Im Prozess gegen Anders Breivik haben der Massenmörder und die norwegischen Medien zu einer denkwürdigen Koalition gefunden. Beide haben verlangt, dass die auf mehrere Tage angesetzte Aussage Breiviks live im Fernsehen übertragen werden dürfe. Breivik wünscht das, um seine 77 an jungen Sozialdemokraten und „Multikulturalisten“ begangenen Morde weltweit als Akte der Notwehr verteidigen zu können. Er wünscht das, um die 1500 Seiten seines Manifests, in dem er den Islam zur größten Bedrohung Europas und die „Multikulturalisten“ zu ihren feigen Verbündeten erklärt, nach den Usern des Internet auch der Fernsehöffentlichkeit bekanntzumachen.

Mit anderen Worten: Er wünscht das, um nach der Propaganda der Tat der Propaganda seiner Rechtfertigung größtmögliche Verbreitung zu garantieren. Der norwegische Journalistenverband wiederum besteht auf der Fernseh-Liveübertragung der Aussage Breiviks selbstverständlich unter Berufung auf das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit, auf ihren Anspruch auf Authentizität, auf ihr Recht, das weltweit beachtete Verfahren aus größtmöglicher Nähe, also mit dem Auge der Kamera zu verfolgen.

Das Amtsgericht hat beide Anträge verworfen. Zu recht. Die Richter haben Breivik und den Medien verweigert, was beide übereinstimmend kaum verhüllt begehrten – die Umwidmung des Strafverfahrens in einen Sensationsprozess und die mediale Metamorphose Breiviks vom Massenmörder zum Diskursteilnehmer. Hätte das Gericht gestattet, die Aussage Breiviks tagelang live im Fernsehen auszustrahlen, hätte das den ultimativen Triumph Breiviks bedeutet, die postmortale Verhöhnung seiner 77 Opfer.

Und die Regeln des Rechtsstaats hätten vor den Gesetzen der Medien kapituliert. Eines lautet: Je größer die Grausamkeit des Verbrechens und die Zahl der Opfer, desto profitabler der Versuch, die Sensationsgier des Publikums als Informationsanspruch der Öffentlichkeit auszugeben.
Wer gehört und gesehen hat, wie Anders Breivik zum Auftakt des Prozesses gelassen vor den Kameras und in die Mikrofone seine Morde als Notwehr beschrieb, der musste spüren, dass dem Beobachter hier nicht die Rolle als interessierter Bürger, als respektabler Teil der Öffentlichkeit zugewiesen wurde, sondern als Voyeur eines abscheulichen Spektakels.

Die Motive des Täters, die Planung der Tat, der Ablauf des Verbrechens und das Selbstbild des Verbrechers – das alles ist seit langem bekannt, und es ist nicht zu erwarten, dass das auf zehn Wochen angelegte Verfahren neue Erkenntnisse zutage fördern wird. Die einzige wirklich prozessentscheidende Frage , die das Gericht am Ende zu beantworten haben wird, ist die Frage nach der Schuldfähigkeit Anders Breiviks. Sie wird von einigen Gutachtern bejaht, von anderen verneint, doch wirkt sie – nicht nur in diesem Fall – wie ein rührendes Relikt.

So wie bei den Mitgliedern der Rote Armee Fraktion oder den Dschihadisten ist auch bei Breivik der Befund der Paranoia offensichtlich. Allerdings hat schon der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger vor Jahrzehnten zutreffend daran erinnert, dass es sich hier kaum um das klassische Krankheitsbild der Paranoia handelt: „Was die Terroristen selbst betrifft, so wäre es eine naive Verharmlosung, in ihnen isolierte Wahnsinnige zu sehen.“ Tatsächlich ist nie ein Gericht auf die Idee gekommen, die Killerkommandos der RAF könnten schuldunfähig sein oder Osama bin Laden und seine Gesinnungsgenossen, die im September 2011 das World-Trade-Center in Schutt und Asche legten oder die Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), die neun Ausländer und eine Polizistin ermordeten. Nur Breiviks Einsichtsfähigkeit wird bezweifelt. Weil er Einzeltäter war? Das war er, aber allein ist er nicht.

Terroristen aller Zeiten und jeglicher Couleur bilden eine Gemeinschaft. Sie wird zusammengehalten von der Überzeugung, Kämpfer in einem Krieg zu sein, der sie zu jedem Mord berechtigt und verpflichtet. Literatur, die ihre Einschätzung der Lage jederzeit bestätigt, steht unbeschränkt zur Verfügung, seit ein paar Jahren vor allem auch im Internet. Spräche Breivik Deutsch, hätte er sich die Analyse, wonach Europa von der islamistischen Unterwanderung akut bedroht und jeder Muslim als potenzieller Dschihadist zu betrachten ist, von Internet-Seiten wie „Politically Incorrect“ beziehen können oder als Merkspruch bei Henryk M. Broder: „Der Unterschied zwischen Islam und Islamismus ist wie jener zwischen Terror und Terrorismus.“ Präziser hätte das Anders Breivik bestimmt nicht formulieren können.

Er wird – so oder so – für Jahrzehnte eingesperrt. Die Paranoia aber lebt in Freiheit fort, im Buch wie auf den Websites.