Die Politiker in den europäischen Hauptstädten und unsere besonderen Freunde, die Märkte, seien erschrocken und irritiert, hieß es am Dienstag. Erschrocken und irritiert, weil der griechische Premierminister Giorgos Papandreou sein Volk fragen will, ob es sich dem Rettungsdiktat der Europäischen Union unterwerfen und es wirklich demokratisch legitimieren will.

Wenn das stimmt, so muss man fragen, was in den Hirnen und Herzen der Merkels, Sarkozys und Junckers (die Märkte haben so etwas nicht) vorgegangen ist, als sie in den vergangenen Monaten über die Hilfsmaßnahmen für Griechenland verhandelten, die ja immer auch eine Kehrseite haben: Die Gegenleistungen der Griechen. Also Verzicht auf Arbeitsplätze, Einkommen, Absicherung, Lebensperspektiven in einem Umfang, der zum Beispiel die deutschen Hartz-IV-Reformen von einst wie eine Lappalie erscheinen lässt. Und doch zogen dagegen Hunderttausende auf die Straßen, stürzte eine Regierung.

Wie also kann man sich darüber wundern, dass der griechische Premier sein Volk fragen will, ob es dieses Maß an Unterwerfung, an Kontrolle, an Aufgabe von Souveränität wirklich will? Wann, wenn nicht jetzt, ist ein Referendum angebracht, ja unabdingbar?

Wenn hier also etwas erschreckt und irritiert, dann doch dies: Dass auf den zahllosen Konferenzen, Sitzungen, Gipfeln zur griechischen Krise offenbar nie über die Frage gesprochen wurde, wie und mit welcher Legitimation die Regierung die in Brüssel ausgehandelte bittere Diät zu Hause eigentlich durchsetzen will. Was auch immer dort an brutalen Schuldenschnitten, Sparmaßnahmen und Strukturreformen vereinbart wurde, mag so sinnvoll sein wie es nur geht – gegen den Willen und Widerstand des griechischen Volkes ist es schlicht nicht machbar. Die Menschen müssen überzeugt werden.

Nun entscheide du!

Eine vielfach gegebene Antwort auf die europäische Krise lautet: Wir brauchen mehr Europa. Was im Ergebnis bedeutet, mehr Übertragung nationaler Rechte auf europäische Institutionen. Das wird auch in Deutschland irgendwann nur mit einer Volksabstimmung über ein neu ausgerichtetes Grundgesetz gehen. Griechenland ist heute schon an diesem Punkt.

Papandreou mag seinen Schritt aus mancherlei taktischen und machtpolitischen Erwägungen gegangen sein. Vielleicht auch aus purer Verzweiflung angesichts der massiven Proteste, die ohne neue demokratische Legitimation überhaupt nicht einzudämmen sind. Das ändert jedoch nichts daran, dass er vorbildlich handelt, mit Mut und vollem Risiko, wie es unter Politikern nur selten zu finden ist. Er stellt sich mit seiner Person und dem, was er für Griechenland ausgehandelt hat, vor sein Volk und sagt: Nun entscheide du!

Er wird für sein Programm und seine Überzeugung kämpfen, und er wird den Griechen die Folgen eines Nein so drastisch vor Augen führen, wie sie sein würden: der Absturz in den Staatsbankrott ohne jede Absicherung durch die europäischen Partner. Eine Zukunft als Paria der europäischen Gemeinschaft, die Mühe haben würde, sich nach einem griechischen Alleingang auszubalancieren.

Ein Mann aus dem Geburtsland der Demokratie

Es ist letztlich unter dramatischen Umständen die Volksabstimmung über die Mitgliedschaft in der Europäischen Union, die in Griechenland so wenig wie in vielen anderen Ländern stattgefunden hat, aber besser hätte stattfinden sollen. Es kann also sein, dass Papandreou Chancen hat, den Kampf um die Köpfe der Griechen zu gewinnen. Wie überall gibt es womöglich auch hier eine schweigende Mehrheit, die anders denkt als die laut protestierende Menge in den Großstädten.

Vielleicht bringt das griechische Vorbild die Debatte aber auch anderswo darüber voran, wie das Demokratiedefizit in Europa zu beheben ist. Nur wenn es gelingt, die Entfremdung zwischen den Bürgern und der Union abzubauen, wird man aus der Parole: Wir brauchen mehr Europa! eine Politik mit Perspektive entwickeln können. Das Wort von der neuen europäischen Erzählung ist freilich auch schon so abgedroschen, dass man kaum noch an ihr Entstehen glauben mag.

Und doch ist es vielleicht ein Mann aus dem Geburtsland der Demokratie, der sie immerhin beginnen kann mit seinem mutigen Kampf für die Zukunft Griechenlands. Giorgos Papandreou ist in einer verzweifelteren Lage als alle seine europäischen Kollegen. Aber er verzagt nicht, sondern macht Politik im eigentlichen Sinne. Er ringt um die Mehrheit für eine Idee, eine Überzeugung, ein Programm. Und er erinnert daran, was das griechische Wort Demokratie eigentlich heißt: Herrschaft des Volkes.