Leitartikel: UN-Millenniumsziele: Ein Sieg gegen Armut

Heute ist von einer grandiosen Erfolgsgeschichte zu reden, spröde und mit Hilfe vieler Zahlen. Zwei Millenniumsziele der Vereinten Nationen sind in aller Stille vorfristig erreicht worden. Es gilt, eine gewaltige Leistung der internationalen Gemeinschaft zu feiern.

Das erste zur Jahrtausendwende formulierte Ziel lautete: Die Zahl derer, die von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen, solle bis 2015 halbiert werden. Als Ausgangsbasis sollte das Jahr 1990 gelten, damals lebten mehr als eine Milliarde Menschen praktisch von nichts.

Ziel 2: Zugang zu sauberem Wasser

Dieses wichtige Vorhaben der Vereinten Nationen ist fast fünf Jahre früher als geplant verwirklicht worden – und das, obwohl die Untergrenze für absolute Armut inzwischen von einem Dollar auf 1,25 Dollar angehoben wurde. Über den Fortschritt informiert ein Bericht der Weltbank, die im UN-Rahmen für Finanzierung und Überwachung von Entwicklungsprojekten zuständig ist. Er kommt zu dem Schluss: „Die 1,25-Dollar-pro-Tag-Rate ist im Jahr 2010 unter die Hälfte des Wertes von 1990 gefallen.“ Schon im Millenniumsreport 2011 konnte die Uno mitteilen, man könne sich nun weiterführende Ziele setzen. Interessierte finden viele Daten unter http://iresearch.worldbank.org/PovcalNet/index.htm.

In dieser Woche erklärte Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon, dass ein weiteres Millenniumsziel vor der gesetzten Frist erreicht worden sei: Von je 100 Menschen der Weltbevölkerung haben heute 89 Zugang zu sauberem Trinkwasser. Das sind 6,1 Milliarden Menschen und ein Prozent mehr als die für 2015 von der Uno angepeilten 88 Prozent. Die Experten hoffen, dass die Quote bis zum Zieljahr auf 92 Prozent steigt. Heute können zwei Milliarden Menschen mehr als 1990 täglich sauberes Wasser trinken. Das ist sensationell! Man muss einen Moment innehalten, um zu begreifen, was das bedeutet: Milliarden weniger Durchfallerkrankungen, die häufigste Todesursache für Kinder; milliardenfach weniger alltägliches Leiden – Leiden, die zuvor unausweichlich waren, weil der Mensch ja trinken muss.

Erfolgsrezept: Selbsthilfe fördern

Warum aber fällt der Jubel aus? Stimmt der alte Journalistenspruch, eine gute Nachricht sei keine Nachricht? Nein! Das Beschweigen dieser wunderbaren, so vielen Menschen nützlichen, ja lebensrettenden Fortschritte liegt daran, dass der Erfolg die falschen Väter hat. Der erste heißt Globalisierung. Handel und Austausch schlossen jene Länder an die Wirtschaftskreisläufe an, die zuvor abgehängt waren. Es wurde investiert, in der Regel floss Privatkapital. Dort, wo militärische Konflikte beendet wurden, blühten Länder auf, zum Beispiel Kambodscha. Arbeitsplätze (wenn auch oft prekäre) entstanden. Auch an dem zweiten Vater des humanitären Fortschritts haben viele etwas auszusetzen. Er heißt Autoritarismus und zeigt sich im Entwicklungswillen von Regimes wie in China oder Ruanda. Man mag dort über Mangel an bürgerlichen Freiheiten klagen, aber die Armut schwindet in eindrucksvollem Tempo. Der dritte Vater ist wenigstens mit westlich-nördlicher Entwicklungshilfe verwandt: Wo sich Regierungen zu guter Regierungsführung entschlossen, und dazu, die Menschen als Akteure zu respektieren, ging es voran.

Es mag den vielen Aktivisten der Weltverbesserung nicht gefallen, aber die Erfolge sind nicht in erster Linie durch wohlgemeinten Hilfsgelder-Transfer von Nord nach Süd erreicht worden, sondern durch Wachstum, Marktwirtschaft und Freisetzung der Selbsthilfekräfte der Menschen in den armen Ländern. Ausländische Helfern haben den Prozess vielerorts unterstützt, vor allem dann mit nachhaltigem Erfolg, wenn es gelang, Verwaltungen zu stärken, Finanzbehörden aufzubauen, Gerichte zu qualifizieren.

Im Bereich der Wasserversorgung gelang der Durchbruch, als sich gegen hartnäckigen, nicht zuletzt ideologisch motivierten Widerstand die Einsicht durchsetzte, dass Wasser zwar naturgegeben ist, aber zugleich eine wertvolle Ressource, die ihren Preis hat. Seit gezahlt wird, und seien es nur Pennys, funktionieren Wasserwerke und Wasserkioske, gibt es mehr Geld, um leckende Rohre zu reparieren, Abwasser sicher zu entsorgen, Toiletten zu bauen.

Die Armut ist immer noch beschämend hoch

Es gibt noch eine andere, eine humane Erklärung für das Ausbleiben von Jubel in der Entwicklungshelfer-Szene: Noch immer leben Hunderte Millionen Menschen dieser Erde von 1,25 Dollar und weniger pro Tag, haben Hunderte Millionen kein gutes Trinkwasser. Und wer wollte behaupten, von 2,50 Dollar ließe sich prima leben. Die Armut ist weiter beschämend hoch. Das Erreichte ist gefährdet, sei es durch Kriege, Umwelt- oder Finanzkrisen. Täglich. Aber in vielen armen Ländern wurden Wege gefunden, wie das Elend zu bannen ist. Und jeder Interessierte konnte Einsichten gewinnen.