Leben & Sterben: Der Markt mit dem Tod

Ich stehe bei uns am Laden auf einer Leiter und versuche, meinen etwas in die Jahre gekommenen Körper im Gleichgewicht zu halten. Sportlich versiert wie ich bin, habe ich den Spielball unseres Bürohundes Paul so geworfen, dass er jetzt auf der Sonnenmarkise über unserem Institut liegt. Paul kann nicht besonders viel, aber vorwurfsvoll schauen liegt ihm sehr.
Ohne etwas zu sehen, taste ich oben auf der Markise nach dem Ball. Plötzlich klingelt es  unter mir. Es ist unser grinsender Postbote auf seinem Fahrrad. Er überreicht mir einen gelbfarbenen Brief. Wer schon mal einen solchen bekommen hat, weiß, dass es meistens keine guten Nachrichten sind.  Gerichte und Staatsanwaltschaft  teilen sich diese Farbe, die bei ihren Empfängern oft erhöhten Blutdruck auslöst.

Der Brief ist dick. Ich gehe ins Büro und reiße den Umschlag auf: eine Anzeige, etwas über Störung der Totenruhe, Verwahrungsbruch, ein Wort, das ich bis dato nicht kannte. Ich lese  hastig weiter und versuche zu verstehen.

Ermittlungen wegen einer literarischen Episode

Vor geraumer Zeit habe ich ein Buch veröffentlicht. Darin erzähle ich, wie ich eine Urne für Angehörige wieder ausgrabe, weil sie sie unbedingt bei sich und nicht auf einem Friedhof haben wollen.

Und jetzt habe ich den Salat. Augenscheinlich hat die Innung der Bestatter von Berlin und Brandenburg  nichts Besseres zu tun, als das Buch zu lesen und der Geschichte eine solch große Bedeutung zuzuschreiben, dass man keine Kosten und Mühen gescheut hat, herauszufinden, wo und wie diese Geschichte stattgefunden haben könne, um es dann bei der Polizei anzuzeigen. Die Armen müssen jetzt ermitteln, ob es sich tatsächlich so zugetragen haben könnte, wie es im Buch steht. Sie müssen das Buch lesen, Aussagen aufnehmen. Im schlimmsten Fall muss die Polizei sich sogar Interviews anhören, in denen ich auf die Geschichte angesprochen wurde.

Ein bisschen amüsiert sprach ich etwas später mit einem der Polizisten. Ob er denn wirklich glaube, dass ich in einem Buch eine Ordnungswidrigkeit zugeben und sie dann auch noch eins zu eins beschreiben würde? Der Mann verstand meinen Humor. Mir wurden aber zwei Sachen klar: In dieser Stadt,  in diesem Bundesland, ja in der ganzen Republik läuft einiges schief, auch wenn es um die Bestattung unserer Verstorbenen geht.

Es werden Körper nach Tschechien gefahren, weil die  Einäscherung dort ein paar Euro billiger ist. Es werden Menschen ebenfalls aus Kostengründen eingeäschert, statt erdbestattet zu werden, obwohl ihre Religion es eigentlich verbietet. Es werden zuhauf Menschen bestattet, die weder bekleidet noch irgendwie versorgt sind. Sie liegen so im Sarg, wie sie verstorben sind. Niemand hält es für wichtig, sich darum zu kümmern. Es werden  teure gegen billigere Särge ausgetauscht, Verstorbene verwechselt und wertvolle Hölzer über den halben Kontinent gekarrt, damit daraus noch billigere Särge hergestellt werden können.

Schärfere statt liberalere Bestattungsgesetze

Es werden Verstorbene ungefragt dazu benutzt, dass Bestatter an ihnen „üben“ können. Außerdem werden Bestattungsgesetze verschärft, statt sie liberaler zu gestalten. All das schert niemanden so richtig, weil es die Bestattungswirtschaft am Leben erhält und Gewinne weiter maximiert. Aber einen kleinen Bestatter aus Berlin, den zeigt man  an, weil man über den so eine Geschichte gelesen hat.

So einfach ist es natürlich nicht, so einfach kann ich es mir auch nicht machen. Die Geschichte  ist  fatal, man gräbt nicht mal im Konjunktiv eine Urne aus. Punkt.

Aber ich habe etwas viel Wichtigeres verstanden: Wir stellen mit dem, was wir machen, immer wieder die Grundfeste der Bestattungsbranche infrage. Wir leben nicht vom Verkauf der Urnen oder Särge, wir wollen echte und nachhaltige Hilfe zur Selbsthilfe geben. Und  wir sind  mittlerweile offenbar groß genug, dass man uns ernst nimmt.

Wie die Klage ausgeht, weiß ich noch nicht. Aber hoffentlich kommt  mich jemand in der Verdammung in Sibirien besuchen.