Ich beendete meine Ausbildung mit Diplom, war 20 Jahre jung und hatte vom Leben und vom Körper der Frau noch keine  Ahnung. Aber ich war Hebamme. Verantwortlich und allein mit all diesen Frauen. Gleichzeitig lockte die Freiheit der Welt: Die Mauer war gerade gefallen,  alles um mich herum  entstand neu.

Zwei Jahre später war ich selber schwanger.  Ich erlebte alle Phasen der Schwangerschaft als Hebamme, wie jede andere Frau auch. Nur war ich, wie wir es in Fachkreisen nennen, „personalschwanger“. Ich legte gleich 33  kg zu, fühlte mich wie ein Walross und spürte die Blicke meiner Freundinnen, die nichts sagten, aber die Augenbrauen hochhoben. Beim Arzt verweigerte ich bewusst den Gang auf die Waage.

Ich wusste von Anfang an, dass es ein Mädchen wird. Nun kam die Frage auf, wo  sie geboren werden soll. Mir fiel nur eine Kollegin ein, die ich  einbeziehen wollte. Sie wohnte in der Schweiz und reiste  15 Tage vor dem errechneten Termin in meiner Stadt an.  Am nächsten Morgen hatten wir  verabredet,  zum See zu fahren.  Von Wehen war keine Spur. Ich war inzwischen so dick und unbeweglich geworden, dass ich nicht ohne Hilfe aus dem Wasser kam. Wir lachten uns schlapp darüber, wie ich hochschwanger aus dem Wasser gezogen werden musste. Kein Wort über die anstehende Geburt. Wir waren ja Profis.

Langsam kamen gegen 18 Uhr ganz leichte Wehen, die ich einfach veratmete.  Aber sollten mich meine Jahre als Hebamme nicht gelehrt haben, dass da noch mehr drin war?  Genau so kam es. Wir machten uns auf den Weg in  den Kreißsaal. Dort angekommen öffnete ausgerechnet die Kollegin die Tür, die ich im Inneren vollkommen ausgeschlossen hatte. Wir hatten von Tag eins gewusst, dass wir keine Freundinnen werden würden. Davon hatte sie glücklicherweise keine Ahnung, aber sie turnte die ganze Zeit um mich herum und redete auf mich ein.

Schlagartig hatte ich keine Wehen mehr, nicht die kleinste.  Zum ersten Mal in meinem Hebammen-Leben  wurde mir der Zusammenhang zwischen Geborgenheit und Wehentätigkeit bewusst. Meine Freundin, die von unserer kleinen Aversion wusste, blieb ruhig. Wir warteten , bis sich die Kollegin aus dem Dienst verabschiedet hatte.

Dann ging es los mit einer Kraft, die ich so nicht erwartet hatte. Ich war völlig überrannt davon.  Ich kämpfte mich durch die Wehen, stampfte um das Bett und konnte es kaum ertragen, dass mich jemand berührte oder ansprach. Der werdende Vater war total überfordert von meiner Kraft, meiner Lautstärke. Im Inneren entschuldigte ich mich bei allen Frauen, die ich glaubte, gut betreut zu haben. Ich hatte keine Ahnung gehabt, wie sich das wirklich anfühlt.

Als ich den ersten Druck nach unten verspürte, flehte ich meine Hebamme  an: „Ich schaff das nicht mehr. Hol einen Arzt, und zieh sie jetzt bitte raus,  egal wie!“ Der Arzt kam lächelnd auf mich zu und sagte, dass ich doch wüsste, dass ein medizinischer Eingriff nur mit Indikation gemacht werden kann. Und ich einfach nur ein Kind bekäme und es schaffen würde, wie alle anderen Frauen vor mir eben auch. Wie sehr ich ihn in diesem Moment hasste. Und wie oft  ich selbst schon auf der anderen Seite mit ähnlichen Worten gestanden hatte,  ohne  Ahnung um das Ausmaß dieser Erschöpfung.

Keine Stunde später war sie da.  Sie lag in meinem Arm, klein und rosig, mit dem schönsten Geruch der Welt. Ich konnte nicht mehr aufhören, sie anzuschauen.

Ich entschuldigte mich tausendmal – wie die meisten Frauen vor mir auch – bei meiner Hebamme und bei meinem Arzt. Er lächelte wieder nur mild und sagte, der Lärmpegel habe das normale Maß durchaus überschritten, und ich solle es vermeiden, in den nächsten Tagen in den Spiegel zu schauen. Ich hatte blutunterlaufene Augen, die man im Übrigen bekommt, wenn man nach oben presst, was man instinktiv  tut, statt nach unten, wie man sollte – wenn man sozusagen in die falsche Richtung mitschiebt.

So viel zum Thema „Personalgeburt“. Wir Hebammen kriegen halt auch einfach nur Kinder. Wie alle anderen auch.