Es kam die Zeit, dass sie gebären sollte, und mit der Niederkunft der Zimmermannsfrau Maria kam die christliche Weihnacht in die Welt. Um eben die Zeit der Wintersonnenwende herum hatten schon andere Kulturen gefeiert – die Wiederkehr des Lichtes, die Erneuerung des Lebens, Geburt eben.

Kein Mensch wundert sich, dass dem Gebären heiliger Respekt zukommt. Frühen Kulturen galt die Fähigkeit, Leben hervorzubringen, als einzig wahrer Beweis von Göttlichkeit. Männlichen Göttern wurden sehr spezielle Wege zugeschrieben, auf denen sie Kinder freisetzen konnten: durch den Mund, den Penis oder aus dem Oberschenkel. Auf die Idee, ein Mensch könne aus einer Rippe entstehen, kamen die Sumerer. Raffinierter wurden Griechen und Juden, sie ließen aus dem Kopf heraus Leben schöpfen: Geburt kraft Willen. Fantasiereiche Geschichten, aber man merkt ihnen an, dass es auch darum geht, wer Macht hat über das Leben – denn er hat die Macht überhaupt. Schade, dass Weihnachten hierzulande stark auf Christi Geburt verengt wird. Die Kontinuitäten der jahrtausendealten Schöpfungsmythen sind faszinierend, und der Blick auf immer noch Älteres lässt die Bedeutung dessen schrumpfen, was gegenwärtig dominierende Religionen trennt.

Allerdings schwindet auch hierzulande der Mythos Geburt nicht, trotz Wissenschaft, Aufklärung und Rationalität. Kaum hatten Männer den von Frauen sorgsam um die Geburt gezogenen Bannkreis durchbrochen, durften dabei sein, da kam die Gegenbewegung auf, die neuerliche Mystifizierung. Heutzutage müssen deutsche Schwangere mit wahrhaft schamanischen Attacken rechnen. Von heiligem Eifer beseelte Hebammen fahren Rosenquarzlampen, Himbeerblätter und allerlei anderen Hokuspokus auf, der auf angeblich uraltem Wissen beruhe. Es gilt, Terrain weiblicher Machtausübung zu verteidigen. Immer seltener leiten Hebammen eine Entbindung eigenständig, deshalb rücken die Beseelten unter ihnen mit Vorliebe Erst- Schwangeren mit ihren „Angeboten“ für Vor- und Nachbereitung zu Leibe. Wer in den neuen Umständen unsicher ist, kann dem Weiber-Zauber durchaus verfallen: zwischen den Zehen abzubrennende Räucherstäbchen gegen Steißlage, Bachblüten-Tropfen gegen Wehenschmerz, homöopathische Kügelchen für die sanfte, natürliche Geburt. Natürliche Geburt ist unsanft und harte Arbeit; wer anderes behauptet, führt absichtsvoll in die Irre.

In den vergangenen 150 Jahren lösten Ärzte, Hygiene, Krankenhäuser und Apparate den sehr, sehr engen Zusammenhang zwischen Entbindung und Sterben (von Mutter und Kind). Nach Schätzungen verlor in alter Zeit ein Drittel der Frauen in gebärfähigem Alter durch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett das Leben. Heute sterben in Deutschland weniger als zehn Mütter auf 100 000 Lebendgeborene. Das Risiko ist klein, das Bewusstsein der Gefahr lebt fort und wendet sich tausendfach ausgerechnet gegen jene Umstände, die viel Sicherheit bieten: Kliniken, Ärzte, Apparate. Die Niederlande, wo sich 20 Prozent der Schwangeren für eine Hausgeburt entscheiden, weisen die höchste Neugeborenen-Sterberate auf. In Norwegen mit fast 100 Prozent Klinikgeburten ist das Kinderkriegen am sichersten.

In Deutschland beginnen zwei Prozent der Entbindungen außerhalb einer Klinik, rund 10 000 pro Jahr. 15 Prozent dieser vermeintlichen Wohlfühlprozeduren enden im Drama. Man stelle sich die Verlegung einer Kreißenden mit Schmerzen und Blutungen vor. Für die Babys ergaben Studien ein zwei- bis dreifach erhöhtes Sterberisiko in der Hausgeburt – nach komplikationsfreier Schwangerschaft. Teure Haftpflichtversicherungen für Hebammen haben ihre Ursache in steigenden Haftpflichtkosten für lebenslange Behinderungen.

Frauen wünschen sich einen Entbindungsort, der nicht unpersönlich und kalt ist. Die meisten Kliniken schaffen heute eine freundliche Umgebung, mit Vertrauen einflößenden, qualifizierten Hebammen, fitten Medizinern, hilfreichen Apparaten, Platz für fürsorgliche Väter – ohne Wehen-Kult und Pflicht zum Erleiden starker Schmerzen, wenn es doch Linderung gibt; ohne Propaganda zugunsten einer voreiligen Flucht in den Kaiserschnitt (finanziell vorteilhaft für die Klinik), ohne Übermedikamentierung und Routinedammschnitt. Dafür mit guter Stimmung: Die ist nicht teurer als schlechte.

Vor, während und nach der Geburt gehört alle Zuwendung den Beteiligten; alles ideologische Getue soll der Bann treffen. Maria hatte Glück, wer will, soll es göttlichen Beistand nennen; sie überlebte die Geburt ihres Sohnes, erfuhr womöglich die Wirkung der körpereigenen Glücks- und Bindungsdroge Oxytocin. Heute hat jede Gebärende Glück, die auf selbiges nicht bauen muss.