Berlin - Klaus Wowereit und Frank Henkel haben professionell gearbeitet. Fünf Wochen, nachdem der Regierende Bürgermeister und der CDU-Chef sich zum ersten Gespräch getroffen haben, steht der neue Senat. Die Verhandlungen verliefen weitgehend reibungslos, beide Seiten sind fair miteinander umgegangen. Das muss festgehalten werden, weil es alles andere als selbstverständlich ist. Nach zehn Jahren Koalition mit der Linkspartei wechselt die SPD mal eben zur CDU – und in Berlin erklingen nur vereinzelte Buh-Rufe.

Im Rest der Republik mag man sich die Augen reiben, doch die Gelassenheit der angeblich so links geprägten Hauptstadtbevölkerung lässt sich erklären. Da sind zum Ersten die Grünen. Der verflossene Wunschpartner der Sozialdemokraten führt in diesen Tagen vor, wie weit er in Berlin von der Regierungsfähigkeit entfernt ist. Die Grünen selbst haben Wowereits kühle Abfuhr im Nachhinein legitimiert. Ideologiefreie, kompromissbereite Politiker sind angesichts dieser grünen Selbstdemontage ein Wert an sich geworden. Nicht nur CDU-Anhänger dürften im Moment froh sein, dass ihnen Rot-Grün erspart geblieben ist.

Zum Zweiten war die Zeit für Rot-Rot ganz einfach abgelaufen. SPD und Linkspartei sind sich zu ähnlich geworden, oder negativer formuliert: Am Ende schienen sie sich zu lähmen. Der Senat als Ganzes und die ihn tragenden Parteien machten den Eindruck, als würden sie nur noch verwalten. Kein Pep, kein nachvollziehbarer Streit um die besten Lösungen, wenig Mut zum Durchgreifen.

Die Berliner hatten ein feines Gespür dafür, dass diesem Bündnis die Puste ausgegangen ist. Sie waren es, die ihm die Mehrheit entzogen haben. Davon profitierte vor allem die CDU, denn Unmut gegen Rot-Rot gab es vor allem im Westteil der Stadt.

Die Grünen konnten die Erwartungen der bürgerlichen Wählerschaft nicht in ausreichendem Maß erfüllen, zugleich hat Frank Henkel im Wahlkampf keine Fehler gemacht. Er hat seine CDU großstädtisch genug positioniert, um als Alternative zu den Grünen durchzugehen. Erstaunlich, aber wahr.

Die Berliner wollen einfach nur Wowereit

In erster Linie jedoch dürfte der erstaunlich geräuschlose Wechsel zu Rot-Schwarz mit einer Person zu erklären sein. Die Berliner wollten ihren Regierenden behalten. Es ist ihnen zurzeit egal, wer im Senat sitzt – Hauptsache der Chef heißt Klaus Wowereit. Womit wir bei den Sozialdemokraten wären, nämlich der Frage, ob eine Koalition mit den Grünen für sie nicht besser gewesen wäre.

Hinter Klaus Wowereit gibt es wenig, personell und programmatisch wirkt die Partei vom jahrzehntelangen Regieren ausgelaugt. Die Grünen hätten eine Art Frischzellenkur sein können, nun regiert die SPD mit einem Partner, der vor Ideen für die Stadt nicht gerade übersprudelt. Mit einem Partner, der zur links orientierten SPD so viel weniger zu passen scheint.

Vielleicht ist es aber gerade das, was die Berliner Politik insgesamt und damit auch die ermattete SPD und die schläfrige CDU wieder zum Leben erwecken könnte. Die Verteilung der Senatsposten jedenfalls ist ein guter Anfang. Die SPD hat sich die bislang von der Linkspartei besetzten Themen Arbeit, Umwelt, Integration sowie Frauen gesichert und besetzt ansonsten wie bisher die großen Ressorts Stadtentwicklung, Bildung und Finanzen.

Genug Raum, sich zu profilieren

Die CDU wiederum bekommt neben Justiz, Gesundheit und Verbraucherschutz ihre Lieblingsbereiche Inneres und Wirtschaft, angereichert durch die Zukunftsfelder Forschung und Technologie. Beide haben genug Raum, sich zu profilieren.

Hoffentlich wird nun wieder mehr gehandelt im Senat, stärker und schneller angepackt. Das Ringen um die Inhalte des Koalitionsvertrages war ein vielversprechender Anfang, doch mehr nicht. Die skizzierten Projekte gehen in die richtige Richtung. Rot-Schwarz will die Stadt wirtschaftlich voran bringen, den Haushalt sanieren, mehr Arbeitsplätze schaffen, die Kitas weiter ausbauen, die Schulen zur Ruhe kommen lassen, die Infrastruktur verbessern und für mehr Sicherheit sorgen.

Noch sind das aber vor allem Überschriften, genauer bewerten lässt sich das Vertragswerk erst, wenn es vorliegt. Nur eines steht jetzt schon fest: Dramatische Kurswechsel sind nicht zu erwarten. Das ist auch nicht nötig.

Nun kommt es darauf an, dass die beiden Chefs auch geeignete Männer und Frauen aufbieten, die die angedachten Projekte zum Leben erwecken. Vielleicht bekommt dann ja sogar Klaus Wowereit wieder mehr Lust auf aktives Gestalten der Senatspolitik. Die Wahrscheinlichkeit, dass er nach zehn Jahren seine eigentliche Lieblingskoalition gezimmert hat, ist groß. Ein Rot-Roter war Wowereit im Grunde seines Herzens nämlich nie.