BerlinNeulich rief die Mutter an. Sie ist 77 Jahre alt. Sie hat eine Reihe von altersgemäßen Erscheinungen wie zu hohen Blutdruck, verengte Adern, chronische Bronchialgeschichten. Sie alle erfüllen den Begriff Vorerkrankungen und können bei einer Corona-Infektion lebensbedrohliche Zustände begünstigen. Am Anfang der Pandemie und im ersten Lockdown war sie sehr aufgeregt. Sie hat jede Talkshow zum Thema im Fernsehen verfolgt. Hat niemanden getroffen. Ging frühmorgens, wenn die Supermärkte öffneten, als Allererste einkaufen, um niemandem zu begegnen. Sie hat sich mit dem Fernseher, einem Computer und ihrem Lebensgefährten in ihrer Wohnung eingeigelt. Wir haben sie nicht besucht. Wir haben uns zum gemeinsamen Videostreaming verabredet.

Jetzt, in der zweiten Welle, fragt sie am Telefon, wann wir, eine Familie mit Schulkindern, endlich mal wieder zu Besuch kommen. Man ist dann erst mal ein wenig sprachlos mit dem Hörer am Ohr. Wir haben einen Lockdown. Die Infektionszahlen haben die vom Frühjahr weit hinter sich gelassen. Eigentlich verbietet sich zurzeit jeder Gedanke an einen Besuch von selbst. Aber anstelle von Aufregung hört man bei ihr eine abgeklärte Professionalität aus den Worten heraus, dass man sich nur noch wundern kann. Es geht für sie um Termine und um die Frage, was legal ist und auf welche staatlichen Vorgaben man Rücksicht nimmt. Von Angst keine Spur.

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