Seitdem ich Bestatter bin, treibt mich eine Frage um.  Besser gesagt suche ich nach einer Antwort: Was ist Trauer?    Wie kann man mit Trauer umgehen, leben, ja,  weiterleben?

Natürlich habe ich die Ausbildung zum Trauerbegleiter gemacht. Ich habe mich in der Theorie mit der Trauer anderer und  meiner eigenen beschäftigt. Aber in all den Jahren, in denen ich  nun trauernde Menschen begleite, komme ich dennoch immer wieder an denselben Punkt – nämlich zur Frage, was Menschen, die in schwerster Trauer sind, helfen kann. Darauf gibt es  nicht die eine Antwort.  In der Praxis habe ich  dennoch einiges lernen dürfen. 

Neulich hat mich ein Gespräch mit einem Angehörigen  sehr bewegt. Der Mann hat über die Jahre nicht die beste Beziehung zu seinem Vater gehabt, Papa war Generation Kriegskind, streng, nicht besonders emotional.  Den von Umwegen geprägten Lebensweg seines Kindes hieß er nie gut. Zu Lebzeiten hielt die Mutter die beiden bestmöglich zusammen. Doch vor ein paar Jahren stirbt sie. Plötzlich sind die beiden allein, und ohne Puffer zwischen ihnen  entzweien sie sich. Sie sind so grundverschieden, wenn sie nicht verwandt wären, gäbe es keinen Berührungspunkt zwischen  ihnen.

Papa braucht Hilfe 

Doch dann fängt Papa im Alter an, Hilfe zu benötigen. Der Sohn bekommt das nur auf Umwegen mit, sie haben ja wenig Kontakt.  Aber entgegen aller Erwartungen hilft, pflegt und organisiert er,  als ob die Mauern zwischen den beiden nie da gewesen wären. Es fällt ihm schwer, am Anfang macht er das aus Anstand, vielleicht auch für seine Mutter. Warum er aber diese Belastung auf sich nimmt,  und man darf das Belastung nennen, findet er erst vier Jahre später heraus. 

Drei Tage, nachdem sein Vater verstorben ist, sitzen wir  bei uns vor dem Laden zusammen. Er wirkt gelöster, als ich es erwartet habe. Das erste Mal hatten wir  uns im Winter getroffen.  Er hatte mich irgendwo im Fernsehen gesehen, seinem Vater ging es immer schlechter. Er wollte auf den Tag X vorbereitet sein. Ihn interessierten dabei weder die  Preise, noch wollte er erklärt haben, wie  man mit einem toten Körper umgeht. Er hatte seinen Vater häufig genug gewaschen und eingekleidet. Er wünschte sich klare Anhaltspunkte,  an die er sich halten könnte,   wenn sein Vater verstirbt. Aus dem Unwissen heraus, wie es ihm gehen wird.  Wird er zusammenbrechen? Oder wird es ihm nach all den Jahren gar gleichgültig sein?

Als wir jetzt zusammensitzen, trinkt er seinen Kaffee und ich rauche eine von diesen modernen Zigaretten. Die Spätsommersonne scheint uns in den Nacken. Er erzählt, wie er sich mit dem Pflegedienst abstimmte. Wie schwierig es war, seinem Vater die Windeln zu wechseln. Wie man es in einem Männerhaushalt mit einem pflegebedürftigen Vater schafft, den täglichen Abwasch auf ein Minimum zu reduzieren. Dann sagt er es: Ich habe alles in meiner Macht Liegende getan. Ich habe ein gutes Gewissen.

Wie würde ich es machen?

Was er erzählt, und wie innerlich ruhig er ist, lösen in mir mehr aus, als er es wahrscheinlich  ahnt. Würde ich meine Mutter,  meinen Vater im Alter pflegen? Könnte ich für Jahre meine eigenen Bedürfnisse so weit hintanstellen? 

Ich hatte es ja gerade mal geschafft,  überhaupt wieder mit meinem Vater zu sprechen, nach der Geburt meiner Tochter und Jahren ohne jeglichen Kontakt. In erster Linie, um der Kleinen ihren Opa vorzustellen. Aber auch, um selber herauszufinden, was es für mich bedeutet, wenn wir beide wieder in Verbindung sind.

Der Mann vor mir hat seinen Vater, mit dem er eine sehr schwierige Beziehung hatte, über Jahre gepflegt. Das ist sicherlich ein Extremfall, aber eben auch nicht selten. Und er warf mich auf eine meiner  wichtigsten Einsichten zurück,  wenn es um Trauer geht. Einer der größten Faktoren für  ungesunde Trauer ist ein schlechtes Gewissen. Ein schlechtes Gewissen, wegen zu wenig zusammen verbrachter Zeit, wegen offener Konflikte, die zu Lebzeiten nie geklärt –  und den vielen Jahren, die wegen Zwistigkeiten verschenkt wurden. Nicht, dass ich es unbedingt besser machen würde.