Berlin - Irgendwann in diesen Tagen wird irgendwo auf dieser Erde der siebenmilliardste Mensch geboren. Vielleicht ist das Baby längst da, vielleicht kommt es aber auch erst in ein paar Wochen auf die Welt. Das ist nicht entscheidend. Die Vereinten Nationen haben sich darauf verständigt, diesen 31. Oktober 2011 als Meilenstein für die Menschheit zu markieren. Sie haben diesen einen Tag bestimmt, damit sich die globale Gesellschaft bewusst macht, welche Herausforderung das globale Bevölkerungswachstum für uns alle bedeutet.

Jedes Baby, das geboren wird, ist ein kleines Wunder, jedes Baby ist - so hoffen wir es jedenfalls - für seine Eltern, seine Familie ein Grund zum Feiern. Ein Kind bedeutet Hoffnung. Aber ist die Geburt des siebenmilliardsten Menschen auch für die Menschheit ein Grund zum Feiern, ist sie ein Hoffnungszeichen? Wie viele Menschen kann die Erde ernähren, wie viel Bodennutzung und -ausnutzung kann sie ertragen? In den vergangenen fünfzig Jahren hat die Menschheit sich verdoppelt, jedoch sind unser Bewusstsein und die Bereitschaft, mit dieser Herausforderung zurechtzukommen, nicht eben ausgeprägt.

Risiken seit langem benannt

Dabei sind die Risiken seit langem benannt: 1972 hat der Club of Rome lautstark vor den Grenzen des Wachstums gewarnt und viele Probleme aufgezeigt, die wir bis heute nicht gelöst haben: Rohstoffverbrauch, Auslaugung der Nahrungsmittelressourcen, die Verschwendung von Energie und Wasser, Raubbau an der Natur. Seither werden immer wieder Horrorszenarien diskutiert und die Gefahren einer Bevölkerungsbombe beschworen: Lange Zeit ging man von einer nahezu ungehemmten Zunahme der Zahl der Menschen aus, rechnete mit Hungersnöten, Aufständen, Kriegen.

Inzwischen können wir die Dinge etwas gelassener betrachten. Zum einen wächst die Menschheit nicht mehr so rasant wie damals befürchtet. Lag vor einem halben Jahrhundert die Kinderzahl pro Frau noch bei sechs, so ist sie heute im globalen Schnitt auf 2,5 Kinder pro Frau gefallen. Der Zeitpunkt ist absehbar, so die jüngsten Erkenntnisse der Demografen, an dem sich die Bevölkerungsentwicklung in einer guten Balance befindet. Überall da, wo Frauen freien Zugang zu Verhütungsmitteln erhalten, überall da, wo Frauen eine gute Schulbildung erreichen und damit viele Entfaltungsmöglichkeiten in ihrem Leben erhalten, überall da, wo eine hohe Kinderzahl nicht die einzige Absicherung für das Alter ist, überall da also, wo Männer und Frauen in Selbstbestimmung, Freiheit und auch Wohlstand leben können, überall da sinkt auch die Geburtenrate auf ein für den Planeten und alle hier lebenden Menschen nachhaltig erträgliches Maß. Der Schlüssel zur Vermeidung eines ungebremsten Wachstums liegt also im Zugewinn von Bildung und Freiheit.

Demografische Probleme

Zum anderen wird immer deutlicher, dass nicht die Masse von Menschen das Problem ist, zumindest nicht allein. Ungleichzeitigkeiten, Ungerechtigkeiten und divergierende Lebensstile verschlimmern die demografischen Probleme. Weltweit wird schon heute eine so große Menge an Getreide produziert, dass neun bis zehn Milliarden Menschen davon satt werden könnten. Doch wir, der reiche Norden, verprassen die Hälfte des in armen Regionen so dringend benötigten Nahrungsmittels in der Biospritproduktion und als Tierfutter. Weil unser Energieverbrauch so gigantisch, weil unser Fleischhunger so riesig ist. Ähnlich verschwenderisch benutzen wir Wasser. So kommt es, dass nicht dort der Ressourcenverbrauch und damit die Umweltzerstörung am höchsten sind, wo die meisten Menschen in einem Haushalt leben - in Asien oder Afrika - , sondern dort, wo es viele Haushalte mit nur wenigen Menschen gibt. Eine Änderung unseres Konsums ist deshalb keineswegs nur eine Lifestylefrage für hippe Großstädter, ist keine Modethema, sondern überlebenswichtig und von nachhaltiger Bedeutung für Millionen von Menschen.

Zugleich plagt sich der reiche Norden bereits mit dem ungekehrten Problem des Booms. Während die Zahl der Menschen in den bitterarmen Ländern noch rapide steigt, schrumpfen die reichen Gesellschaften in Europa, Japan und bald auch in China sowie einigen Schwellenländern. Statt Überbevölkerung muss man sich um Alterung und Vergreisung, um den Verlust an Kreativität und Erneuerbarkeit sorgen. Zuwanderung aus dem menschenreichen Süden, der teilhaben will (auch davon spricht übrigens die Arabellion), wird als Bedrohung erlebt, aber nicht als bewältigbare Herausforderung angenommen.

Ein Kind bedeutet Hoffnung. Sieben Milliarden Menschen sind nicht zu viel für diese Erde. Sie müssen allerdings eine Chance auf Entfaltung haben.