieren. Am Mittwoch spricht Rivlin in der Gedenkstunde des Bundestages.

Dies hatte von Anfang an nur einen Sinn: die systematische Ermordung möglichst vieler Menschen, die Vernichtung der Juden. So wurde Auschwitz vom Namen einer Stadt zum Synonym für eines der größten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit. Doch wie geht man als Bewohner der Stadt mit dieser Geschichte um?

„Auschwitz wird dich immer finden“

Man kann es machen wie Barbara Daczynska, 35, die einen Film gedreht hat über ihre Stadt und deren Bewohner in der Zeit des Lagers, und die gelernt hat, dass es keinen Sinn hat, vor dieser Geschichte davonlaufen zu wollen. „Auschwitz wird dich immer finden“, sagt sie.

Oder man macht es wie Malgorzta Glen, die Kollegin des Sportredakteurs Zaborski, die es pragmatisch nimmt und sagt: „Immerhin weiß jeder gleich, wo Oswiecim liegt.“ Oder man versucht wie Bürgermeister Janusz Chwierut, Geschichte und Gegenwart in Einklang zu bringen.

Von außen betrachtet ist Oswiecim ja auch eine ganz normale polnische Stadt, ganz so, wie es Chwierut immer wieder betont. Eine Stadt mit normalen Problemen und einem herausgeputzten Marktplatz, auf dem in Januar, wie in Polen üblich, noch immer ein Tannenbaum blinkt. Mit schlechter Luft, weil zu viele Bewohner mit Kohleöfen heizen. Mit Stau morgens und abends, weil es nur zwei Brücken über die Sola gibt, was nicht reicht.

Die Frage nach der Herkunft

Man kann, das beteuern die Menschen in Oswiecim, im Alltag leicht an der Geschichte vorbeileben. Ein Pflichtbesuch im Museum während der Schulzeit, das war’s. Oswiecim, das ist die Stadt – Auschwitz ist das Lager, so versuchen sie es hier zu trennen. Nur stoßen sie damit an Grenzen. Zum Beispiel dann, wenn sie anderswo erklären, von wo sie kommen.

„Aus Oswiecim? In welcher Baracke lebst du denn?“ Oder: „Wo ist denn deine gestreifte Kleidung?“ Das sind Fragen, die auch Barbara Daczynska immer wieder zu hören bekam. Spätfolgen der Geschichte.

Daczynska wuchs allerdings nicht nur mit diesen Fragen auf. Sondern auch mit den Erzählungen ihres Großvaters. Der schilderte ihr, da war sie noch eine Jugendliche, wie SS-Männer den KZ-Häftlingen bei ihren Arbeitseinsätzen mit Schlägen das Rückgrat brachen.

Oder wie er sich nach dem Krieg als Pfleger um die überlebenden Insassen des Lagers kümmerte, denen die abgefrorenen Zehen abfielen, als er die Decke hob, so erzählte er es. „Das hat sich mir eingeprägt“, sagt Barbara Daczynska.

Man kann auf solche Erzählungen mit Abwehr reagieren. Und tatsächlich ging sie zum Studium fort nach Lubin, ging auf Distanz zu ihrer Heimatstadt. „Doch als ich eine Studienfreundin zum ersten Mal besuchte, sagte die: ,Ganz in der Nähe begann übrigens das Vernichtungslager Majdanek.‘“ Das sei der Moment gewesen, in dem sie verstand, dass Auschwitz sie immer begleiten würde.

Das Bild ist bei den meisten Menschen unvollständig

Barbara Daczynska arbeitet heute in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte am Rand von Oswiecim. Zusammen mit ihrer Schwester hat sie den Film „Das geheime Netz des Guten um Auschwitz“ gedreht. Es geht um Menschen aus ihrer Stadt, die KZ-Insassen Lebensmittel zusteckten und ihnen halfen. Der Film ist die Antwort auf eine Frage, die der Schwester in London oft gestellt wurde: „Warum habt ihr eigentlich nichts gegen das Lager getan?“

Es ist eine absurde Frage, wenn man weiß, dass Bewohner der Stadt Auschwitz zu den ersten Opfern gehörten. Mehr als die Hälfte der Einwohner waren Juden, sie kamen ins Lager. Fast 50 Bürger wurden umgebracht, weil sie den Menschen im KZ zu helfen versuchten.

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Barbara Daczynska hat ihren Film auch in Deutschland gezeigt. Die Welt solle erfahren, was dieses Lager für ihre Stadt bedeutet, sagt sie, aber es sei ein mühsamer Kampf: „Auch in Polen kennt dieses Kapitel kaum jemand.“ Ihre Erfahrung ist, dass jeder bei „Auschwitz“ ein Bild im Kopf hat. Nur ihrer Stadt wird dieses Bild nicht gerecht.

Die Touristen besuchen häufiger die Stadt Auschwitz

Es gibt Anzeichen, dass sich das langsam ändern könnte. Die meisten Gedenktouristen haben das gleiche Programm: Übernachtung in Krakau, nach dem Frühstück Bustour nach Auschwitz. Führung, vielleicht noch eine Pizza im Restaurant gegenüber des Eingangs. Rückfahrt.

„Inzwischen jedoch“, sagt die Lokalredakteurin Glen, „kommen immer mehr Menschen auch hierher.“ Sie muss es wissen, von ihrem Arbeitsplatz aus überblickt sie den Marktplatz. Die Cafés würden jeden Sommer voller, sagt sie. Sie teilt nicht den Pessimismus ihres Sportkollegen Zaborski. Oswiecim, glaubt sie, werde von den Museumsgästen immer mehr profitieren.

Das Wort „Profit“ will keiner in den Mund nehmen

Es wäre eine lang ersehnte Veränderung. Lange Zeit hat die Geschichte die Stadt gehemmt. Als Oswiecim in den 90er-Jahren ein Einkaufszentrum errichten wollte, war der Aufschrei groß. H&M an der Zufahrt zum KZ, das schien vielen schwierig. Das Einkaufszentrum wurde schließlich gebaut. Die Disko, die ausgerechnet in einem ehemaligen Lagergebäude öffnete, machte nach kurzer Zeit wieder zu.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es der Stadt finanziell gut tut, wenn auch nur ein Teil der zwei Millionen Menschen, die zuletzt im Jahr in Auschwitz waren, sie besucht. Es ist nur nicht so einfach, das auszusprechen. Und so zuckt Janusz Chwierut, 54, in seinem Besprechungsraum in der Altstadt kurz zusammen, als er das Wort „profitieren“ hört.

Zweierlei möchte er unbedingt vermeiden: den Eindruck, die Stadt wolle aus dem früheren Lager irgendeinen Nutzen ziehen; und den Eindruck, die Stadt würde sich über ihre spezielle Last mit der Geschichte beschweren.

Oswiecim - Eine ganz normale Stadt?

„Oswiecim ist eine ganz normale europäische Stadt“, sagt Chwierut. Wenn er aufzählt, was sie ausmacht, dann kommen vor: Die Sportler. Ein Kulturfestival. Das viele Grün, zum Beispiel gibt es an jedem Kreisverkehr eine andere Bepflanzung. Der größte Arbeitgeber, die Chemiefabrik – ein Nachfolger der von KZ-Häftlingen gebauten Buna-Werke.

Aber dann ist da eben auch noch die Sache mit der Umgehungsstraße. Sie wird auch am ehemaligen Lagergelände entlangführen, das Museum soll eine eigene Abfahrt bekommen, weil immer mehr Busse kommen. Aber wie viel Abstand ist nötig?

Man muss Rücksicht nehmen auf die Geschichte. Es geht nicht anders.

Janusz Chwierut, 54

Die Stadt mit dem Eishockeyverein

Nach polnischem Recht, sagt Chwierut, würden 500 Meter reichen. Das ehemalige Lager gehört aber zum Unesco-Weltkulturerbe. Und die Denkmalschützer verlangen, dass man die Straße von den Baracken aus nicht sieht. Deshalb könne man keine Brücken bauen, sondern nur Tunnel, sagt Chwierut. Was alles nicht leichter mache. Es seien noch viele Gespräche nötig: „Man muss Rücksicht nehmen auf die Geschichte. Es geht nicht anders.“

An diesem Montag werden Überlebende und Staatsgäste der Befreiung des Lagers vor 75 Jahren gedenken, Fernsehsender aus aller Welt werden berichten. Auch die Stadt Oswiecim wird erwähnt werden, wahrscheinlich wieder nur beiläufig. Aber Barbara Daczysnka hat Hoffnung, dass ihr in Zukunft vielleicht häufiger passiert, was sie jetzt lächelnd erzählt: „Als ich sagte, woher ich komme, wollte mein Gegenüber wissen: Oswiecim – ist das nicht die Stadt mit dem Eishockeyverein?“ Sie sei, sagt Barbara Daczynski, durchaus erfreut gewesen, auch diese Frage einmal zu hören.