Berlin - Welch Wechselbad der Gefühle für die deutsche Bevölkerung! Vor einer Woche noch sah es so aus, als ob am deutschen Wesen tatsächlich Euroland genese. Die Kanzlerin hatte sich auf dem vermeintlich finalen Euro-Rettungsgipfel in fast allen Punkten gegen Nicolas Sarkozy, den französischen Präsidenten, durchgesetzt. Die deutsche wirtschaftliche Vorstellung von Ordnungspolitik und Stabilität triumphierte über die französische von Wohlstand und Wachstum.

Wer Merkel und Sarkozy nun in Cannes betrachtet, der hat nicht den Eindruck, als sei der Franzose der neue Juniorpartner. Beide sehen aus wie begossene Pudel. Die Rettung für Euroland ist grandios gescheitert. Wie dramatisch die Lage ist, zeigt die Bedingung, die die beiden den Griechen gestellt haben: Es fließt nur weiteres Geld, wenn sichergestellt ist, dass das Sparprogramm durchgezogen wird. Und wenn nicht? Dann scheitert der Euro, dann muss Griechenland aus der Währungsunion austreten. Scheitert dann nicht auch Europa?

Ganz gleich wie das Drama um Griechenland ausgeht, klar ist, dass der Euro seit Mittwochnacht einen weiteren schweren Vertrauensschaden erfahren hat. Denn das Signal, das Kanzlerin und Präsident in ihrer Not gesendet haben, lautet: Die Eurozone steht nicht nur nicht für die Schulden ihrer Mitglieder ein, nein, die Eurozone ist gar nicht auf Dauer angelegt. Auch dieser Vertrauensschaden wird wieder hunderte, wenn nicht tausende, Milliarden Euro auf die Flucht schicken. Auf die Flucht aus wackeligen Eurostaaten in den letzten sicheren Hafen: nach Deutschland.

Flucht zu deutschen Banken

Wenn der Euro zerbricht, dann wird das Geld der D-Mark-Zone den höchsten Wert haben. Deshalb fliehen immer mehr Griechen, Spanier, Italiener und sogar Franzosen mit ihrem Geld in deutsche Papiere, zu deutschen Banken. Genau dieser Angstmechanismus zerstört die Kreditinstitute der übrigen Mitgliedsländer und die Staaten, die sich nicht mehr verschulden können, weil ihnen aus Angst vor dem Auseinanderbrechen des Euro niemand mehr Geld in Euro leiht.

Ob Griechenland austritt oder nicht, schon jetzt sollten sich die Retter überlegen, wie sie das Hauptproblem Eurolands lösen, wie sie das Vertrauen wieder herstellen. Dafür braucht es mehr als die Rettungsutensilien des 26. Oktobers. Soviel ist klar. Sie reichen noch nicht einmal, um alle Folgen einer geordneten Insolvenz im Euro zu kurieren.

Um den Euro als Ganzes zu retten, braucht es jetzt noch mehr: Eurobonds, gemeinsame Steuern, eben irgendetwas, das ein starkes politisches Vertrauenssignal an die angstgeplagten Geldbesitzer sendet, dass der Rest Eurolands tatsächlich zusammenbleiben möchte und sich enger aneinanderkettet.

Zerbricht der Euro, passiert das weder wegen der zu hohen Verschuldung, noch wegen Griechenland, sondern wegen des falschen Rettungsweges, den die Deutschen eingeschlagen haben. Bei der Verschuldung steht Euroland in jeder Kennziffer besser da als die anderen alten Industriemächte, die USA, Japan oder Großbritannien.

Lächerliche drei Prozent

Die drei Prozent, die Griechenland an der Wirtschaftsleistung Eurolands ausmacht, sind lächerlich. Was Griechenland immer so gefährlich gemacht hat, war die Ansteckungsgefahr. Denn die Geldbesitzer mutmaßen: So wie mit Griechenland verfahren wird, so wird auch mit Portugal oder Italien umgegangen.

Doch davon wollten die Deutschen nichts wissen. Bei der Abwägung zwischen ihrer Ordnungspolitik, einer Wachstumspolitik und dem Ziel der politischen Stabilität in Euroland haben sie einseitig ihrer Ordnungspolitik den Vorrang gegeben. Stichworte sind das nur halbherzig gebrochene Verbot von Staatsanleihekäufen durch die Notenbank, die Beteiligung der Banken an dem Schuldenerlass für Griechenland, die drakonischen Sparprogramme für Griechenland und Co.

All diese Vorgaben haben den Aspekt des Wachstums völlig außer Acht gelassen und führen nun dazu, dass ganz Euroland unnötigerweise droht in die Rezession zu schlittern. All das führt dazu, dass die Schuldenlast weiter steigt. Die Deutschen haben der Eurozone die Strategie verordnet, die bei ihnen funktioniert hat: einseitige Orientierung auf Exporte, auf Wachstum im Ausland.

Dumm nur, dass sie dabei übersehen haben, dass ohne Handel mit dem Mars nicht jedes Land auf der Erde Exportüberschüsse erzielen kann. Dumm auch, dass sie übersehen haben, dass Euroland sich selber helfen muss.

Dass es das könnte, ist unbestritten. Dafür müssten die Ordnungspolitiker ihren Hut nehmen und die Wachstumspolitiker von Sarkozy die Regie übernehmen. Der Versuch ist es wert. Schlimmer kann die Vertrauenskrise nicht mehr werden.