Leben & Sterben: Eltern werden ohne Liebe

Wir Hebammen begleiten nicht nur fachlich und medizinisch kompetent, sondern werden oft, und das nicht immer ganz freiwillig, in die Beziehung eines Paares und deren Untiefen hineingezogen.

In der Zeit der Schwangerschaft oder gerade in der ersten Zeit mit dem Baby zu Hause sind die Umstände so außergewöhnlich, dass eine Beziehung schwer ins Wanken geraten kann. Betreten wir das Haus oder die Wohnung, bleibt uns das nicht verborgen. So auch in der folgenden Geschichte mit einem Paar, welches ich im Geburtshaus begleiten durfte.

Schon beim Kennenlernen hatte ich den Eindruck einer etwas verhaltenen Freude auf das gemeinsame Kind. Gut, es müssen ja auch nicht alle völlig aus dem Häuschen sein und das mit einer fremdem Person teilen. Der junge werdende Vater saß still am Tisch. Fragen hatte er nicht. Zwischen den künftigen Eltern bestand keinerlei Verbindung im Sinne eines körperlichen Kontakts.

Ein seltsames Paar

Es ist ja normal, dass Paare nicht ständig aneinander rumgrabbeln, aber bei diesen  beiden gab es so etwas wie eine völlige Neutralisierung.

Während der Geburt, wenn alle Hüllen fallen und die Frau in einem körperlichen Zustand ist, dem sie selbst erst einmal vertrauen muss und wo die Vorstellung von Schönheit und Makel keine Rolle mehr spielt, wo ihre Laute, Bewegungen und ihre Weiblichkeit ganz anders sind – in dieser Situation können wir die Verbindung dieser zwei Menschen sehen.

Nach einem Hausbesuch bei dem etwas eigentümlichen Paar – das Kind war inzwischen da – war ich am Abend zu der Geburtstagsfeier einer Freundin eingeladen. Ich stand fröhlich plaudernd mit einem alkoholischen Mischgetränk im Raum und sah mich gleichzeitig ein wenig um. Am Ende des Raumes sah ich ein Paar auf dem Sofa sitzen und wild knutschen, und ich dachte noch: Na, das ging ja flott.

Gerade als ich meinen Blick von der Knutscherei lösen wollte, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen, denn ich erkannte den jungen Vater, welchen ich kurz vorher noch am Wochenbett besucht hatte.  Ich drehte mich zu meiner Begleitung, auch eine Hebamme, und versuchte, ihr mit einer Kopfbewegung zu verstehen zu geben, dass ich mit ihr etwas wahnsinnig Wichtiges zu besprechen hatte. Ein bisschen so, wie kleine Kinder so lange am Hosenbein ziehen, bis man ihnen zuhört.

Das Ende der Liebe

In dem Moment erhob sich der Mann und kam geradewegs auf mich zu. 

Er stammelte  eine Begrüßung und suchte sichtlich nach Fassung, um letztendlich in Tränen aufgelöst zu verstummen. Er bat mich, ihm zuzuhören. Die Situation war ihm so sehr unangenehm. Mir auch.

Das Paar hatte sich schon vor langer Zeit nach einer langen und glücklosen Beziehung getrennt. Bei einer Party bei Freunden, auf der beide wohl sehr betrunken gewesen sein müssen, hatten sie den sogenannten Sex mit dem Ex, und da ist das Kind entstanden.

Kurz danach lernte er die Frau kennen, die immer noch auf dem Sofa im Raum saß und über die er sagte, dass er in ihr seine große Liebe gefunden hätte.

Ich musste kurz an die Frau zu Hause denken, die gerade ein Kind geboren hatte und die wer weiß was für Hoffnungen auf eine Familie hatte.

Er wollte dieses Kind nicht. Die Frau wollte es aber behalten, und er entschied sich, die Rolle des Vaters, so gut es ihm möglich war, zu erfüllen. Eine Beziehung war für ihn aber keine Option mehr.

Wir alle wissen, dass ein Kind keine Beziehung retten kann oder die Liebe zurückbringt. Ich war in schweren Gewissensnöten und hin und her gerissen zwischen der Situation der Frau und der des Mannes. Seine Offenheit überraschte mich.

War es meine Aufgabe, mich einzumischen und Stellung zu beziehen?

Mir war auf jeden Fall klar, dass ich, würde ich nichts sagen, dieses Paar nicht weiter begleiten konnte. Das ging nur, wenn ich mich dieses Mal einmischte,  in die Liebe der Anderen.