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Es ist gut möglich, dass Jan Ullrich gar nicht selbst erfasst, wie erfolgreich er die Grundsätze des Leistungssports veralbert. Der frühere Radsportprofi bezahlte mehrere Hunderttausend Euro dafür, dass die Staatsanwaltschaft Bonn ein Verfahren gegen ihn einstellte, obwohl gute Beweise vorlagen, Ullrich habe durch Doping betrogen. Gestern bewarb der einschlägige Experte die Veranstaltung einer Firma mit eigenwilliger Reklame für ihr Kopfpflegemittel: „Doping für die Haare“.

Am Montag hatte das höchste Schiedsgericht des Sports den derzeit besten aktiven Kollegen Ullrichs, den Spanier Alberto Contador, für zwei Jahre rückwirkend gesperrt. Sein nationaler Verband hatte Contador trotz erdrückender Beweise zuvor freigesprochen. In Spanien nimmt man es mit dem Kampf gegen Doping nicht zu genau. Er trübt nur den Glanz der vielen schönen Sieger. Der verspätet für Ordnung sorgende Court of Arbitration, das Welt-Schiedsgericht für Sport, könnte heute in ähnlicher Weise Ullrichs Vita richtigstellen: Der Spaß am Doping für die Haare dürfte ihm vergehen, kassierte er nachträglich eine Sperre wegen Dopings für Beine, Blut und Bizeps trotz des Karriereendes.

Schwieriges Verhältnis zum Sportbetrug

Der Umgang mit vermeintlichen Sporthelden in Spanien und Deutschland zeigt das schwierige Verhältnis moderner Industriegesellschaften zum Sportbetrug durch Doping. Er zeigt auch, dass der Antidopingkampf fehlorganisiert ist. Weil Leistungssportler wie Unternehmer agieren, muss ihre Schuld bei eklatanten vorsätzlichen, vor dem Wettkampf organisierten Regelverstößen wie Doping nach Maßstäben des Strafrechts beurteilt werden, nicht mit sanften sportrechtlichen Rügen als Kavaliersdelikt. Der ausufernde Dopingsumpf verlangt, der Bagatellisierung des Betrugs durch die Sportführer erfolgreiche Ermittlungen durch Staatsanwaltschaften auch gegen Sportler entgegenzusetzen, nicht nur gegen Hintermänner. U-Haft schreckt mehr ab als kassierte Medaillen.

Selbstverständlich sagen die Ideale, dass die medizinische oder chemische Manipulation von körperlichen Spitzenleistungen strengstens verboten gehört. Sport will die positiven Werte einer Gesellschaft verkörpern, Sportstars sollen als nationale Vorbilder Identifikation stiften: Fairness, Regeltreue im sozialen Miteinander, gelungene Integration, Streben nach einem gesunden Leben mit Bewegung.

Der Anspruch muss scheitern. In der von Millionenprämien losgetretenen Unerbittlichkeit der Bestenselektion setzen sich zwangsläufig Charaktere mit ähnlichen Tugenden durch wie in anderen Bereichen des Lebens, in der Wirtschaft oder der Politik – vielleicht nicht gar so viele Blender, weil Zeiten, Weiten oder Tore arithmetisch überprüfbarer sind, aber doch Ehrgeizige, die wissen, wann sie ihre Ellbogen einsetzen müssen, wann sie auch mal Fünfe gerade sein lassen müssen.

Kein Sonderweg für den kommerzialisierten Sport

Daher darf der kommerzialisierte Sport keinen Sonderweg in der Lösung seiner Probleme für sich reklamieren. Er hat das bisher stets für sich in Anspruch genommen und ist grandios gescheitert. Dopingjäger sollten Blut- und Urinproben nehmen, Sportverbände Sanktionen verhängen. So ließe sich der Prozess beschleunigen, sagen die Sportverbände. Contador, der trotz positiven Dopingbefunds eineinhalb Jahre ungestört weiter Rennen gewinnen durfte, beweist den Unsinn des Arguments.

Die Wissenschaft hat Manipulationstechniken so verfeinert, dass die cleveren Doper durch Tests kaum auffliegen. Auch Ullrich fiel nie auf. Durch einen Unfall Überführte können sich oft des Schutzes durch einflussreiche Funktionäre sicher sein wie Contador in Spanien. Wie durch Zauberhand sind dort polizeiliche Ermittlungen behindert und Akten nachträglich verändert worden. Die Spanier hatten einen Minister, der mit den Sportbetrügern des Landes offen freundschaftlich umging, und diesen gar in den Vorstand der Welt-Antidopingagentur Wada geschleust.

Weil auch andere weltweit den Antidopingkampf sabotieren, endete die wichtigste Dopingjägerpersonalie als anhaltende Blamage. Da Europas Regierungen sich nicht auf einen tauglichen Kandidaten einigen konnten, landete der frühere australische Politiker John Fahey auf dem Chefsessel der Wada. Seine Ahnungslosigkeit leistet ihren Beitrag zur wachsenden Harmlosigkeit der Agentur. Nicht zuletzt deswegen stagniert die weltweite Harmonisierung des Antidopingkampfes: Länder gehen unterschiedlich energisch gegen Betrüger vor, Labore kontrollieren unterschiedlich genau, Dopingjäger testen unterschiedlich oft − bis gar nicht.

Will er dem Sport eine Legitimation zur Vorbildwirkung bewahren, muss der deutsche Gesetzgeber einen vorbildtauglichen Paradigmenwechsel gegen Doping einleiten: Strafgesetze und polizeiliche Ermittlungen auch gegen betrügende Sportler.