Leben & Sterben: Der lange Abschied

Abschied nehmen ist nie leicht. Aber man kann es sich  auch besonders schwer machen. Nehmen wir zusammen an, dass Oma schon sehr krank ist und nicht mehr lange leben wird. Die Ärzte geben ihr nur noch ein paar Monate, und weil sie zu krank und zu schwach ist, um ihrem Tod in Würde zu Hause auf der Couch entgegenzusehen, braucht sie intensive Pflege.  Nennen wir das Kind beim Namen: Neben allem anderen muss irgendwer Oma den Hintern abwischen, weil sie es selbst vielleicht nicht mehr kann. Außerdem muss ihr jemand Medikamente verabreichen und aufpassen, dass sie nicht auf eine unkontrollierte Entdeckungsreise geht. Und genau an dieser Haltestelle des Lebens einer Familie kann die Reise Richtung Abschied in die unterschiedlichsten Richtungen gehen.

Denn selbst wenn das Verhältnis zur Oma eng und vertrauensvoll ist, selbst wenn es Mama und Enkeln möglich ist und nichts ausmacht, Oma zu Hause zu pflegen, meistens macht so etwas den Abschied nicht leichter. Im Gegenteil. Ich hatte Frauen vor mir sitzen, die sich zu Tode schämten, weil sie Erleichterung verspürten, als Oma endlich gestorben war. Weil sie sich selbst in der Pflege so verausgabt und verloren hatten, dass die eigenen sozialen Kontakte zerbröckelten. Weil so eine Intensivpflege eine gigantische Aufgabe ist. Oder weil das Verhältnis zu Oma auch deswegen immer schlechter wurde, weil man sich nun mal nicht auf Augenhöhe bewegt, wenn man einer anderen Person den Hintern abwischt.

Ich bin sehr skeptisch, wenn ich mit Menschen spreche, die sich vorgenommen haben, ihre Angehörigen auf der Zielgerade ihres Lebens so eng zu begleiten. Dann berichte ich ihnen von den zahlreichen Aufgaben, die so eine Pflege mit sich bringt. Wie viel Zeit und Mühen diese Aufgaben kosten. Und welche Auswirkungen das auf das Verhältnis zwischen Pfleger und Gepflegtem haben kann. Es war Oma, die Mama früher die Windeln wechselte. Was macht es mit Oma, wenn am Ende ihres Lebens die Rollen plötzlich vertauscht sind? Und wie soll man Zeit dafür finden, besondere Erinnerungen an einen Menschen zu schaffen, wenn man viel zu sehr damit beschäftigt ist, Bettpfannen zu reinigen?  Wenn irgendwann mal meine Oma sterben wird, was hoffentlich erst in vielen Jahren passieren wird, dann will ich mich doch eher daran erinnern, wie sie mir leicht angetüdelt einen versauten Witz erzählt hat. Und nicht, wie ich ihr den Hintern sauber machte.

Es ist sehr wichtig, dass man sich dieser Untiefen bewusst wird. Sonst kann es einem ergehen wie der Mutter der früheren MTV-Moderatorin Sophie Rosentreter, die mir die traurige Geschichte ihrer Mama erzählte. Sophies Großmutter wurde dement. Sophies Mutter fühlte sich verpflichtet, ihre Mama zu pflegen. Doch die Pflege der dementen Dame war so kräftezehrend, dass sie kurz nach dem Tod der Oma selber krank wurde und bald darauf verstarb.

Was also tun, wenn der Tod naht und der sterbende Mensch Pflege benötigt, die man als Familie eigentlich nicht mehr leisten kann, ohne sich selbst aufzugeben? Eine sehr gute Idee ist es, sich über die Standorte und Möglichkeiten umliegender Hospize zu informieren. Mehr als 230 stationäre Hospize und über 1 500 ambulante Hospizdienste gibt es inzwischen in Deutschland. Hospize und auch Palliativstationen übernehmen genau die Aufgaben, von denen ich eben sprach. Sie sind dafür da, es dem sterbenden Menschen und auch seinen Angehörigen so leicht wie möglich auf diesem so schweren Weg des Abschieds zu machen.

Es gibt bestimmte Regeln in Hospizen, die eine Grundlage für diese Erleichterung schaffen, zum Beispiel eine begrenzte Anzahl von Betten, damit jeder Patient den Freiraum bekommt, den er braucht. Manche dieser Einrichtungen machen es möglich, dass Oma noch einmal an ihren geliebten Ostseestrand fahren kann oder auf dem Ponyhof den Geruch von frischen Pferdeäpfeln genießen darf, weil sie das so an ihre Kindheit erinnert. Und ja, in Hospizen werden auch Hintern abgewischt, damit Ihr euch in der gewonnenen Zeit von Oma einen dreckigen Witz erzählen lassen könnt.