Den deutschen Rechtsextremisten muss man sich so vorstellen: Sein Lieblingsgefühl ist der Hass auf Ausländer, seine bevorzugte Freizeitbeschäftigung die Jagd auf sie, die größte Freude bereitet ihm Gewalt, die sich gegen Türken oder „Fidschis“ richtet. Wird ein türkischer Döner-Verkäufer, Gemüsehändler oder Schneider jedoch mit einer Kugel im Kopf ermordet aufgefunden, kommt der deutsche Rechtsextremist als Täter nicht in Betracht. Diese Einsicht beruht auf der Erfahrung der deutschen Sicherheitsbehörden. Sie wissen – sie haben bisher behauptet, sie wüssten –, dass Ausländer in Deutschland in der Regel nicht von Deutschen, sondern von Ausländern getötet werden, gewissermaßen aus ausländertypischen Motiven , beispielsweise um Schutzgeld zu erpressen, um eine verletzte Ehre wiederherzustellen, um einen Kampf zwischen Mafia-Familien zu entscheiden, um die Scharia in Deutschland durchzusetzen etc. Werden also in sieben Jahren im gesamten Bundesgebiet neun Ausländer mit derselben Schusswaffe getötet, sind die Ermittlungen – selbst wenn es dafür an den geringsten Anhaltspunkten fehlt – ausschließlich auf das einschlägige, insbesondere das muslimische Milieu zu richten. Ermittlungen gegen Rechtsextremisten hingegen erübrigen sich, denn dafür fehlt es selbst an den geringsten Anhaltspunkten. Diese Ermittlungsmethode soll in Fachkreisen auch als „Henryk-M.-Broder-Ansatz“ bekanntgeworden sein.

Ihr Ergebnis ist jetzt zu besichtigen. Bestürzender als die Nachrichten über die Verbrechen der thüringischen Neonazi-Gruppe ist die Ahnungslosigkeit der Sicherheitsbehörden, die es offensichtlich nicht für möglich hielten, dass eine Mordserie an neun Ausländern ausländerfeindlich motiviert sein könnte, die es nicht beunruhigte, dass stadt- und bundeslandbekannte straffällige Neonazis sich dem Haftbefehl jahrelang entzogen, die sich länger als ein Jahrzehnt in der Blindheit gefielen, mit der sie sich selbst geschlagen hatten.

Das vermeintliche Versagen der Behörden wirft einige interessante Fragen auf – hat der Verfassungsschutz Thüringens von der Neonazi -Gruppe tatsächlich nichts gewusst? Welche Rolle hat der als V-Mann eingesetzte führende Neonazi Tino Brandt gespielt? Womit beschäftigt sich der Verfassungsschutz und wofür bekommt er das Geld? –, aber er hält auch eine Antwort bereit: Die Sicherheitsbehörden haben die Brutalisierung des Rechtsextremismus kriminell unterschätzt.

Die Ursache liegt auf der Hand. Der Kommentator einer überregionalen Tageszeitung schrieb gestern: „Seit den zahlreichen ausländerfeindlichen Anschlägen in den Jahren nach der Wiedervereinigung konnte man eigentlich davon ausgehen, dass die deutsche Gesellschaft in ihrer großen Mehrheit immun gegen den Rechtsradikalismus ist ...“ Das Gegenteil ist wahr: Nach diesen Gewaltexzessen in den 90er Jahren, die sich vor dem Hintergrund einer am Ende hasserfüllten Debatte um die Beschränkung des Asylrechts ereigneten, musste selbst dem trübsten Licht gedämmert haben, dass Ausländerfeindlichkeit in weite Teile der Gesellschaft vorgedrungen war und der latente Rassismus jederzeit in akute Gewalt umschlagen konnte. Der Gedanke lag offenbar zu nahe, um ernsthaft erwogen zu werden. Ebenso wenig wie der zitierte Kommentator haben ihn die deutschen Sicherheitsbehörden begriffen.

Deren Versagen steht auf dem einen Blatt, auf einem anderen die Weigerung der Politik, dieses Versagen in den Mittelpunkt der Debatte zu stellen. Stattdessen wird die Forderung nach einem Verbot der NPD erneuert. Ihre Verfassungsfeindlichkeit, ihr Rassismus, die Gewaltbereitschaft vieler Mitglieder stehen außer Zweifel. Aber erstens ist noch immer ein Hindernis nicht aus dem Weg geräumt, das schon vor Jahren das Verbotsverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht scheitern ließ. Noch immer ist die NPD von V-Leuten des Verfassungsschutzes unterwandert. So lange sie die Politik dieser Partei – bis hinauf in führende Positionen – mitbestimmen, so lange sie nicht ausgemustert und komplett abgezogen sind, so lange ist auch ein erneutes Verbotsverfahren in Karlsruhe zum Scheitern verurteilt. Im übrigen aber wären die Folgen des Verbots ganz offensichtlich desaströs. Etliche der mehr als 6000 Mitglieder würden in den Untergrund abtauchen, also dorthin verschwinden, wo die thüringischen Neonazi-Killer vor der verhaltenen Neugier der Behörden länger als ein Jahrzehnt in Sicherheit waren.

Die Debatte über ein Verbot der NPD ist die falsche Reaktion auf das bedrückende Versagen von Verfassungsschutz, Staatsanwaltschaften und Polizei. Sie müssen zur Kenntnis nehmen, dass nicht immer islamistischer Terror drin ist, wenn Mord an Ausländern draufsteht. Der Rechtsterrorismus in Deutschland lebt.