Einmal hat Peter Steudtner seinen Mitgefangenen Deniz Yücel gesprochen. Steudtner war gerade auf dem Weg von seiner Zelle zum Besucherraum, um seine Anwälte zu treffen. Yücel saß in einer Glaskabine, auch er wartete auf Besucher. Es war nur ein kurzer Moment, Deniz Yücel nutzte ihn, um Steudtner zuzurufen: „Du hast es bald geschafft, Peter!“ Ein Satz, sechs Wörter, eine Aufmunterung. Dann zerrte ein Wärter Steudtner weiter.

Drei Monate lang saßen die beiden Männer in Silivri bei Istanbul im selben Gefängnis in Haft. Ein Menschenrechtsaktivist aus Berlin-Steglitz und ein deutsch-türkischer Journalist aus Flörsheim am Main. Zwei Männer, die sich nie zuvor getroffen und nun auf einmal etwas gemeinsam haben, das ihr ganzes weiteres Leben prägen wird. Die Erfahrung, der Willkür eines Despoten ausgesetzt zu sein und zum Symbol für den Kampf um Menschenrechte zu werden.

Nach seiner Freilassung tauchte er erst einmal ab

Yücel wurde am 14. Februar 2017 nach einer Befragung durch die türkische Polizei verhaftet, Steudtner am 5. Juli 2017 während eines Workshops mit Menschenrechtsaktivisten. Yücel sitzt seit einem Jahr in Haft, Steudtner kam Ende Oktober überraschend frei. Er ist derjenige, der jetzt darüber sprechen kann, wie es war: In der Zelle links von ihm habe ein Bürgermeister gesessen, rechts von ihm ein Hochschulprofessor. In der Gefängnisbibliothek kann man sich Harry Potter und die Schachnovelle ausleihen. Einmal in der Woche darf man die Anwälte treffen. Die Wachleute sind meist respektvoll. Am schlimmsten ist die Isolationshaft. Das hat Steudtner dem Spiegel gesagt.

Er gibt nicht viele Interviews. Nach seiner Freilassung tauchte er erst einmal ab, wollte zur Ruhe kommen, in den Alltag zurückfinden. Auf die Bitte, mit ihm zum Jahrestag von Deniz Yücels Verhaftung zu sprechen, teilt Steudtners Frau mit, die nächsten Wochen seien sehr dicht, „weil Peter Steudtner als Mitglied der Jury für den Friedensfilmpreis auf der Berlinale unterwegs sein wird“.

Mut für den fremden Fremden

Berlinale-Jury! Jahrelang hat Peter Steudtner sich von der Öffentlichkeit weitestgehend unbeachtet für Menschenrechte eingesetzt, Dokumentarfilme über Kindersoldaten, über Landgrabbing, über ehemalige DDR-Vertragsarbeiter gedreht, er konnte von den Honoraren gerade so leben, und nun auf einmal bekommt er die Aufmerksamkeit, die er sich lange gewünscht hat. Steudtner ist nicht nur Jury-Mitglied, sondern seit kurzem auch Träger des Friedenspreises der Quäker-Hilfe-Stiftung, der Preis wurde extra für ihn erfunden. Und vor drei Wochen hat ihn Michael Müller, der Regierende Bürgermeister, in seinem Büro empfangen.

Das „merkwürdige Draußen-Berühmtsein“ nennt Peter Steudtner diese Erfahrung in einem Brief an Deniz Yücel, den Die Welt abgedruckt hat. Steudtner schreibt darin über seine Erfahrungen vor und nach der Freilassung, versucht, dem fremden Freund Mut zu machen. Am Schluss heißt es: „Ich kann Dir nicht zurufen: ‚Du hast es bald geschafft!‘ Aber ich rufe Dir zu: ‚Du schaffst das!‘“