Die Zahl der Tests hat Auswirkungen auf die Maßnahmen, die eine Regierung ergreifen muss.
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BerlinEnde Oktober 2019 veranstaltete die Johns-Hopkins-Universität ein Experten-Forum in New York. Eine Pandemie wurde simuliert, die sich rasant über die Welt verbreitete. Die Forscher kamen zum Ergebnis: Die Weltgemeinschaft ist auf eine solche Krise nicht im Ansatz vorbereitet.

Nur wenige Monate später erleben wir mit Covid-19 den Ernstfall. Die Zahl der Infizierten steigt exponentiell. Die Staaten reagieren unterschiedlich.

Südkorea hat unmittelbar nach dem Ausbruch Ende Januar 222.000 Menschen getestet. Italien testete im selben Zeitraum nur 73.000 Personen. In Südkorea gab es 67 Tote bei 8000 Infizierten. In Italien starben 1016 Personen bei 15.000 Erkrankten. Auch wenn Experten keine direkte Kausalität herstellen: Sie halten massive und nachhaltige geführte Tests für ein wirksames Mittel, um mit der Pandemie umzugehen.

Auswertung persönlicher Daten

Die Zahl der Tests hat Auswirkungen auf die Maßnahmen, die eine Regierung ergreifen muss. In Südkorea wurde bisher keine Region vollständig unter Quarantäne gestellt. Etwa 29.000 Personen müssen in individueller Isolation verbleiben. Die italienische Regierung hat das ganze Land abgeriegelt. Österreich hat ebenfalls erste Regionen gesperrt.

Südkorea hat Erfahrung mit Epidemien: Im Jahr 2003 brach die Sars-Epidemie aus. Es folgte das „Middle East Respiratory Syndrome“ (Mers), ein dem Corona- nicht unähnliches Virus, das Südkorea 2015 erreichte. Südkorea setzt dabei auf die radikale Auswertung von persönlichen Daten: Die Behörden haben das Recht auf die Verwertung von Aufnahmen von Überwachungskameras, von GPS-Daten von Telefonen und Autos, Kreditkarten-Transaktionen, Reise-Daten und anderen persönlichen Informationen. Ohne Rücksicht auf die Privatsphäre können diese Daten ins Internet gestellt werden. Auf diesem Weg soll sichergestellt werden, dass jeder, der mit einem Infizierten in Kontakt gekommen ist, getestet werden kann.

Über das Smartphone zuhause überwacht

Die gesammelten Daten nutzen die Behörden in Südkorea auch für die Behandlung: Patienten, die positiv getestet werden, werden über eine App auf dem Smartphone zu Hause überwacht oder regelmäßig telefonisch kontaktiert, bis ein Bett in einem Krankenhaus zur Verfügung steht.

Die südkoreanischen Behörden sagen, dass Leute in Sperrzonen weniger bereit seien, die Kontakte offenzulegen, die sie gehabt haben. Damit würde es schwierig, den Weg der Ansteckung nachzuverfolgen. So breite sich die Krise weiter aus, als wenn Daten direkt ausgewertet werden.

Südkorea: 18.000 Testergebnisse stehen aus

Die für europäische Standards gespenstische Methode der sozialen Kontrolle funktioniert nicht nur in autoritären Systemen wie China, sondern auch in einer offenen Gesellschaft. Sie ist, das räumen die Südkoreaner ein, allerdings kein Garant für die Lösung aller Probleme: Die Behörden müssen die Tausenden Tests erst auswerten.

So stehen in Südkorea die Ergebnisse für 18.000 Personen aus. Die Opfer-Zahlen dürften steigen. Eine Ansteckung von Dritten ist wegen der langen Infektionszeit ebenfalls möglich. Deutschland muss in der Krise extrem fokussiert vorgehen: Oberste Ziele müssen die Funktionsfähigkeit der Krankenhäuser und der Schutz für alte Menschen und Personen mit Vorerkrankungen sein.

Tests müssen intensiviert werden

Das größte Problem wird der Ansturm auf die Krankenhäuser sein. Diese müssen in der Lage sein, viele Menschen gleichzeitig aufzunehmen. Sie müssen aber auch andere schwere Erkrankungen behandeln können. Dazu muss der Anstieg bei neuen Infektionen signifikant gebremst werden.

Es ist unvermeidlich, dass das öffentliche Leben auf die notwendigen Außenkontakte beschränkt wird. Tests müssen intensiviert werden. In Südkorea führen 117 unterschiedliche Institutionen Tests durch. Täglich können bis zu 20.000 Personen getestet werden. Auch wenn wir uns bereits mitten in der Krise befinden: Fatalismus oder Resignation sind keine Antworten. Fehler können korrigiert werden – nüchtern, rational, mit Sachverstand und Disziplin. Keine Maßnahme ist vergeblich, auch wenn sie spät kommt. Es gibt kein Ende der Geschichte.