Den Verdacht, verrückt zu sein, wird der vermeintlich Gesunde nur als Beleidigung empfinden, der Verrückte hingegen unter Umständen als größtmögliche Kränkung. Dass sein Selbstbild, in dem er seine Überlegenheit, seine Auserwähltheit und seine Einzigartigkeit erkennt, kein Einwand gegen die klinische Diagnose ist, sondern im Gegenteil ihr Gegenstand, kommt ihm nicht in den Sinn.

Im Zweifel wird er auf den Befund so reagieren wie der geisteskranke Frauenmörder Christian Moosbrugger in Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“, der „hasste niemand so inbrünstig wie die Psychiater, die glaubten sein ganzes schwieriges Wesen mit ein paar Fremdworten abtun zu können, als wäre es für sie eine alltägliche Sache“. Berichten zufolge hat Anders Breivik, der im Juli dieses Jahres 77 Menschen in Oslo und auf der Insel Utøya tötete, entsprechend auf das Gutachten zweier Rechtspsychiater reagiert, als sie ihm in diesen Tagen eine paranoide Schizophrenie attestierten und seine Einweisung in eine psychiatrische Einrichtung empfahlen. Anders Breivik bekennt sich zwar ausdrücklich zu seinen Taten, aber er will sie als „größter Ritter Norwegens“ und als sein „zukünftiger Regent“ begangen haben, keineswegs als Verrückter. Gibt es ein stärkeres Indiz für seine Schuldunfähigkeit?

Die Empfehlung der Gutachter ist nicht nur bei den Angehörigen der Opfer Breiviks auf erbitterten Protest gestoßen. Mit seiner akribischen, systematischen Planung des Massenmords, heißt es, habe Breivik seine Zurechnungsfähigkeit unter Beweis gestellt. Und auch seine ideologische Aufrüstung gegen die „Gutmenschen“ und die „Kulturmarxisten“ mittels einschlägiger Lektüre fremdenfeindlicher, rassistischer Schriften spreche vielleicht für ein bösartiges Gemüt, aber jedenfalls für einen intakten Intellekt. Doch Schuldunfähigkeit, wie sie das norwegische und auch das deutsche Straffrecht definiert, knüpft an etwas anderes an. Sie setzt voraus, dass erstens eine krankhafte seelische Störung, eine tiefgreifende Bewusstseinsstörung, Schwachsinn oder eine andere seelische Abartigkeit vorliegt, zweitens muss der Täter infolgedessen unfähig sein, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln (§ 20 Strafgesetzbuch). Mit anderen Worten: Die Akribie, mit der ein geisteskranker Täter sein Verbrechen plant und begeht wie auch der intellektuelle Aufwand, den er dafür betreibt, besagen nichts über seine Schuldfähigkeit.

Nicht das Attest der Schuldunfähigkeit ist im Fall Breivik das Problem, sondern ein Missverständnis, das es hervorrufen könnte. Es würde in der Annahme bestehen, der Hass auf Fremde, auf Andersdenkende, auf Muslime lasse sich als Fall für die forensische Psychiatrie stigmatisieren, dem gesellschaftlichen Problem des Rassismus, der antiislamischen Hysterie sei durch Wegsperren in die Sicherungsverwahrung beizukommen. Aber die Schuldunfähigkeit haben die Gutachter Breivik nicht aufgrund seiner ideologischen Aufrüstung bescheinigt, sondern aufgrund seiner narzisstischen Persönlichkeit, seiner fehlenden Fähigkeit zur Empathie, seiner Wahnvorstellungen als Kommandeur einer Widerstandsgruppe.

Der Hass, den Breivik gegenüber Muslimen empfindet, ist der Hass, den andere gegenüber Juden oder gegenüber Schwarzen verspüren. Der Hass, den sich Breivik in seinem „Manifest 2083“ von der Seele geschrieben hat, ist der Hass, der so auch auf den Websites der „Politisch Inkorrekten“ steht und im gefälligeren Tonfall auf Partys, in der Opernpause oder am Arbeitsplatz gepflegt wird. Den Hass, mit dem sich Anders Breivik über die Jahre gemästet hat, bezog er aus den Websites und im persönlichen Gespräch mit Freunden und Bekannten.

Hass ist nicht verrückt, aber Hass kann verrückt machen. Hass tötet nicht, aber er kann einen umbringen, wenn er sich nicht irgendwann entladen kann, sein Wort nicht zur Tat, seine höllische Vision nicht endlich zur apokalyptischen Wirklichkeit wird. Hass ist nicht verrückt, aber Hass kann aus einem Verrückten einen Mörder machen, der 69 Kindern und Jugendlichen mit ruhiger Hand in die Köpfe schießt. Hass tötet nicht, aber wer auf ihn hört, wer sich dem Hass überlässt und dem Hass das Wort, der wird irgendwann das Wort mit der Waffe vertauschen und seinen Hass in Blut verwandeln.

Noch hat niemand behauptet, die Rechtsterroristen, die acht Menschen türkischer und griechischer Herkunft ermordeten, seien Verrückte. Wenn sie es gewesen sein sollten, dann waren sie es nicht durch ihren Hass. Wie gesagt: Hass ist nicht verrückt.

Anderenfalls müssten die psychiatrischen Anstalten in Deutschland demnächst wegen Überfüllung schließen.