Leitartikel: Im Einsatz für Europa

Die europäische Idee fand ihren stärksten Ausdruck in den vergangenen Jahren in der hohen Reiseaktivität junger Leute. Studentinnen verabredeten sich übers Wochenende in Riga, Künstler pendelten bevorzugt zwischen Barcelona und Berlin, und der herkömmliche Städtetourismus beschränkte sich nicht mehr nur auf London und Paris, sondern bezog auch Oslo, Krakau und Lissabon mit ein. Jenseits der vertrackten Bemühungen, eine gemeinsame Verfassung zu bauen, bedurfte Europa keiner aufwendigen Imagekampagnen. Man flog per Billigflieger einfach schon mal hin. Der Herstellung und Begründung eines europäischen Bewusstseins gingen die regen Ströme europäischer Geschäftsbeziehungen voraus. Der gelebte europäische Gedanke basierte auf einer gesteigerten Mobilität.

Die Jahre der ökonomischen Leichtigkeit sind inzwischen vorbei, und soziale Spannungen sind sowohl im Norden als auch im Süden unübersehbar. Wenn am Sonntag gleich mehrere Länder der EU sowie einige Nachbarn zu wichtigen Wahlentscheidungen aufrufen, so geht es dabei fast immer um die Frage, wie sehr das zu erwartende Ergebnis spaltet und die jeweiligen Gesellschaften auseinander treibt.

Der Wahlsieger in Frankreich wird damit leben müssen, dass sein Erfolg auch vom Votum einer erstarkten nationalistischen Rechten abhängt, die die französische Politik künftig stärker als zuvor prägen dürfte. In Griechenland muss damit gerechnet werden, dass die Neofaschisten an Bedeutung gewinnen. Und in Italien geben Kommunalwahlen darüber Auskunft, wie sich die politischen Verhältnisse nach Berlusconi neu ordnen.

Regierungen in Bedrängnis

Die Finanz- und Schuldenkrise hat fasst überall die Regierungen in Bedrängnis gebracht, und nicht überall treten die Prozesse der Desintegration in so freundlicher Gestalt auf wie die deutschen Piraten. Spaltung, Zerreißprobe und paneuropäischer Rassismus waren zuletzt die Vokabeln, mit denen man versuchte, die vielfältigen Krisenphänomene zu beschreiben, die oft von starken Tendenzen der Renationalisierung begleitet waren. In vielen Ländern Europas haben populistische Bewegungen mit ihrer Propaganda der Abgrenzung Zulauf erhalten. Europa ist kaum mehr in der Lage, seine hässlichen Züge zu übertünchen.

Aber es verfügt über ein erhebliches kulturelles Kapital. „Wir sind Europa“ ist nun ein an mehreren Orten publiziertes Manifest von Künstlern und Intellektuellen überschrieben, die eine Neugründung der EU von unten vorschlagen. Kerngedanke des von europäischen Denkern von Rang initiierten Projektes ist ein sogenanntes freiwilliges europäisches Jahr, das die Möglichkeiten zur Begegnung nicht im Strudel wirtschaftlicher Krisen untergehen lassen möchte. Die Jugend Europas, so die Befürchtung, droht der Verlierer jener gigantischen Anstrengungen zu sein, mit denen man Staaten und Banken zu retten versucht. Bereits jetzt ist jeder vierte Europäer unter 25 Jahren arbeitslos. In Europa werden eben nicht mehr nur die neuen Narrative staatlicher Nachbarschaft verhandelt, sondern auch die Veränderung von Lebensläufen durch den plötzlich hereinbrechenden Zwang zur Beschränkung.

Es klingt fast ein wenig rührend, dass der gefährdete europäische Zusammenhalt nun durch einen Freiwilligendienst mit Sommercamp-Appeal gerettet werden soll. Tatsächlich steht dahinter aber der Gedanke einer leicht umzusetzenden Selbstaktivierung. Es soll der Selbstbegründungsakt einer europäischen Bürgergesellschaft sein. Gegen das Aufspannen immer abstrakter werdender Rettungsschirme und Hebelmechanismen empfiehlt das Manifest den Geist eines Dienstes am eigenen Lebensraum, inklusive sozialer Sicherheit und ökologischer Zukunftsfähigkeit.

Die praktischen Einwände gegen ein solches Unterfangen dürften rasch vorgebracht werden. Es kostet Geld und erfordert letztlich einen weiteren Verwaltungsapparat unter dem Dach der EU, deren umfangreiche bürokratische Erfahrung in den zurückliegenden Jahrzehnten keineswegs zu massenhaften Sympathiebekundungen für die Institutionen der EU beigetragen hat.

Jürgen Habermas, Ulrich Beck, Olafur Eliasson, Patrice Chéreau und andere haben aber kaum daran gedacht, eine Sommerverschickung für junge Bedürftige zu organisieren. Es ist der bemerkenswerte Versuch, der aus einer Wirtschaftsunion hervorgegangenen Idee eines vereinten Europas zu einem politischen Fundament zu verhelfen. Der symbolische Aplomb des Manifests ist nicht zu übersehen. Dass die staatliche Ansammlung europäischer Intellektueller mit einem verführerisch einfachen Vorschlag reüssiert, lässt das Projekt durchaus sympathisch erscheinen. Der Erfolg hängt aber letztlich davon ab, ob am Ende auch genügend Wirtschaftsunternehmen mitmachen.