Berlin - Es war einmal ein Politiker, dem tat (West) Berlin leid. Er fand, die Stadt habe mehr verdient, als politisches Provinzlertum und mittelmäßige Skandale. Wir schreiben das Jahr 1981 und der Politiker hieß Richard von Weizsäcker. Er kandidierte zur Wahl, gewann, wurde – allerdings erst im zweiten Anlauf – Regierender Bürgermeister von Berlin.

Und da er wusste, dass am Niedergang der politischen Kultur in Berlin nicht allein die Jahrzehnte regierende SPD schuld war, sondern auch seine Partei, die CDU, holte sich von Weizsäcker Senatoren aus dem ganzen Land. Es war der Versuch, alte Strukturen mit neuen Köpfen zu brechen.

Damals war Berlin eine graue Stadt und trieb ihre Blüten vor allem in einem prosperierenden alternativen Milieu. Wir wissen heute, Weizsäcker hat nicht viel bewegt. Er hat gleichwohl das Maximale erreicht: nämlich dass man sich heute noch an seinen Versuch erinnert, Berlin ein wenig von dem Glanz und der Würde zu geben, die einer Stadt mit dieser Geschichte und diesem Schicksal zusteht.

Seit Weizsäcker hat niemand mehr diesen Versuch unternommen. Weizsäcker musste scheitern, denn in einer subventionierten Halbstadt war sein Vorhaben, Filz, Korruption und Selbstbedienungsmentalität zu brechen, unmöglich. Doch dass heute, mehr als 20 Jahre nachdem Europa sich auf den Kopf gestellt hat, noch immer kein nur ach so kleines politisches Licht in Berlin leuchtet, oder eine Chance bekommt, ist deprimierend.

Zwei zaghafte Versuch wurden in den vergangenen 20 Jahren unternommen, Berlin politisch zu lüften: Die CDU wollte Wolfgang Schäuble zur Wahl stellen und die SPD hatte schon Jahre davor Wolfgang Thierse als Kandidat für das Amt des Regierenden Bürgermeisters vorgeschlagen. Schäuble scheiterte an seiner Partei. Thierse erschienen seine Chancen, etwas bewegen zu können, damals aussichtslos. Thierse wusste, dass man nicht am eigenen fehlenden Mut, sondern am Beharrungsvermögen und am Unwillen zur Veränderung der anderen scheitert.

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Alle Welt ist fasziniert von Berlin. Außerhalb Berlins glänzt diese Stadt, sie lockt. Nur die deutsche Politik will von ihrer Hauptstadt nichts wissen. Die Politiker sind zwar gerne hier, aber Verantwortung für die Stadt will keiner haben. Berlin soll eine interessante Hauptstadt sein, sich sonst aber nicht weiter bemerkbar machen. Sie soll nichts kosten, sie soll Ruhe geben und kein Aufsehen erregen. Sie soll ihre aufregende Seite zeigen und ihre Armut verstecken.

Und die Völker der Welt? Sie schauen nicht mehr auf diese Stadt, sie kommen in diese Stadt. Jedes Jahr besuchen Millionen junger Leute Berlin. Was suchen die? Was sehen die in dieser Stadt, wofür wir hier offenbar blind geworden sind. Wissen wir, welchen Schatz wir mit einem Ausstellungsort für Fotografie wie dem c/o Berlin haben?

Merken wir eigentlich, wie wichtig der Streit um die Gemäldegalerie ist? Warum fehlt es uns an jeglicher Idee, was mit einem Gelände, wie dem alten Flughafen Tempelhof, anzufangen wäre? Wieso fällt uns zu den Ufern der Spree nichts anderes ein, als dort Investoren Hochhäuser bauen zu lassen? Und können wir ermessen, was es bedeuten könnte, dass das Guggenheim Lab nach New York und vor Mumbai Station in Berlin macht?

Wir überlassen die Stadt Politikern, die nach dem Fall der Mauer glaubten, sie müssten es den internationalen Investoren nur leicht machen. Der Rest käme von selbst. So hat gerade noch die Bebauung des Potsdamer Platzes funktioniert. Schon der Leipziger Platz liegt als halbe Brache offen in der Stadt, der Alexanderplatz fault als eine trostlose Fläche mit unrealisierten Plänen vor sich hin. Keiner derjenigen, die in den vergangenen 20 Jahren in Berlin Verantwortung trugen, hat verstanden, wie diese Stadt funktioniert.

Nichts ist so gekommen, wie man glaubte. Kein Boom in den 90er-Jahren. Und jetzt rollte eine Welle über die Stadt, die ihresgleichen sucht. Billige Mieten über Jahre. Und jetzt Wohnungsnot? Vielleicht können wir es nicht voraussehen und Berlins Entwicklungen folgen denen in China, Spanien oder Russland ?

Niemand erwartet von der Politik Wunder. Die Menschen in Deutschland und die Berliner wissen genau, dass sich jede Idee an Machbarkeiten bricht. Aber es müsste doch möglich sein, wenigstens die Leute nicht für dumm zu verkaufen (Flughafen) oder so eklatante Fehler zu machen, wie der Justizsenator Braun, der irgendwie was mit Schrottimmobilien zu tun hatte. Oder die Wirtschaftssenatorin, der offenbar die Einsicht in das Regelwerk ihrer Behörde fehlte. Also kurzum, sich mit wirklichen Problemen zu beschäftigen. Und nicht mit selbst gemachten.