Über Brüste redet man nicht. Auch wenn wir umgeben sind von ihnen: auf Plakaten, in Filmen, in Magazinen. Man betrachtet sie, man bewundert sie, man bewertet sie, stillschweigend. Obwohl die Brüste einer Frau das Natürlichste der Welt implizieren – nämlich Sexualität, aus der Leben entsteht, das wiederum an der Brust gedeiht – sind sie auf eine seltsame Weise eines der sichtbarsten Tabus unserer Zeit.

Nun reden wir also doch über Brüste: Weil die Schauspielerin Angelina Jolie sich wegen eines Gendefekts, der ihr ein 87-prozentiges Brustkrebsrisiko bescheinigte, vorsorglich das Gewebe beider Brüste entfernen und durch Implantate ersetzten ließ. Anfang der Woche erschien in der New York Times ein Text von ihr, in dem sie ihre Entscheidung sehr persönlich und zugleich erstaunlich sachlich begründete.

Mit der detaillierten Beschreibung der medizinischen Eingriffe, denen sie sich unterzogen hat, entmystifizierte Jolie die weibliche Brust als allgemeingültiges Symbol für Sex – alleine dadurch, dass sie sich öffentlich zu dem Schatten einer Krankheit bekannte, der das Stigma des Todes anhaftet. Auch wenn sie gleichzeitig betonte, sich nun nicht weniger als Frau zu fühlen.

Es ist nicht verwunderlich, dass das öffentliche Bekenntnis einer Frau, die wie keine andere als die Verkörperung von weiblicher Perfektion gilt, eine Gesellschaft aufwühlt und eine Welle der Empathie und Angriffslust auslöst. Die Frau ist Sexsymbol und Sechsfachmutter. Und so bestimmte auch die Frage die Diskussion, ob Angelina Jolie mit ihrer Entscheidung als Vorbild tauge – auch wenn sie selbst einen solchen Anspruch nie formuliert hat.

Es gibt Zuspruch und viel Kritik

Neben all dem Zuspruch für ihren Mut und ihre Ehrlichkeit wurde sie auch aggressiv angegriffen: Weil sie sich eine solche Operation leisten konnte. Weil sie Frauen ein zu radikales Beispiel sei. Weil sie zu schnell gehandelt habe. Weil sie zu schnell genesen sei. Die Abgehobenheit der Anklagen zeigt aber vor allem, dass man eine Schauspielerin aus den elitären Reihen der Scheinwelt Hollywoods kategorisch nicht als Vorbild akzeptieren will. Es scheint egal zu sein, dass sich Jolie in den vergangenen Jahren in ihren Rollen von der fleischgewordenen Lara Croft über Mrs. Smith bis hin zur charakterstarken Agentin Evelyn Salt entwickelt hat, oder sich mit Eifer als Sondergesandte der UN in entlegenen Erdteilen engagiert. Es ist sogar so, dass Angelina Jolie in dem Moment am meisten kritisiert wird, in dem sie sich über den unausgesprochenen Kodex der High Society hinweg gesetzt hat: Sie ist aus der Sphäre der Unerreichbarkeit von Prominenz herausgetreten und hat sich als Mensch gezeigt, der Angst hat und verwundbar ist.

Dabei ist Angelinas Jolies Offenbarung ein Frontalangriff auf das System: Hochverrat an Hollywood. Zwar hat auch sie nun sicher wieder schöne Brüste, aber in den Weiten der Traumfabrik ist die Versehrtheit des Körpers ein Tabu. Hier ist der Körper nicht nur Kapital. Er ist eine Maschine, die von der Schönheitsindustrie repariert und restauriert wird, um das Bild der ewigen Jugend zu konservieren. Jenes Jugendbild suggeriert vor allem eines: Gesundheit. Und ein langes Leben.

Angelina Jolie wünscht sich auch ein langes Leben. Wie jeder von uns. Für diesen Wunsch hat sie eine Entscheidung getroffen, die zwar ihre Karriere gefährdet, aber ihr Überleben sichert – zumindest hat sich das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken auf fünf Prozent minimiert, wie sie schreibt. Weil ihre Mutter mit nur 56 Jahren an Krebs gestorben ist, hat Jolie sich in die Gene gucken zu lassen, und dort wurde das Brustkrebsgen BRCA1 entdeckt. Einige Kritiker berührt genau der Umstand unangenehm, dass Jolie den medizinischen Fortschritt nutzte, um vorsorgend einzugreifen. Dass sie einen Fehler der Natur ohne drängende Notwendigkeit korrigiert hat. Ganz so, als sei eine Brustamputation nur dann akzeptabel, wenn die Brust schon an den Krebs verloren ist und das Leben auf dem Spiel steht. Dahinter steht eine zutiefst religiöse Vorstellung davon, inwieweit wir Menschen in das Leben und dessen Erhaltung eingreifen dürfen.

Jolie wollte sich nicht der Ohnmacht ausliefern, darauf zu hoffen, der Krebs werde sie verschonen. „Das Leben stellt viele Herausforderungen“, schreibt sie in ihrem Text. „Diejenigen, die wir angehen und kontrollieren könnten, sollten uns nicht ängstigen.“

Ihren Körper kann sie mit dem Eingriff vielleicht etwas mehr kontrollieren, mit der Angst sieht es anders aus. Die kann man nicht wegschneiden. Aber Angelina Jolie nimmt mit ihrem Schritt vielen Frauen die Angst vor einer solchen Operation. Und mehr noch, die Angst davor, sich nach einem solchen Eingriff nicht mehr als Frau zu fühlen. Denn mit falschen Brüsten, die aus dem richtigen Grund operiert wurden, ist sie mehr als zuvor die Verkörperung weiblicher Perfektion.