Die Staus haben Eltern und Schüler in Hessen und anderen Bundesländern gerade hinter sich, da rauschen sie zu Schulbeginn gleich in die nächste Baustelle rein. „Wir reparieren für sie das Turbo-Abi“ oder „Teilabschnitt vorübergehend wegen Lehrermangel gesperrt“ könnten die Schilder auf den Schulhöfen lauten. Umleitungen sind anders als bei den Autobahnen leider nicht vorgesehen. Man muss geduldig warten, bis alle Löcher gestopft sind.

Statt Warnhinweisen kommen rechtzeitig zur neuen Schulsaison aus den Kultusministerien neue Erfolgsmeldungen. Sie sind mit Vorsicht zu genießen. Beispiele gefällig? „Hessens Schulen geht es so gut wie noch nie“, übt sich die neue hessische Amtschefin Nicola Beer (FDP) in Superlativen. Dabei liegt vieles im Argen – angefangen vom Streit um den islamischen Religionsunterricht bis zur Inklusion, dem gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen. Den treibt die hessische Landesregierung nur halbherzig und mit viel zu wenig finanziellen Ressourcen voran.

Zum Schulstart in Berlin redet Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) versöhnlich vom „Schulfrieden“, obwohl die Kritik an der frühen Einschulung mit fünfeinhalb Jahren wächst. In Bayern rudert Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) beim G8 gerade wieder zurück – ebenso wie seine Kollegen in Hessen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Dabei war Bayern neben Baden-Württemberg der eifrigste Vorkämpfer für das Turboabitur: Deutsche Abiturienten seien zu alt, deshalb sollten die künftigen Fachkräfte mehr Gas geben. Jetzt kommt Seehofer im Vorwahlkampf mit einem neuen „Flexibilisierungsjahr“ um die Ecke, das die Zeit bis zum Abitur wieder verlängern soll. Anders formuliert: Schüler dürfen künftig freiwillig sitzen bleiben. Ja was nun?

Bildungspolitischer Gemischtwarenladen

Es klingt wunderbar flexibel und tolerant, dass offenbar jedes Kind nach seiner Façon selig werden darf. Doch de facto gleicht die föderale Kultuspolitik zum neuen Schuljahr einmal mehr einem bildungspolitischen Gemischtwarenladen, der sich ständig neu sortiert. Es ist genau das, was Eltern von München bis Kiel auf die Palme bringt: eine Bildungspolitik nach dem Motto „Heute Hü morgen Hot“ – und dafür müssen sich nicht einmal die politischen Mehrheiten verändern (siehe Bayern).

Lehrer, Schüler und Eltern hingegen wünschen sich bei allen nötigen und sinnvollen Reformbaustellen wie G8-Entschlackung, Lehrerbildung oder Sprachförderung vor allem Verlässlichkeit für die Bildung. In Umfragen spricht sich regelmäßig eine Mehrheit dafür aus, dass der Bund mehr Mitsprache in der Schulpolitik bekommt, was jedoch bislang die Kultushoheit der Länder verbietet. Dahinter steckt der Wunsch von Müttern und Vätern nach mehr Geradlinigkeit und Kalkulierbarkeit. Sie möchten nicht, dass sich ihr Kind bei einem Umzug ins benachbarte Bundesland vorkommt wie auf einem anderen Stern, weil die Schulsysteme nicht kompatibel sind. Sie wollen einen Hortplatz ab der Grundschule, wenn beide berufstätig sind. Sie attackieren das Turbo-Abi, weil viele Gymnasien (mit Ausnahme der G8-Schulen in Rheinland-Pfalz) keine Ganztagsangebote machen, die den Namen verdienen. Eltern wollen Kantinen statt Tütensuppen, pädagogische Angebote statt Verwahrung.

Zum Glück handeln Eltern manchmal klüger und vorausschauender, als die Kultusbürokratie erlaubt. Beim G8 haben sie bei einer Abstimmung mit den Füßen quer durchs ganze Land vorgeführt, dass die in vielen Bundesländern praktizierte Hau-Ruck-Einführung nicht funktioniert.

Bildung als „Erleben von Gelassenheit“

Aktuell zeigt sich beim Thema Früheinschulung, dass der ein oder andere Bildungsminister die Rechnung ohne die Eltern gemacht hatte. Außer Berlin schult heute kein Bundesland mehr regulär mit fünf Jahren ein. Stattdessen wird die unter anderem von der FDP forcierte Reform in Bayern und Nordrhein-Westfalen wieder zurückgedreht, weil viele Mütter und Väter das Dogma „Je-früher-desto-besser“ unterlaufen – mit Rückendeckung von Kinderärzten und Wissenschaftlern.

Frühförderung ist vor allem mit Blick auf Sprachdefizite enorm wichtig, doch eine bessere Verzahnung von Kindergärten und Grundschulen wäre sinnvoller als immer jüngere Erstklässler, die dem Schulalltag weder emotional noch sozial gewachsen sind.

Die Überzeugung, dass Spielen permanentes Lernen impliziert und kleine Kinder auch ohne das System Schule tagtäglich kognitive Hochleistungen vollbringen können, ist noch nicht bei allen angekommen.

Bildungsökonomen, die schon bei Dreijährigen an „Potenzial“ und „Out-Put“ denken, sei der Philosoph Meister Eckhart empfohlen, der Bildung als das „Erleben von Gelassenheit“ verstand. Dann gäbe es nach den Ferien ein paar Baustellen weniger.