Mehr als 27 000 Berliner Schulanfänger erleben an diesem Wochenende ihre Einschulungsfeiern. Man kann ihnen nur wünschen, dass sie bald Freunde finden und Lehrer, die ihre Interessen erkennen und fördern. Das alles sollte in einer anregenden Lernatmosphäre geschehen.

Die Bedingungen, unter denen die neuen Schulanfänger eingeschult werden, sind allerdings nicht die besten. Die Berliner Grundschulen sind in ein seltsames Zwischenstadium geraten. Maßgebliche Dinge, die die Schulentwicklung betreffen, sind derzeit nicht entschieden.

Werden die meisten Grundschulen weiter das Jahrgangsübergreifende Lernen (JüL) pflegen, also die ersten zwei oder drei Jahrgänge gemeinsam unterrichten? Oder setzt sich die Rückkehr zum herkömmlichen jahrgangsbezogenen Unterricht durch? Aus pädagogischer Sicht wäre es wünschenswert, die Schulen würden an der Jahrgangsmischung in den ersten Jahren festhalten. Hier lernen die Kinder, selbstständig zu lernen, die Älteren bringen den Jüngeren etwas bei. Doch dafür muss es auch leistungsbereite und -fähige Kinder in einer Klasse geben. Bestenfalls die typische Berliner Mischung, die Kinder schon früh lebensklug machen kann.

An manchen Schulen in sozialen Brennpunkten sieht das leider anders aus, zumal dort unverständlicherweise Förderstunden für kleinere Klassen gestrichen worden sind. Und an Grundschulen, die keine zusätzlichen Stellen für Sprachförderung erhalten, reicht das Personal für ambitionierte pädagogische Projekte oft kaum aus.

Es zeigt sich nun, wie kontraproduktiv es war, JüL seinerzeit per Dekret zur Pflicht zu machen. Denn letztlich kommt es in der Schule auf den Lehrer an. Wenn dieser die Vorgaben nicht akzeptiert, scheitern auch die sinnvollsten Pläne. Der Senat hat das sehr spät erkannt und lässt nun den Schulen die Wahl.

Eine weitere Unbekannte für die Berliner Grundschulen versteckt sich hinter dem sperrigen Begriff Inklusion. In den nächsten Jahren sollen viele Förderschulen aufgelöst, behinderte Kindern der Besuch von Regelschulen ermöglicht werden. Das schreibt eine UN-Konvention vor.

Wer aber weiß, in welchem Maße allein ein verhaltensauffälliges Kind einen ganzen Klassenverband durcheinanderbringen kann, der ahnt, welch tiefgreifende Veränderungen das Prinzip der Inklusion in der pädagogischen Arbeit erfordert. Ungeklärt ist etwa, wie und nach welchen Kriterien der Förderbedarf überhaupt ermittelt werden soll. Bevor solche Fragen nicht beantwortet sind, mangelt es den Grundschulen an Planungssicherheit. Klar ist nur, dass das Projekt Inklusion zusätzliches Geld kostet. Das aber heißt, dass andere Bereiche des Bildungswesens noch weniger Mittel bekommen werden. Wichtiger denn je wird es, das vorhandene pädagogische Personal sinnvoll einzusetzen.

Leider sieht es derzeit nicht so aus, als würde die Senatsbildungsverwaltung den Grundschulen die nötige Priorität einräumen. Bisher jedenfalls stehen die neuen Sekundarschulen im Zentrum der bildungspolitischen Aufmerksamkeit. Dabei werden an Grundschulen und in Kitas wichtige Grundlagen für eine positive Entwicklung gelegt. Trotz aller berechtigter Kritik sollten sich Eltern nicht darauf beschränken, das Schulsystem für alles verantwortlich zu machen.

Studien besagen, dass zu zwei Dritteln das Elternhaus grundlegend ist für die Entwicklung eines Kindes, nur zu einem Drittel das staatliche Erziehungssystem. Das darf aber auch nicht dazu führen, dass Eltern den bundesweit relativ frühen Berliner Einschulungstermin aus übertriebener Fürsorglichkeit bewusst aufschieben. Für Kinder, die nicht schulreif sind, hat der Senat Ausnahmeregelungen geschaffen. Die Politik ist durchaus lernfähig.

Insgesamt aber leidet das Berliner Schulsystem daran, dass ehrgeizige Bildungsplaner zu viel auf einmal gewollt haben. Fortwährend führte man Reformen ein, die auf den ersten Blick einleuchtend waren. Allerdings wussten die wenigsten, wie das alles tatsächlich vor Ort umgesetzt werden soll. JüL, individuelle Förderung der Schüler, längeres gemeinsames Lernen, Sprachförderung, Ganztagsangebote, Turboabitur, eine neue Schulstruktur. Das alles hat zu einem gewissen Verdruss bei Eltern, Schülern und Lehrern geführt.

Mit manchen kräftezehrenden Reformen, so die Erfahrung der letzten Jahre, kann man das eigentümliche Biotop Schule nachhaltig beschädigen. Das sollten vor allem die wissen, die nun das Konzept zur Inklusion erarbeiten. Sonst droht alsbald eine weitere unschöne Begegnung mit der Realität.