Kaum hatte das libysche Fernsehen die Nachricht bestätigt, knallten in Tripolis die Gewehrsalven, und in Bengasi strömten die Menschen zusammen. Oberst Muammar al-Gaddafi ist tot – und in Libyen und in vielen Städten in der arabischen Welt wurde gestern gefeiert. Zu Recht. Das Ende der Ära Gaddafi ist ein Grund zum Jubeln für alle Menschen in der Region. Oder sagen wir lieber: für fast alle.

Für Baschar al Assad, Ali Abdullah Salih und andere noch-regierende arabische Herrscher der alten Schule ist dies ein schwarzer Tag. Er macht ihnen deutlich, dass auch ihr Ende nahe ist. In den letzten Wochen hatten sie wieder ein wenig die Oberhand gewonnen, konnten die Protestbewegungen in Schach gehalten. Die ägyptische Militärregierung dehnt ihre Macht immer mehr aus, die syrische Regierung entkommt immer wieder schärferem Druck durch die internationale Gemeinschaft und Ali Abdullah Saleh hält sein Volk seit Wochen hin.

Trendsetter in dieser Verwirrungsstrategie war Muammar Al Gaddafi, der sieben Monate NATO-Einsatz überlebt hatte und dem es nach dem Sturz von Tripolis gelungen war, die Truppen des Übergangsrates an der Nase herumzuführen. Immer wieder stürmten sie Gebäude, belagerten zunächst in Tripolis Stadtteile und später mit Bani Walid und Sirte ganze Städte auf der Suche nach dem flüchtigen Diktator. Das Versteckspiel hätte Gaddafis Ansehen schädigen können, doch kaum jemand sagte, dass es unwürdig sei, sich wie ein Hund zu verstecken. Er bekam vielmehr den Ruf des Allmächtigen und Allgegenwärtigen und man traute ihm wieder alles zu.

Gaddafi ist billig davon gekommen

Als kürzlich in Tripolis wieder gekämpft wurde, vermuteten viele, dass dies auf Gaddafis Anweisung geschah und auch der Zwist unter den Stämmen soll von ihm angefeuert worden sein und manche prophezeiten sogar, dass ihm das Come-Back als Herrscher gelingen oder er zumindest dauerhaft Libyen an einem Neuanfang hindern könne. Welche Beweise braucht es noch, dass eine arabische Diktatur zählebig ist. Gaddafis Botschaft an seine Diktatorenkollegen war eindeutig: Bloß nicht aufgeben! Doch er ist mit seiner Strategie nicht durchgekommen. Die Kämpfer der Übergangsregierung – unterstützt von Nato-Bombern – haben ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ein Glück.

Natürlich wird jetzt auch Bedauern geäußert. Gaddafi sei mit einem Tod im Kampf zu billig davon gekommen. Vor Gericht wollten sie ihn bringen; entweder vor den internationalen Strafgerichtshof oder auch ein libysches Gericht. Gerne hätten sie auch diejenigen vor dem Richter gesehen, die ihm über die Jahre geholfen hatten. Seine Unterstützer in Libyen, aber auch in Europa und den USA. Waren die Beziehungen in den letzten Jahren doch immer inniger und die Kritik an Gaddafis Herrschaftsstil immer leiser geworden. Sicherlich wäre in einem solchen Prozess einiges Interessantes auch über die europäische Politik zu Tage gekommen. Es ist schade, dass das nun ausbleibt, doch es hat auch etwas Gutes: Gaddafi im Gefängnis und vor Gericht hätte sicherlich keine Gelegenheit ausgelassen, weiter Unruhe zu stiften und für Verwirrung zu sorgen. Am Ende hätte er sich womöglich in seiner Rolle als Angeklagter ganz gut eingerichtet und hätte die Anklagebank als Tribüne für seine berüchtigten Reden benutzt.

Katastrophen-Beispiel Ägypten

Der Blick ins Nachbarland Ägypten, wo seit Monaten der Prozess gegen Ex-Präsident Hosni Mubarak vor sich hindümpelt und statt Aufklärung nur Chaos bringt, ist abschreckendes Beispiel genug. Wichtige Zeugen der Anklage haben ihre Aussagen gegen Mubarak zurückgezogen und behaupten nun das Gegenteil. Anwälte verwandeln mit ihren 1001 Anträgen den Gerichtssaal in die Bühne für ein absurdes Theaterstück. Vorgänge wie diese dienen weder der Wahrheitsfindung noch fördern sie den Glauben der Menschen, die Jahrzehnte lang in der Diktatur gelebt haben, an die Werte von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. So ist es vielleicht doch auch ein Grund zu feiern, dass Libyen – dank der Ermordung Gaddafis – nun eine vergleichbare Katastrophe erspart bleibt.

Das Wichtigste an allem ist sowieso, dass überhaupt gefeiert wird. Endlich gibt es mal wieder einen Grund. In den vergangenen Wochen machte sich Frust unter den Jugendlichen der arabischen Revolutionen breit. Auch sie beobachteten, wie die Diktatoren zunehmend wieder an Selbstbewusstsein gewannen und nicht im Traum daran zu denken schienen, abzutreten. Schon US-Philosoph Gene Sharp, der geistige Anstifter der Arabischen Revolte, dessen Werke von den Aktivisten in der Region verschlungen wurden, merkte in seiner Anleitung zum friedlichen Sturz von Diktatoren an, dass Parties ungemein wichtig sind. Selbst kleinste Erfolge sollten gefeiert werden, denn Jubel macht Mut. Den kann der Arabische Frühling dringend gebrauchen.