Es ist ein ruhiger Dienst im Kreißsaal. Wir trinken gerade Kaffee, als wir auf dem Gang lautes Schreien und Stöhnen hören. Diese Geräusche sind uns vertraut, sie lassen uns erahnen, auch ohne die Frau gesehen zu haben, dass dieses Baby bald geboren wird.

Erich Maria Remarque beschrieb einst einen Aufenthalt im Kreißsaal mit diesen Worten: „Die Geräusche einer Frau während des Gebärens ähneln den kraftvollen Seufzern einer hingebungsvollen Frau im Akt der Liebe.“ Ich war gerade mal 15 Jahre alt, als ich diesen Satz zum ersten Mal las. Den Sinn verstand ich erst viel später, in meinen Nächten im Kreißsaal. Noch heute liebe ich es, innezuhalten und zu lauschen. Dem Akt der Liebe. Der Geburt eines Kindes.

Weit weg von Geburtsromantik

Die Tür öffnet sich, und das Bild, das sich mir bietet, hat nichts mit dieser Geburtsromantik zu tun. Eine Frau sitzt in einem Rollstuhl. Ihre Haare sind kurz geschoren und ihr Unterleib ist nackt. Sie schlägt sich mit der Hand hart auf ihre Vulva. Sie ist kaum zu bändigen. Ihre Augen sind wirr und sie schreit um Hilfe. Zwei Sanitäter der Feuerwehr haben Mühe sie auf dem Stuhl zu halten. Ein Mann steht dahinter und schaut dem Treiben ausdruckslos zu.

Sie ist eine schöne Frau. Wirr und verzweifelt. Ich gehe auf sie zu und nehme sie so fest in den Arm, wie ich nur kann. Sie wird ganz ruhig und sagt: „Hilf mir.“ Langsam löse ich mich, meine Knie zittern. Ich weiß, dass dieses Baby gleich geboren wird. Ich will sie beschützen. Vor dem Anlegen eines CTG, vor einer Untersuchung, vor Licht.

Der Kreißsaal ist klein wie eine Höhle. Sie springt aufs Bett und klopft sich wieder auf die Vulva. Wie weh das tun muss! Der Arzt kommt grußlos dazu. Er macht Licht an, zieht sich einen Handschuh an, und will auf die Frau zugehen. Sie schlägt nach ihm.

Ich bitte ihn kurz mit einem Kopfnicken aus dem Raum.

Draußen erkläre ich ihm, dass es nicht möglich sein wird, der Frau ein CTG mit Gurten anzulegen. Er möge den mobilen Dopton holen, wenn er unbedingt Herztöne braucht, schlage ich vor. Er will mich anschreien, ich lasse ihn stehen.

Sie zieht an meinem Arm. „Bleib hier, bleib hier “, flüstert sie mir ins Ohr. Der Mann am Kopfende des Bettes schaut zu und streichelt ihr den Kopf. Er beginnt leise, ein Kinderlied zu singen.

Der Kopf des Kindes ist zu sehen. „Wollen wir es zusammen machen?“, frage ich. „Ja, zusammen“, sagt sie. Als der Kopf geboren ist, schaut sie nach unten und sagt mit einer Kinderstimme: „Alleine.“ Völlig frei von Angst zieht sie ihr Baby aus sich heraus. Es ist ein Mädchen. Der Blick der Frau ist jetzt klar, auf ihren Lippen liegt ein Lächeln des Glücks. Leise fängt sie an, zu weinen. Ich auch. „Danke. Danke“, sagt sie.

Ihre Unruhe kommt zurück. Der klare Moment ist vorbei. Sie weint und sagt: „Sie nehmen es weg. Mein Baby. Meins.“ Dabei drückt sie ihre kleine Tochter so fest an sich, dass sie sie fast erdrückt.

Der Mann, der bisher noch kein Wort gesprochen hat, erklärt mir, dass sie eine Psychose habe und das Baby bei einer Vergewaltigung entstanden sei; dass ihr erstes Kind schon in einer Pflegefamilie sei. Die Frau sei ganz lieb und ich müsste keine Angst haben. Hatte ich Angst?

Dann sagt er noch, das Jugendamt sei schon informiert und sie kämen morgen, um die Kleine zu holen. Er fleht mich an, der Mutter wenigstens ein paar Stunden mit dem Kind zu lassen. Ich weiß, dass sie ihrem Baby niemals etwas tun würde. Verrückt oder nicht. Psychose hin oder her. Schau dir diese Frau an, denke ich, voller Liebe und Hingabe für ihr Baby.

Auf der Wochenbettstation tuscheln die Schwestern über „die Verrückte“. Die gehöre ja in die Klapse. Sie haben Angst und sind völlig überfordert. Ich sehe die Frau am nächsten Tag. Murmelnd läuft sie den Gang auf und ab. Ihr Baby ist schon fort. Sie sieht traurig aus. Als sie mich erblickt, sind ihre Augen leer, sie erkennt mich nicht. Ich denke: Wie wenig wir ausgebildet sind für den Umgang mit Menschen, die wir nicht verstehen, die anders sind.