Berlin - Verbraucher machen den Lebensmittelherstellern Druck: In den ersten hundert Tagen nach Freischaltung der Internet-Plattform lebensmittelklarheit.de haben die Konsumenten knapp 3900 Produkte beanstandet. Bislang seien nach eingehender Prüfung 72 dieser Produkte im Lebensmittel-Portal veröffentlicht worden, sagte der Präsident des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, Gerd Billen, bei einer Zwischenbilanz am Donnerstag in Berlin. „Das Interesse der Verbraucher war so gewaltig, dass gleich in den ersten Minuten der Server in die Knie gegangen ist“, sagte Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner, deren Ministerium das Portal finanziert. Kritik kam von FDP und Wirtschaftsverbänden, die von einem „Internet-Pranger“ sprachen.

Das Portal soll Konsumenten aufklären und Beanstandungen sammeln. Diese werden dann geprüft und gegebenenfalls mit einer Stellungnahme des Herstellers veröffentlicht. Bislang haben 19 Hersteller auf die Kritik reagiert und die Angaben auf den Etiketten geändert.

Die häufigsten Beschwerden bezogen sich nach Angaben Billens auf Widersprüche zwischen Angaben auf den Verpackungen und den Inhalten. Dazu zähle ein Joghurt mit Macadamianüssen, der kaum Nüsse enthalte. Beanstandet wurde auch ein Meerrettich nach Rezeptur von 1846, der Zutaten enthält, die damals nicht verwendet wurden. Viele Kritikpunkte bezogen sich auf Angaben, die bestimmte Zutaten ausschlossen. So würden Lebensmittel mit dem Hinweis „ohne Geschmacksverstärker“ beworben. Dafür enthielten sie dann einen Hefeextrakt, der genauso wirke.

Nicht korrekt gekennzeichnet

Zu den beanstandeten Lebensmitteln zählten auch Produkte, die nach geltendem Vorschriften korrekt gekennzeichnet wurden. Etwa „Kalbswiener“: hier muss laut sogenanntem Lebensmittelbuch nur ein geringer Teil tatsächlich aus Kalbfleisch sein. Ähnliches gilt für Ziegenkäse aus Kuhmilch und Leberkäse ohne Leber. Aigner forderte die Lebensmittelbuch-Kommission auf, hier tätig zu werden.

Die im Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde zusammengeschlossenen Lebensmittelhersteller kritisierten die Pranger-Wirkung des Portals. „Zahlreiche Überschriften sind tendenziös und lebensmittelrechtlich korrekt gekennzeichnete Produkte werden dem Vorwurf der gefühlten Täuschung ausgesetzt“, sagte Hauptgeschäftsführer Matthias Horst der Nachrichtenagentur Reuters. Der Verband des Lebensmittelhandels monierte wertende Aufmachungen der Informations-Seiten des Portals.

Die FDP lehnte das Portal ab. „Nach hundert Tagen hat das Portal nicht bewiesen, dass es eine sinnvolle Ergänzung zu den bestehenden Informationsangeboten ist“, erklärte deren Abgeordnete Christel Happach-Kasan. SPD und Grüne begrüßten dagegen die Internet-Plattform. (rtr)