Leben & Sterben : Vom Himmel und anderen Märchen über den Tod

Umkommen – ableben – die Augen für immer schließen – gehen – sein Leben geben – krepieren – den Löffel abgeben – das Zeitliche segnen – draufgehen – ins Gras beißen – ums Leben kommen – in den letzten Zügen liegen – von uns gehen – fallen – die Radieschen von unten betrachten – verrecken – hinweggerafft werden – das Leben verlieren – den Tod erleiden – dran glauben müssen – abtreten – den Tod finden – einschlafen – die letzte Fahrt antreten – zugrunde gehen – dahinscheiden – das letzte Stündlein hat geschlagen – sanft entschlafen – sein Leben aushauchen – über die Klinge springen – von der Bühne des Lebens abtreten – verdämmern – den Weg allen Fleisches gehen – in die Grube fahren – wegsterben – vor seinen Schöpfer treten – die Hufe hochreißen – seinen Geist aufgeben – zu Tode kommen – abkratzen – heimgehen – den Holzpyjama anziehen – die Gänseblümchen von unten wachsen sehen – abnippeln – um die Ecke gehen – die Grätsche machen – die letzte Reise antreten – verscheiden – ein Zimmer im Würmerhotel mieten – über den Deister gehen – die Reihen lichten sich – erlöschen – sein Leben lassen – vor seinen Richter treten – über den Jordan gehen – den letzten Schnaufer machen – hopsgehen – sein Leben lassen – uns verlassen – seinen Geist aushauchen – davongehen – in die ewigen Jagdgründe eingehen – das Besteck in die Schublade legen – entschlafen – im Himmel sein.

Ich führe diese Liste schon länger, und jeder hat sicherlich noch eine eigene Ergänzung. Um die 250 Synonyme gibt es im deutschsprachigen Raum für Tod und Sterben. Wunderbare Vielfalt unserer Sprache. Gefährliche Vielfalt unserer Sprache.

Ich bin nicht der größte Klugscheißer, und gegenüber Menschen, die gerade jemanden verlieren oder verloren haben (sehen Sie, ich mach es auch), halte ich mich noch mal mehr als zurück. Jeder braucht seine Zeit und seine Wege, um die Realität des Todes und des Verlustes anzunehmen. Aber Sprache steuert unsere Wahrnehmung und wichtiger noch unser Verständnis von Dingen.

Ich hatte letztes Jahr ein Erlebnis, das ich mir immer wieder vor Augen führe, wenn auch ich gerade verkläre, Umschreibungen benutze oder hinnehme, dass jemand gerade vor Kindern von Sternen erzählt, die der verstorbene Mensch jetzt sei. Selbst die Formulierung, dass ein Verstorbener im Himmel sei, birgt schon eine Gefahr.

Eine junge Frau jedenfalls hatte Krebs. Mittlerweile ist sie verstorben. Nicht alles, aber vieles drehte sich um ihren Sohn, der kurz davor war, in die Schule zu kommen. Der Sohn bekam natürlich mit, dass Mama krank war und wie der Krebs ihr Aussehen veränderte. Sie nahm ab, die Chemotherapie zeichnete ihr Gesicht.

Man erklärte dem Kleinen die Krankheit, er verstand ganz viel, aber dass Mama am Ende der Krankheit wirklich weg sein würde, war natürlich nicht vorstellbar für ihn. Da war er nicht anders als wir Großen. Dann kam aus dem Umfeld jemand, der unserem Kleinen etwas vom Himmel erzählte, als Ort an den Menschen kämen, wenn sie verstorben sind. Tote kommen in den Himmel.

Diese Erklärung verstand er. Nur hat sein Umfeld mit der einfachen Antwort die Logik des kleinen Jungen unterschätzt. Nachdem seine Mutter verstorben war, zählte er eins und eins zusammen. Wer schlimm krank ist, verstirbt, wer verstirbt, kommt in den Himmel … zu Mama. Was es mit einem Kind macht, sich Krebs zu wünschen, um bei seiner Mama sein zu können, kann ich mir nicht mal vorstellen.

Auch wenn die Geschichte dramatisch klingt, kann ich nur ermutigen, mit Kindern möglichst früh eine klare Sprache zu finden. Und eher mit ihnen zusammen nach einem Platz für den Verstorbenen im weiteren Leben zu suchen. Wir können heute, auch mit allen technischen Mitteln, Erinnerungen so gut und einfach festhalten. Einer der jüngsten Suizide, die wir begleiten mussten, war noch nicht mal in der Pubertät. Eine der vielen Ursachen in diesem Fall war fehlgeleitete Trauer.