Es ist grotesk, wie es die tonangebenden deutschen Ökonomen schaffen, permanent die falschen Debatten zu führen. Zugleich ist es bewundernswert, wie erfolgreich sie dabei in der Bevölkerung sind. Die ganze Welt – und hier ist Welt ausnahmsweise mal nicht übertrieben – bedrängt die Kanzlerin, in der Euro-Krise endlich Vernunft anzunehmen und nicht mehr auf die deutschen Volkswirte und die Bundesbank zu hören; das internationale Bankensystem steht am Rande des Kollapses und befindet sich fast in der gleichen schlimmen Situation wie nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers vor drei Jahren; die Weltkonjunktur gerät schon ins Stocken – und was macht Deutschland? Diskutiert über Inflation. Das ist irre. Das ist vollkommen plemplem.

Warum erzählen die Ökonomen den Deutschen nicht, was passierte, wenn der Euro zerbricht? Warum erzählen sie nichts von den drei Millionen zusätzlichen Arbeitslosen, die die neue, aufwertende D-Mark sofort nach sich zöge, weil sämtliche Wettbewerbsfähigkeit dahin wäre? Warum warnen sie nicht vor der neuen Bankenkrise, vor dem Zusammenbruch der Lebensversicherer? Die Abschreibungen in Folge des Zusammenbruchs des Euro wären so heftig, dass Millionen Lebensversicherungen nicht mehr das Papier wert wären, auf denen die Leistungsversprechen gedruckt sind. Warum erklären sie nicht, was das alles für den Staatshaushalt bedeuten würde? Ein solcher Schock dürfte die Staatsschuld locker über die 100-Prozent-Marke treiben, wahrscheinlich sogar in Richtung 150 Prozent. Gegen den Euro-Schock wäre der Lehman-Schock ein Klacks. Und der hat bereits dazu geführt, dass die Staatsverschuldung in Deutschland um satte 20 Prozentpunkte nach oben gehüpft ist.

Da sich Deutschland nach wie vor strikt gegen Anleihekäufe durch die Notenbank wehrt, frisst sich die Krise immer tiefer ins Finanzsystem ein. Die Gefahr, dass europäische Banken keine Dollar von US-Banken mehr bekommen, ist so groß, dass die internationalen Zentralbanken gehandelt haben. Sie stellen einander ihre Währungen zur Verfügung, damit sich die europäischen Geschäftsbanken wenigstens bei der Europäischen Zentralbank Dollar besorgen können. Das ist ungewöhnlich genug, zeigt aber nur, wie krisenhaft die Lage in Wirklichkeit ist. Dass die Notenbanken mit billiger Liquidität die Märkte fluten, ist das einzige, was ihnen bleibt, um den Kollaps hinauszuzögern.

Doch in Deutschland wird nicht über den Kollaps gesprochen, sondern über die Inflationsgefahren, die eine solche Flutung nach sich zieht. Warum? Weil im kollektiven Gedächtnis als schlimmstes wirtschaftliche Ereignis noch immer die Hyperinflation der 20er-Jahre herumspukt, während in allen anderen Ländern Depression und Arbeitslosigkeit die Übel schlechthin sind.

Damals verlor das Geld binnen Stunden spürbar an Kaufkraft, damals verarmten die Rentner innerhalb von Wochen. Das war schlimm, hat aber mit der heutigen Situation nichts zu tun, wie eine Kurzstudie zur Hyperinflation von Ralph Solveen belegt. Für den Analysten der Commerzbank haben vier Faktoren dazu geführt, dass es so böse kam. Erstens belief sich 1919 etwa das Budgetdefizit Deutschlands, also die Neuverschuldung, auf rund 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). 50 Prozent! Zweitens hat die Zentralbank von diesem Budgetdefizit weit mehr als die Hälfte finanziert. Genauso wichtig war drittens die völlig verkehrte Zinspolitik. Während die Inflation bereits zweistellig war, lag der Leitzins der Reichsbank bei fünf Prozent. Das war selbst Mitte 1922 noch so, als die Inflation schon 60 Prozent betrug! Sprich: Die Realzinsen waren krass negativ, was zu einem Investitionsboom führte, weil sich die Schulden von selbst zurückzahlten. Am wichtigsten aber war die vierte Zutat: 1922 herrschte Vollbeschäftigung. Solveen spricht von etwas mehr als 200 000 Arbeitslosen. Alle Zutaten zusammen haben das Geldsystem erodieren lassen.

Nur bei Vollbeschäftigung haben die Arbeitnehmer nämlich die Verhandlungsmacht, immer höhere Löhne durchzusetzen. Nur über steigende Löhne kommt es letztlich auch zu höherer Inflation. Bei einem kurzen Blick auf den Anstieg der Arbeitslosigkeit in Euroland wird rasch klar, in welch verdammt schlechter Position sich die Arbeitnehmer befinden, wird rasch klar, dass man vor Inflation keine Angst zu haben braucht. Man kann aber auch nach Japan schauen, wo die Notenbank seit fast zwei Dekaden Staatsanleihen kauft, um Inflation zu erzeugen und doch nur Deflation erntet, also sinkende Preise.

So einfach, wie deutsche Ökonomen Inflationsgefahren ausmachen, ist es nicht. Und noch was: Wovor fürchten sich gerade alle internationalen Volkswirte beim Blick auf die Preisentwicklung? Richtig: Sie haben Angst vor Deflation.