Leitartikel : VW - zu groß für Frau Ursula

Es ist vielleicht sein letzter großer Coup. VW-Patriarch Ferdinand Piëch wird seine Ehefrau Ursula in die Aufsichtsrat des Konzerns hieven. Mitte April wird die Hauptversammlung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Personalie zustimmen. Die wichtigsten Anteilseigner und auch die im Konzern enorm mächtigen Arbeitnehmervertreter haben schon zugestimmt.

Was passiert hier? Zugegeben, Piëch ist momentan äußerst erfolgreich. Der Konzern legte Anfang der Woche Rekordzahlen vor. Niemals zuvor hat das Unternehmen mehr verdient, niemals zuvor mehr Autos verkauft. Doch die Methoden, mit denen Ferdinand Piëch den Konzern führt, stammen aus der Welt von vorgestern, aus der Welt seines Großvaters Ferdinand Porsche, der den Sportwagenbauer gründete und im Auftrag von Adolf Hitler das Volkswagenwerk in Wolfsburg aufbaute. Piëch führt gemeinsam mit VW-Vorstandschef Martin Winterkorn, seinem Vertrauten, den weltweit agierenden Konzern wie ein Familien-Unternehmen.

Der aktuelle Erfolg von Volkswagen verschleiert, dass da eine enorme Schieflage entstanden ist. Das Piëch-Prinzip passt nicht mehr in die Welt, es bringt enorme Risiken für den Konzern. Das wird vermutlich nicht in diesem, vielleicht auch nicht im nächsten Jahr, aber in der nächsten schweren Krise des Autobranche sichtbar werden.

Was zeichnet Piëch aus? Er ist ein Ingenieur vom alten Schlag. Begeistert von PS, Drehmoment und möglichst schmalen Spaltbaren zwischen den Karosserieteilen, was ihm einst den Spitznamen „Fugen-Ferdl“ eintrug. Mit dieser Obsession für das technisch Perfekte schaffte er es in den 70er Jahren den damals ziemlich heruntergekommenen Autobauer Audi wieder flott zu machen. Das Grundprinzip: Qualität ist für ihn alles, und die hält er nur für umsetzbar, wenn er mit einem handverlesenen Kreis von Managern die Kontrolle hat – und zwar möglichst allumfassend. Aus diesem Grund arbeitete der ältere Piëch fast genauso akribisch am Ausbau seiner Machtposition wie der junge Ingenieur Piëch sich in technische Details vertiefte.

Er war in dieser Hinsicht zunächst als VW-Vorstandsvorsitzender, später als Aufsichtsratschef rigoros. Das bekamen einige Top-Manager zu spüren. Wer nicht auf seiner Linie steht, hat verloren. Als es bei VW in den Jahren 2005 und 2006 nicht mehr so gut lief, als Stellenstreichungen anstanden, suchte er die Nähe des Betriebsrats, um den damaligen VW-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder in konzertierter Aktion abzusetzen und Winterkorn zu installieren.

Ein weiteres Mitglied im Kontrollgremium, das ihm bedingungslos folgen wird

Mit der Wahl seiner Frau in den Aufsichtsrat festigt er jetzt einerseits seine Position im Konzern und Aufsichtsgremium noch einmal zusätzlich. Mit der früheren Erzieherin gibt es ein Mitglied mehr in dem Kontrollgremium, das ihm bedingungslos folgt. Er will damit aber andererseits auch sicherstellen, dass die 20 Jahre jüngere Gattin in seinem Sinne weiter agiert, auch dann, wenn er nicht mehr unter den Lebenden weilt. Das ist Machtpolitik im Stil eines autokratischen Herrschers. Sie soll an seiner Stelle die allumfassende Kontrolle ausüben. Das heißt auf die Produktion von Autos umgemünzt: Vom Motorrad bis zum schweren Laster soll VW möglichst viel in Eigenregie machen. Hierin liegt das enorme Risiko, das sich bei VW in den vergangenen Jahren akkumuliert hat. Das Unternehmen wächst unaufhörlich, es hat derzeit 500.000 Beschäftigte, kein anderer Autobauer kommt auf eine annähernd so große Belegschaft. Das garantiert Erfolge, solange die weltweiten Märkte wachsen. Doch die Krise des Jahres 2009 hat gezeigt, wie schnell die Nachfrage einbrechen kann. Die Lehre aus dieser Krise war, dass Autobauer heutzutage extrem flexible Strukturen haben müssen. Nur so können sie die Auslastung der Werke steuern.

BMW hat gezeigt, wie das geht mit einem komplexen Verbund aus Werken und Kooperationen mit Zuliefern und anderen Autobauern. VW hingegen hat sich starre Strukturen geschaffen. Das bedeutet, die Auslastung der Werke sackt in der nächsten Krise ab; liegt sie unter 70 Prozent, rutscht das Unternehmen in die roten Zahlen und muss Autos verramschen. Das Beispiel der schweren Krise des weltgrößten Autobauers GM in den Jahren 2009 und 2010 hat deutlich gemacht, wie schnell so etwas die Existenz bedrohen kann. Das bedeutet auf VW umgemünzt, dass der Jobaufbau der guten Jahre womöglich mit einem enorm harten Jobabbau in den schlechten Jahren bezahlt werden muss.

Das ist dann der Moment, in dem sich Ursula Piëch als Krisenmanagerin bewähren muss. Ihrem Mann sprang in der 2009er Krise die Politik zu Hilfe. Diese stabilisierte in vielen wichtigen Märkten für VW die Nachfrage mit Abwrackprämien. Doch auf solche Hilfsprogramme kann Ursula Piëch nicht noch einmal rechnen.