Leitartikel Landtagswahl NRW: Hannelore Kraft - die rote Merkel

Wer ist die mächtigste Frau im ganzen Land? Angela Merkel natürlich. Auch wenn die Partei der Kanzlerin am Sonntag eine krachende Wahlniederlage einstecken musste. Auch wenn Norbert Röttgen, einer ihrer Hoffnungsträger, seine Hoffnungen fürs erste, und wahrscheinlich auch fürs zweite und dritte, begraben muss. Auch wenn es nun nicht nur fraglich, sondern so gut wie ausgeschlossen scheint, dass Merkel bei der Bundestagswahl im nächsten Jahr auch nur den Hauch einer Chance haben könnte, die schwarz-gelbe Koalition fortzusetzen.

Trotzdem: Angela Merkel ist die mächtigste Frau im Land. Noch. Vorerst.

Tief im Westen der Republik steigt nun eine andere Frau mit dem (bisher) unausgesprochenen Anspruch auf, der Mächtigsten im Land ihren Rang streitig zu machen. Hannelore Kraft hat die wichtigste Leistung vollbracht, auf der politische Karrieren beruhen: Sie hat gezeigt, dass sie Wahlen gewinnen kann. Klar, überzeugend, geradlinig, auch in einem Parlament mit fünf Parteien.

Traditionslinie - Kühn, Rau, Kraft

Mit diesem Sieg gibt sie ihrer Partei, der SPD, ein ganz spezielles Selbstbewusstsein zurück: Egal wie die Welt sich verändert, Schuldenkrise hin, Eurorettung her, Globalisierung hier, technische Revolution dort – an Rhein und Ruhr regiert die SPD. Das industrielle Kernland der alten Bundesrepublik war sozialdemokratisch, ist sozialdemokratisch und wird auf immer sozialdemokratisch sein.

Heinz Kühn, Johannes Rau, Hannelore Kraft, das ist die personifizierte Traditionslinie. Zwischendrin gab es etwas Durcheinander. Wolfgang Clement hatte zwar das richtige Parteibuch, aber das falsche Programm, Jürgen Rüttgers hatte das richtige Programm, aber das falsche Parteibuch. Jetzt ist alles wieder so, wie es sich gehört.

Hannelore Kraft ist ein paar Jahre jünger als Angela Merkel. Sie vertritt andere politische Positionen, vor allem wenn es ums Geld geht. Merkel will dem Staat das Schuldenmachen austreiben, Kraft findet Schulden nicht schlimm. Dennoch haben diese beiden Frauen viel gemeinsam. Beide haben eine menschliche, ja mütterliche Ausstrahlung. Sie verunsichern ihre Wähler nicht, sondern versuchen ihnen Sicherheit in unsicheren Zeiten zu vermitteln. Sie lassen andere die harten Debatten führen, ohne selbst zu polarisieren. Sie schaffen Vertrauen.

Von ihrem Naturell her ist Hannelore Kraft eine Merkel in Rot. Gerade deshalb sollten die ach so wichtigen Männer in der SPD sich vorsehen.

Nicht dass Kraft im nächsten Jahr als Kanzlerkandidatin gegen Merkel antreten würde. Dazu ist es zu früh, diesmal raufen die drei Jungs das noch unter sich aus. Wahrscheinlich wird Sigmar Gabriel der Herausforderer sein. Nun ist klar, welcher Anspruch dann an ihn gestellt wird: eine Mehrheit für Rot-Grün, ohne Wenn und Aber. Ohne Dänen-Ampel wie im hohen Norden, nicht mit verkehrter Kleiderordnung wie im Südwesten, nicht mit einer großen Koalition wie in Wowereits Rathaus, schon gar nicht noch einmal als Juniorpartner bei Merkel. Die Botschaft von Nordrhein-Westfalen lautet: Das geht.

Wohlfühlpolitik wird der Realität nicht standhalten

Mit oder ohne Piraten; egal ob sich die Liberalen tatsächlich weigern, einfach so unterzugehen; ohne auf die Linke zu schielen, deren großes Projekt Aufbau West gescheitert ist. Wenn Gabriel es nicht schafft, die Renaissance von Rot-Grün auch in der Bundespolitik zu bewerkstelligen, unter welchen politischen Umständen auch immer, dann heißt die nächste Parteivorsitzende der SPD Hannelore Kraft. Weil die weiß, wie’s geht.

Vielleicht ist es ja wirklich an der Zeit, die Frauen ranzulassen. In Berlin, in NRW, wo auch immer. Weil der Typ Merkel/Kraft das Lebensgefühl der Menschen so gut trifft. Wird schon werden, lautet ihre zentrale Botschaft, wir kümmern uns drum. Und wo die Problemlage unübersichtlich ist, also eigentlich überall, da bleiben wir erst mal vorsichtig, riskieren nicht so viel. Früher war Politik das Versprechen auf eine bessere Zukunft. Heute übt offenbar das Versprechen, dass es bleiben kann wie es ist, eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Merkel und Kraft wissen, ihre Wähler ahnen es zumindest, dass das nur eine Hoffnung ist, wahrscheinlich eine Illusion.

Nirgendwo wird das deutlicher als in Nordrhein-Westfalen. An der Ruhr wurde nach dem Krieg der Wohlstand der Bundesrepublik geschaffen, das Wirtschaftswunder basierte auf Kohle und Stahl. Die Zeiten sind längst vorbei. Erst haben die Südländer NRW weit abgehängt, gerade werden die Städte des Ruhrgebiets vom Osten überflügelt. Hannelore Kraft hat ein Land im Niedergang gewonnen. Die Wohlfühlpolitik wird dieser Realität nicht standhalten. Und dann? Dann wird Kraft die Merkel machen. Also schrittweise die Politik an die Realität anpassen, so wie die Kanzlerin es in der Eurokrise vorführt. Das erfordert Lernfähigkeit – und Chuzpe. Merkel hat beides. Kraft bestimmt auch.